und in Ketten und Banden geschlossen werden.
Anfänglich vermeinet mein Vater, seine Feinde am königlichen hof würden ihn allhier ausgekundschafft und feste gemacht haben, erschrickt aber desto hefftiger, als man ihn so wohl als meine Mutter wegen des Diebstahls, den sie bei der verstorbenen Müllerin unternommen haben sollten, zur Rede setzt. Sintemal aber in diesem Stücke beide ein gutes Gewissen haben, und fernere Weitläufftigkeiten zu vermeiden, dem Ober-Richter die ganze Sache offenbaren, werden sie zwar nach fernern weitläufftigen Untersuchungen von des Müllers Anklage loss gesprochen, jedennoch so lange in gefänglicher Hafft behalten, biss sie ihres Standes und Wesens halber gewissere Versicherungen einbrächten, weiln das Vorgeben wegen eines vertriebenen Schulmeisters falsch befunden worden, und der Ober-Richter, ich weiss nicht was vor andere verdächtige Personen, in ihrer Haut gesucht.
Mittlerweile lieff ich armer 6. jähriger Wurm in der Irre herum, und nehrete mich von den Brosamen, die von frembder Leute Tische fielen, hatte zwar öffters erlaubnis, meine Eltern in ihren Gefängnisse zu besuchen, welche aber, so offt sie mich sahen, die bittersten Tränen vergossen, und vor Jammer hätten vergehen mögen. Da ich nun solcher Gestalt wenig Freude bei ihnen hatte, kam ich künfftig desto sparsamer zu ihnen, gesellete mich hergegen fast täglich zu einem Gänse-Hirten, bei dem ich das Vergnügen hatte, im feld herum zu lauffen, und mit den mir höchst angenehmen Creaturen, nämlich den jungen und alten Gänsen, zu spielen, und sie hüten zu helffen, wovor mich der Gänse-Hirte mit aller Notdurfft ziemlich versorgte.
Eines Tages, da sich dieser mein Wohltäter an einen schattigten Orte zur Ruhe gelegt, und mir das Commando über die Gänse allein überlassen hatte; kam ein Cavalier mit zweien Bedienten geritten, welchen ein grosser englischer Hund folgte. Dieser tummelte sich unter meinen Gänsen lustig herum, und biss fast in einem Augenblick 5. oder 6. Stück zu tod. So klein als ich war, so hefftig ergrimmte mein Zorn über diesen Mörder, lieff deswegen als ein junger Wüterich auf denselben loss, und stiess ihm mit einen bei mir habenden spitzigen Stock dermassen tieff in den Leib hinein, dass er auf der Stelle liegen blieb. Der eine Bediente des Cavaliers kam deswegen schrecklich erbost zurück geritten, und gab mir mit der Peitsche einen ziemlichen Hieb über die Lenden, weswegen ich noch ergrimmter wurde, und seinem Pferde etliche blutige Stiche gab.
Hierauf kam so wohl mein Meister als der Cavalier selbst herbei, welcher letztere über die Herzhafftigkeit eines solchen kleinen Knabens, wie ich war, recht erstaunete, zumahlen ich denjenigen, der mich geschlagen hatte, noch immer mit grimmigen Gebärden ansahe. Der Cavalier aber liess sich mit dem GänseGeneral in ein langes Gespräch ein, und erfuhr von demselben mein und meiner Eltern Zustand. Es ist Schade, sagte hierauf der Cavalier, dass dieser Knabe, dessen Gesichts-Züge und angeborne Herzhafftigkeit etwas besonderes zeigen, in seiner zarten Jugend verwahrloset werden soll. Wie heissest du, mein Sohn? fragte er mit einer liebreichen Miene, David Rawkin gab ich ganz trotzig zur Antwort. Er fragte mich weiter: Ob ich mit ihm reisen, und bei ihm bleiben wolte, denn er wäre ein Edelmann, der nicht ferne von hier sein Schloss hätte, und gesinnet sei, mich in einen weit bessern Stand zu setzen, als worin ich mich jetzt befände. Ich besonne mich nicht lange, sondern versprach ihm, ganz gern zu folgen, doch mit dem Bedinge, wenn er mir vor dem bösen Kerl Friede schaffen, und meinen Eltern aus dem gefängnis helffen wolte. Er belachte das erstere, und versicherte, dass mir niemand Leid zufügen sollte, wegen meiner Eltern aber wolle er mit denn Ober-Richter reden.
Demnach nahm mich derjenige Bediente, welcher mein Feind gewesen, nunmehr mit sehr freundlichen Gebärden hinter sich aufs Pferd, und folgten dem Cavalier, der dem Gänse-Hirten 2. hände voll Geld gegeben, und befohlen hatte, meinen Eltern die Helffte davon zu bringen, und ihnen zu sagen, wo ich geblieben wäre.
Es ist nicht zu beschreiben, mit was vor Gewogenheit ich nicht allein von des Edelmanns Frau und ihren zwei 8. biss 10. jahrigen Kindern, als einem Sohne und einer Tochter, sondern auch von dem ganzen haus-Gesinde angenommen wurde, weil mein munteres Wesen allen angenehm war. Man steckte mich so gleich in andere Kleider, und machte in allen Stücken zu meiner Auferziehung den herrlichsten Anfang. Mein Herr nahm mich wenig Tage hernach mit sich zum Ober-Richter, und würckte so viel, dass meine Eltern, die derselbe im Gefängnisse fast ganz vergessen zu haben schien, auf neue zum Verhör kamen. Kaum aber hatte mein Herr meinen Vater und Mutter recht in die Augen gefasset, als ihm die Tränen von den Wangen rolleten, und er sich nicht entalten konte, vom stuhl aufzustehen, sie beiderseits zu umarmen.
Mein Vater sah sich solcher Gestalt entdeckt, hielt deswegen vor weit schädlicher, sich gegen dem Ober-Richter ferner zu verstellen, sondern offenbarete demselben seinen ganzen Stand und Wesen. Mein Edelmann, der sich Eduard Sadby nennete, sagte öffentlich: Ich bin in meinem herzen völlig überzeugt, dass diese armen Leute an dem Laster der beleidigten Majestät, welches ihre Eltern und Freunde begangen haben, unschuldig sind, man verfähret zu scharff, indem man die Straffe der Eltern auch auf die unschuldigen Kinder ausdehnet. Mein Gewissen läst es unmöglich zu