Kaum war er in sein Zimmer getreten, als ihm der Bediente einen versiegelten Brief überreichte, dessen Titul nach der deutschen Übersetzung also lautete:
An den allervollkommensten
und allervortrefflichsten
deutschen Kavalier
Wie nun schon der Titul einige Bestürzung bei ihm verursachte, zumalen da der Diener meldete, dass ein unbekannter Bote denselben überbracht und sich eiligst wieder fortgemacht hätte, so wurde er nach Lesung des Briefes noch um desto mehr bestürzt. Der Inhalt des briefes aber war folgender:
Allervollkommenster Kavalier!
Eine der vornehmsten, reichsten und schönsten Damen verlanget Euch zu sprechen, in dem haus einer gewissen Gärtnersfrau, die sich Margareta nennet, wo Ihr vernehmen werdet, warum man Euch dahin hat rufen lassen. Hütet Euch aber ja, jemanden, auch nicht einmal Eurem Diener etwas von dieser Sache zu entdecken. Morgen abends gegen zwölf Uhr könnet Ihr, jedoch ohne Begleitung, vor das Niedertor und zwischen den Gärten herunter spazieren, da Ihr denn in der Haustür obgemeldter Margreta eine Weibsperson werdet sitzen sehen, welche Blumenkränze windet. Gehet etwas zeitiger aus und bemerkt das Haus wohl, kommt aber punktuell um zwölf Uhr wieder zurück, da man Euch denn im Vorbeigehen schon anrufen wird. Lebt vergnügt und lasst Euch das Schweigen rekommendiert sein, sonst seid Ihr verloren. Elbenstein wusste nicht, worzu er sich entschliessen sollte, indem er sich bald dieses, bald jenes vorstellete. Er legte sich eine Zeitlang aufs Bette, um dieser Begebenheit ferner nachzusinnen, und endlich, nach langer Überlegung, fassete er den Schluss, sich vors allererste des Lebenswandels und anderer Umstände der Gärtnersfrau so genau, als es nur immer möglich, zu erkundigen. Zu dem Ende befahl er erstlich seinen Diener, nicht aus dem Logis zu gehen, sondern seiner Wiederkunft zu erwarten, weil er wegen eines empfindenden Schwindels im haupt sich der frischen Abendluft bedienen und auf ein oder ein paar Stunden vor das Tor spazierengehen wollte. Er spazierte also ganz sachte durch die Strasse; gleich vor dem Niedertore aber kam ihm ein Knabe von ungefähr 14 Jahren entgegen, welcher seiner lahmen Hand wegen ein Almosen von ihm erheischte. Elbenstein gab ihm eine Lira, welche vier Kaisergroschen beträgt, und weil in selbiger Gegend auf der Nähe kein Mensch zu hören und zu sehen war, fragte er erstlich den Knaben, wovon er die lahme Hand bekommen hätte, worauf der Pursche zur Antwort gab, dass ihm sein nunmehr vor zehn Jahren verstorbener eigener Vater nicht nur die Armröhren, sondern auch alle Gelenke der Finger zerbrochen hätte, weiln er als ein Kind seiner Mutter um den Hals gefallen, da sie der Vater aus einem bösen Verdacht erwürgen wollen. "Gehe mit mir", sagte Elbenstein, "und antworte mir auf alles, was ich dich frage, redlich, so sollst du noch zwei Liren haben." Der Pursche war willig dazu, und Elbenstein fragte weiter nichts, als wer in diesem oder jenem haus wohnete. Weilen nun die Häuser ziemlich weit voneinander lagen und Elbenstein sehr langsame Schritte tat, so hatte der Pursche Zeit genug, ihm nicht nur der Bewohner Namen, sondern auch verschiedenes von ihren Umständen zu melden. Endlich fiel Elbensteinen ein Häusgen in die Augen, welches sich seiner Nettigkeit wegen vor andern distinguierte, deswegen sagte er: "Dieses Häusgen wird gewiss vornehmern Leuten gehören?" "Ach nein!" gab der Knabe zur Antwort, "es gehöret ebenfalls nur einer Weingärtnerin, welche aber unter allen andern ohnstreitig die vornehmste zu nennen ist. Aus einer armen Frau ist sie, wie mir meine Mutter gesagt, eine wohlhabende Frau worden, denn ihr Mann ist zwar erstlich nur ein armer Fagino oder Taglöhner gewesen, weil aber sie, die vor der Zeit in einem vornehmen haus zu Venedig als Köchin gedienet, sich dennoch in ihn verliebt, so wäre ihre herrschaft so gnädig gewesen, diesen Leuten, nachdem sie sich miteinander verheiratet, von Zeit zu Zeit so viel zu schenken, dass sie sich nachgerade dieses schöne Häusgen, Gärten, Weinberge, Ländereien und dergl. ankaufen und erbauen können. Diese Frau", fuhr der Pursche im Reden fort, "heisst man nur die glückselige Margareta, sie ist aber seit etwa einem Jahre her zur Wittbe worden, weil ihr Mann, als er von einem gewissen Herrn von Padua aus mit Briefen weggeschickt, unterweges von einem Banditen dergestalt tödlich verwundet worden, dass er etliche Tage hernach an den empfangenen Blessuren sterben müssen. Den Täter hätte man bekommen und ihm sein Recht getan; unterdessen spürete die Margareta keinen Mangel in ihrer Nahrung, denn es pflegten zur Zeit der Weinlese sehr viele Dames und Kavaliers bei ihr einzusprechen, weil sie vier sauber meublierte Zimmer jederzeit bereit hielte, und da sie mit den Kochen wohl übereinkommen, auch sonsten alles schaffen könnte, was ein jedes verlangete, so verdiente sie sich sonderlich um diese Zeit ein ungemeines Stücke Geld."
Aus diesem Berichte und da er, Elbenstein, nunmehr nur das Haus wusste, hatte er schon ziemlichermassen genug, deswegen wendete er sich mit seinem Begleiter in eine Quergasse, so zwischen den Gärten durchging, gab dem Purschen noch drei Liren und bat, dass er ihn durch einen andern Weg wieder zurück in die Stadt führen möchte, weilen er wegen zugestossener Müdigkeit seinen vorgesetzten Spaziergang nicht vollführen könnte. Der Pursche, welcher vielleicht in langer Zeit nicht so viel Geld beisammen gehabt, wusste vor Freuden nicht, was er sagen sollte, er küssete dem von Elbenstein wohl 100mal den Rockzipfel und sagte: "Oh! was sind doch die