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sich nachher schlecht weg Rawkins nennen müssen, um nur in einer frembden Provinz ohne Schimpff ruhig, obschon elend, zu leben. Meine Eltern, ob sie gleich unschuldig an allen Ubeltaten der Ihrigen gewesen, waren doch durch derselben Fall gänzlich mit niedergeschlagen worden, so, dass sie, einem fürchterlichen Gefängnisse und andern Beschwerlichkeiten zu entgehen, mit ihren besten Sachen die Flucht genommen hatten. Doch, wenn sich das Verhängniss einmal vorgesetzt hat, unglückseelige Menschen nachdrücklich zu verfolgen, so müssen sich auch auf der allersichersten Strasse ihre Feinde finden lassen. So war es meinen Eltern ergangen, denn da sie allbereit weit genug hinweg, also von ihren Verfolgern sicher zu sein vermeinen, werden die armen Leute des Nachts von einer Rotte Strassen-Räuber überfallen, und biss aufs blosse Hembde ausgeplündert und fortgejagt, so, dass sie kaum mit anbrechenden Tage eine Mühle antreffen können, in welche sie von der barmhertzigen Müllerin aufgenommen und mit etlichen alten Kleidern bedeckt werden. Weiln aber der dazu kommende närrische Müller hierüber scheele Augen macht, und sich so wenig durch meiner Eltern gehabtes Unglück, als durch meiner Eltern Schönheit und Zärtlichkeit zum Mitleiden bewegen lässt, müssen sie, nachdem er doch aus besonderen Gnaden ihnen ein halbes Brod und 2. Käse gegeben, ihren Stab weiter setzen, werden aber von einer Vieh-Magd, die ihnen die barmhertzige Müllerin nachgeschickt, in eine kleine BauerWohnung des nächst-gelegenen Dorffs geführt, anbei wird ihnen eine halbe Guinee an Gelde überreicht, und der Bauers-Frau befohlen, diese Gäste auf der Müllerin Unkosten bestens zu bewirten.

Also haben meine armen Eltern allhier Zeit genug gehabt, ihr Unglück zu bejammern, anbei aber dennoch die besondere Vorsorge GOttes und die Gütigkeit der Müllerin zu preisen, welche fromme Frau meine Mutter wenigstens wöchentlich ein paar mal besucht, und unter der Hand wider ihres Mannes Wissen reichlich versorget, weiln sie als eine betagte Frau, die weder Kinder noch andere Erben, als ihren unvernünfftigen Mann, dem sie alles zugebracht hatte, sich ein Vergnügen machte, armen Leuten von ihrem Uberflusse gutes zu tun.

In der dritten Woche ihres dasigen Aufentalts kommt meine Mutter mit mir ins Wochen-Bette, die Müllerin nebst andern Bauers-Leuten werden zu meinen Tauff-Zeugen erwehlet, welche erstere die ganze Ausrichtung aus ihren Beutel bezahlet, und meiner Mutter aufs äuserste verbietet, ihr grosses Armut niemanden kund zu geben, sondern jedermann zu bereden, ihr Mann, als mein Vater, sei ein von einem unruhigen Bischoffe vertriebener Schulmeister.

Dieser Einfall scheinet meinem Vater sehr geschicklich, seinen Stand, person und ganzes Wesen, allen erforderlichen Umständen nach, zu verbergen, deswegen macht er sich denselben von stunde an wohl zu Nutze, und passieret auch solcher Gestalt vor allen Leuten, als ein abgedanckter Schulmeister, zumal da er sich eine dazu behörige Kleidung verfertigen lässt. Er schrieb eine sehr feine Hand, deswegen geben ihm die daherum wohnenden Pfarr-Herren und andere Gelehrten so viel abzuschreiben, dass er das tägliche Brod vor sich, meine Mutter und mich damit kümmerlich verdienen kan, und also der wohltätigen Müllerin nicht allzu beschwerlich fallen darff, die dem ungeachtet nicht unterliess, meine Mutter wöchentlich mit Gelde und andern Bedürffnissen zu versorgen.

Doch etwa ein halbes Jahr nach meiner Geburt legt sich diese Wohltäterin unverhofft aufs krancken Bette nieder, und stirbt, nachdem sie vorher meine Mutter zu sich kommen lassen, und derselben einen Beutel mit Gold-Stücken, die sich am Werte höher als 40. Pfund Sterlings belaufen, zu meiner Erziehung eingehändiget, und ausdrücklich gesagt hatte, dass wir dieses ihres heimlich gesammleten Schatz-Geldes würdiger und bedürfftiger wären, als ihr ungetreuer Mann, der ein weit mehreres mit Huren durchgebracht, und vielleicht alles, was er durch die Heirat mit ihr erworben, nach ihrem tod auch bald durchbringen würde.

Mit diesem kleinen Capitale sehen sich meine Eltern bei ihren damahligen Zustande ziemlich geholffen, und mein Vater läst sich in den Sinn kommen, seine Frau und Kind aufzupacken, und mit diesem Gelde nach Holland oder Franckreich überzugehen, um daselbst entweder zu land oder zur See krieges-Dienste zu suchen, allein, auf inständiges Bitten meiner Mutter, läst er sich solche löbliche gedanken vergehen, und dahin bringen, dass er den erledigten Schulmeister-Dienst in unsern Dorffe annimmt, der jährlich, alles zusammen gerechnet, etwa 10. Pfund Sterlings Einkommens gehabt.

Vier Jahr lang verwaltet mein Vater diesen Dienst in stillen Vergnügen, weil sich sein und meiner Mutter Sinn nun gänzlich in dergleichen Lebens-Art verliebet. Jedermann ist vollkommen wohl mit ihm zufrieden und bemühet, seinen Fleiss mit ausserordentlichen Geschencken zu vergelten, weswegen meine Eltern einen kleinen Anfang zu Erkauffung eines BauerGütgens machen, und ihr bisshero zusammen gespartes Geld an Ländereien legen wollen, weil aber noch etwas weniges an den bedungenen Kauff-Geldern mangelt, siehet sich meine Mutter genötiget, das letzte und beste gehänckelte Gold-Stück, so sie von der Müllerin bekommen, bei ihrer Nachbarin zu versetzen.

Diese falsche Frau gibt zwar so viele kleine Münze darauf, als meine Mutter begehret, weil sie aber das sehr kennbare Gold-Stück sehr öffters bei der verstorbenen Müllerin gesehen, über dieses mit dem Müller in verbotener Buhlschafft leben mag, zeiget sie das Gold-Stück dem Müller, der dasselbe gegen ein ander Pfand von ihr nimmt, zum Ober-Richter trägt, meinen Vater und Mutter eines Diebstahls halber anklagt, und es dahin bringt, dass beide zugleich plötzlich, unwissend warum, gefangen