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in langer Zeit kein Wort antworten konnte, denn er sah erstlich bei einer honorablen Station einen starken Profit vor Augen, indem er wusste, dass der Fürst ein sehr généreuser Herr wäre, zum andern hätte er sich hierdurch dergestalt insinuieren können, zeitlebens das Faktotum an seinem hof zu bleiben, indem er alle Umstände bereits sehr genau eingesehen, auch gleichsam durch ein Perspektiv fast alles fernerweit einsehen konnte, denn er hatte sich seiner gewöhnlichen Curiosité nach um alles bekümmert. Da ihn aber seine gefährlichen Umstände, auch alle besorgliche Verwirrungen in die Gedanken fielen, blieb er bei dem Propos, seine Dimission zu fordern. Der Fürst ward seiner Bestürzung gewahr, fragte deswegen: "Wie? mein Elbenstein, will Er mir nicht diesen Gefallen erweisen?" "Durchlauchtigster Fürst!" gab dieser zur Antwort, "ich wünsche mir, bei einem so gnädigen und liebreichen Herrn zeitlebens zu dienen, allein die Verhinderung dessen muss ich dem Schicksale zuschreiben. Ew. Durchl. geruhen gnädigst, diesen Brief zu lesen, welcher in meiner Abwesenheit angekommen und mir erst gestern zugestellet ist." Unter diesen Worten zohe er den falschen Brief hervor und zeigte selbigen dem Fürsten. Dieser nahm und las denselben in Spazierengehen, blieb nachher eine gute Weile in Gedanken stehen; endlich da Elbenstein, welcher mit Fleiss zurückgeblieben, etwas näher kam, sagte der Fürst: "So will Er denn schon wieder von mir wegziehen?" "Gnädigster Herr!" antwortete Elbenstein, "Ew. Durchl. betrachten selbst, ob mir meine schwachen Eltern und mein armes unmündiges Geschwister nicht zu Herzen gehen müssen. Wer weiss, ob ich dieselben noch lebendig antreffe. Die verlangten Risse will [ich] Ew. Durchl. binnen wenig Tagen verfertigen, und zwar auf drei-, viererlei Art, so gut als es mir nur immer möglich ist. Die Direktion des Baues aber kann ich ohnmöglich übernehmen, sondern will nachher um gnädige Dimission bitten, weil ich entschlossen, so schnell als immer möglich dem väterlichen Befehle zu gehorsamen und nach haus zu eilen." Hierauf erkundigte sich der Fürst um seiner Eltern Umstände etwas weiter; da aber Elbenstein von ihren Rittergütern und andern Vermögen aus Not mehr prahlete, als sich's in der Wahrheit befand, sagte endlich der Fürst: "Bei so gestalten Sachen kann ich Ihn freilich wohl nicht verdenken, dass Er seine eigenen Angelegenheiten andern vorziehet, inzwischen sehe ich Ihn nicht gern von mir ziehen, indem ich mir vorgenommen, hier in Italien vor sein Glück bestmöglichst zu sorgen, weil es aber solchergestalt keine akzeptable Sache vor Ihm ist, so bitte mir nur aus, die Risse zu verfertigen, hernach will ich Ihm Seine Dimission und ein billiges Honorarium geben."

Hierauf eröffnete der Fürst wegen Anlegung und Ausbauung des Schlosses noch in verschiedenen Stücken seine Meinung, damit Elbenstein die Risse desto besser darnach einrichten könnte, da es aber mittlerweile Zeit zur Mittagsmahlzeit wurde, begab er sich wieder zurück in den Meierhof, speisete mit Elbensteinen ganz allein, sass immer in tiefen Gedanken, fuhr auch sogleich nach der Mahlzeit wieder zurück in seine Residenz und redete unterweges sehr wenig. Als sie daselbst angelanget, bekam Elbenstein Erlaubnis, nicht ordentlicherweise, sondern nur nach Belieben nach hof zu kommen, damit die Risse desto besser geraten möchten, er begab sich demnach in sein Logis, befahl sowohl den Wirts- als seinen Leuten, dass sie ihn gegen diejenigen, welche nichts Besonderes bei ihm anzubringen hätten, verleugnen sollten, indem er vor den Fürsten etwas Besonderes auszuarbeiten hätte und darinnen nicht gern verstört werden möchte.

Binnen sechs Tagen hatte er vier saubere Modelle von Schlössern fertig gemacht, legte also dieselben dem Fürsten vor, welcher einen besonderen Gefallen darüber bezeigte und Elbensteinen nochmals fragte, ob es denn noch sein würklicher Ernst wäre, dass er von ihm abreisen wolle. Elbenstein zuckte die Achseln und versicherte, dass ihm zeitlebens nichts kümmerlicher und schmerzhafter gefallen, als von einem solchen vortrefflichen und gnädigen Fürsten abzugehen, doch könne er auch nicht leugnen, dass bei so gestalten Sachen die Liebe zu seinen Eltern und Geschwistern absolute erforderte, seinem Verhängnisse unterwürfig zu sein. Demnach erteilete ihm der Fürst seine Dimission unter gnädigen Expressionen: wie nämlich Sr. Durchl. ihn ungern aus Dero Diensten gelassen, sondern lieber auf Lebenszeit darinnen behalten, woferne es Elbensteins eigene Angelegenheiten in seinem vaterland zugelassen hätten etc. Hiernächst empfing er über seine völlige Besoldung des Fürsten mit Edelgesteinen besetztes Bildnis und noch 100 spec. Dukaten, auch einen Pass, als ob er in fürstl. Affären nach Innspruck verschickt würde. Hierauf säumete er sich nicht lange mehr, sondern nachdem er bei allen, die ihm wohlgewollt, Abschied genommen, wendete er sich, anstatt seinen Weg durch Tyrol zu nehmen (wie er gegen jedermann vorgegeben hatte), gerade nach Mailand und dann ferner durch die Schweiz nach Strassburg. Sein Gewissen und die beständige Furcht, es würden seine Liebhaberinnen, wenn sie seine jählinge Abreise vernähmen, ihre Liebe in eine grausame Rache verwandeln und ihn, wiewohl ehemals andern widerfahren, durch nachgeschickte Banditen auf der Strasse ums Leben bringen lassen, gaben ihm gleichsam Flügel, dass er den vierten Tag nach seiner Abreise schon im Mailand war, wo er sich doch noch nicht sicher genug zu sein erachtete, weswegen er mit einer Ritorna, welche in einer Sänfte bestund, darauf ein vornehmer Prälat nach Mailand war gebracht worden, fortreisete und dem Kammerdiener mit der Bagage, auch seinen andern Bedienten mit den Pferden, gemählich nachzufolgen Befehl erteilete.