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Sobald er an letztgemeldten Orte glücklich angelanget, sah er sich zwar ziemlichermassen ausser Gefahr, jedennoch war ihm das herz dergestalt schwer, dass er die paar Tage, als er daselbst auf seine Equipage warten musste, keine Ruhe haben konnte, sondern nicht anders, als ob er einen Mord begangen, fast nicht in der Haut zu bleiben wusste.

Endlich kam sein Bedienter mit der Bagage und den Pferden an, dessen erste Frage war, ob der Kammerdiener bereits bei ihr Gn. angekommen wäre. Elbensteinen schoss das Blut sogleich, sagte aber: "Was sollte der Kammerdiener bei mir, ich habe ihm ja befohlen, auf dem Wagen bei der Bagage zu bleiben." Hierauf gab der Bediente zu vernehmen, dass der Kammerdiener gleich gestern abends, nachdem sie aus Mailand gereiset und ins Quartier gekommen, die kleine Chatoulle mit auf seine kammer genommen, unter dem Vorgeben, dass dieselbe leicht gestohlen werden könnte, ungeachtet der Wirt zu dem Wagen, welcher nicht abgepackt werden sollen, drei Mann Wache bestellet und sich teuer verschworen, dass sie sich keines Schadens oder Verlusts zu besorgen hätten. Es wäre auch in diesem Logis alles wohl und richtig zugegangen, frühmorgens wäre der Kammerdiener mit der Chatoulle sehr früh auf dem platz gewesen, hätte sie im Wagen an den vorigen Ort und sich drauf gesetzt, wäre auch den ganzen Vormittag lustig und guter Dinge gewesen, bis gegen mittag, da er über einige Übligkeit geklagt, jedoch vorgegeben, dass solches vom Fahren herrühren müsse, weil er lange nicht gefahren, sondern seitero immer geritten wäre. Mittags im Logis hätte er sehr wenig gegessen und geklagt, dass ihm aufs Essen nunmehr noch schlimmer wäre, deswegen hätte er, der Knecht, ihm bei der Abfahrt den neuen neapolitanischen Hengst zu reiten geben müssen, weil er vorgegeben, wie es dem Pferde ohnedem weit dienlicher sei, wenn es geritten, als wenn es an der Hand geführt würde. Zwei bis drei Stunden wäre der Kammerdiener immer auf 50 bis 100 Schritte voraus geritten, endlich aber, da sie durch einen Wald passieren müssen, habe er sich verloren und wäre seitdem nicht wieder zum Vorscheine gekommen.

Elbenstein stunde anfänglich nicht anders, als ob er vom Schlage gerühret wäre, rekolligierte sich aber bald wieder und liess vor allen Dingen die Chatoulle herbeibringen, da er denn bald die Gewissheit dessen erfuhr, was er gemutmasset, dass nämlich der Kammerdiener die Chatoulle beraubt und mit dem Pferde darvongeritten wäre. Es konnte Elbenstein seinen Verlust an Gelde und andern Pretiosis gar gern auf 5 bis 600 Dukaten schätzen, jedoch war er nur froh, dass er das Beste in dem einen stark verwahrten Coffre noch unversehrt antraf, auch an den Briefschaften, die in der Chatoulle gelegen, nicht das geringste vermissete, im übrigen, da er dafür hielt, dass es viel zu weitläuftig und endlich doch vergeblich sein würde, dem Schelme nachzuschicken oder ihn durch Steckbriefe zu verfolgen, so schlug er sich diesen Verlust aus dem Sinne und dachte einesteils: 'Wie gewonnen, so zerronnen!' Hierauf setzte er seine Reise mit grösster Gelassenheit und lauter guten christlichen Gedanken mit kurzen Tagereisen weiter fort und langete, nachdem er den Montecenari wie auch den St.-Gottards-Berg glücklich passieret, zu Basel frisch und gesund an. Daselbst verkaufte er seine Pferde und ging zu wasser nach Breisach und Strassburg, von dannen aber über Lichtenau und Rastatt nach D., wo er den Winter über zu bleiben, auf den Frühling aber nach St. zu gehen beschloss.

Diesemnach berichtete er seinen Eltern den Ort seines Aufentalts und wessen er sich entschlossen. Ob er aber gleich noch Barschaft genug hatte, sich länger als ein paar Jahr damit zu behelfen, so versuchte er doch seine Eltern und bat dieselben, ihm zu seiner Subsistance 100 Taler zu übermachen. Mittlerweile erteilete er seinem italiänischen Bedienten, der sich jederzeit getreu und wohl bei ihm aufgeführet, damals aber der deutschen Luft nicht gewohnt werden konnte, auf dessen inständiges Bitten seinen Abschied, gab ihm seinen versprochenen und wohlverdienten Lohn, auch noch etliche Taler zu Zehrungskosten bis nach seiner Heimat drüber und machte demselben weis, als ob er selbsten nicht über etliche Tage noch in D. zu verbleiben gesonnen wäre; allein es war sein Ernst nicht, gegen den Winter weiter zu reisen, sondern nahm einen ehrlichen Schwaben in seine Dienste und bezog ein bequemes Logis.

Sein Herr Vater schickte ihm zwar nach Verlauf dreier Wochen die verlangten 100 Taler, gab ihm aber dabei auch schriftlich eine ziemliche Reprimende wegen seiner in Italien gepflogenen Löffelei, indem derselbe einigermassen hinter seine Liebesaventuren gekommen war, und zwar folgendergestalt: Es hatte Elbensteins geistliche Venus, die Donna Marinalba, nicht sobald seine geschwinde Abreise vernommen, als sie durch listiges Nachforschen, wer die Kaufleute in Venedig wären, die bishero Elbensteinen seine Wechsel bezahlt hätten, endlich erfuhr, dass ein gewisser Banquier namens Giovanni Ferranzoni ihm einen Wechsel von 120 Ducati di Venetia ausgezahlet; von diesem bekam sie hernach fernere Nachricht, dass die Herrn Hopffer und Bachmeier fernerweit jedesmal die Auszahlung der Wechsel und Spedierung der Briefe besorgt hätten. Durch dieser Herrn Adresse nun geriet folgender Brief in seines Herrn Vaters hände:

O meine schmerzliche Regungen! die ihr den Freudenmorgen meines Herzens in eine jammervolle Trauernacht verwandelt, indem Du Fladdergeist mit Deinen bezauberenden Schmeicheleien meine Seele zu verblenden gesucht hast, damit sie nochmals Deiner Grausamkeit zu fuss fallen müsse. Nun, nun! berühme Dich nur immerhin, dass Du über ein solches herz triumphieret hast, welches niemals