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Sabina an einem harten Stücke Zwieback haben nagen sehen, weswegen so gleich ein Lermen entstund, so, dass viele behaupten wolten, es müste noch vor alle Vorrat genug vorhanden sein. deswegen rotteten sich etliche zusammen, brachen in unsere kammer ein, und da sie noch vor etwa zehn Personen auf 3. Wochen Speise darinnen fanden, wurden wir dieser wegen erbärmlich, ja fast biss auf den Tod von ihnen geprügelt. Mons. Schimmer hatte dieses Lerm nicht so bald vernommen, als er mit seinen Freunden herzu kam, und uns aus ihren Händen retten wolte, da aber so gleich einer von seiner Partei darnieder gestochen wurde, kam es zu einem solchen entsetzlichen Blutvergiessen, dass, wenn ich noch daran gedencke, mir die Haare zu Berge stehen. Alexander und Gallus, welche sich nunmehr als öffentliche RädelsFührer und abgesagte Feinde darstelleten, auch Schimmern ziemlich ins Haupt verwundet hatten, mussten alle beide von seinen Händen sterben, und da die andern seiner Löwen-mässigen Tapfferkeit nachahmeten, wurden ihre Feinde binnen einer Stunde meistens vertilget, die übrigen aber baten mit Aufzeigung ihrer blutigen Merckmahle um Gnade und Leben.

Es waren nunmehr in allen noch 25. Seelen auf dem Schiffe, worunter 5. Mohren und das schändliche Weibs-Bild begriffen waren, diese letztere wolte Schimmer durchaus ins Meer werfen, allein auf mein und meiner Schwester Bitten liess er es bleiben. Aller Speise-Vorrat wurde unter die Guten und Bösen in zwei gleiche Teile geteilet, ungeachtet sich der Frommen ihrer 14. der Bösen aber nur 11. befanden, nachdem aber das süsse wasser ausgetrunken war, und wir uns nur mit zubereiteten See-wasser behelfen mussten, riss die schädliche Kranckheit, nämlich der Schaarbock, als mit welchen ohnedem schon viele befallen worden, auf einmal dermassen hefftig ein, dass in wenig Tagen von beiden Teilen 10. Personen sturben. Endlich kam die Reihe auch an meine liebe Schwester, welche ich mit bittern Tränen und Sabinens getreuer Hülffe auf ein Bret band, und selbige den wilden Fluten zum Begräbniss übergab. Es folgten ihr kurz darauf noch 5. andere, die teils vom Hunger, teils von der Kranckheit hingerafft wurden, und da wir übrigen, nämlich: Ich, Sabina, Schimmer, Larson, Rawkin, Schmerd, Hulst, Farding, und das schändliche Weibs-Bild, die sich Clara nennete, auch nunmehr weder zu beissen, noch zu brocken hatten, über dieses von erwehnter Kranckheit hefftig angegriffen waren, erwarteten wir fast täglich die letzte Stunde unseres Lebens. Allein, die sonderbare gnädige Fügung des barmhertzigen himmels führte uns endlich gegen diesen von aussen wüste scheinenden Felsen, in der Tat aber unsern werten Errettern in die hände, welche keinen Augenblick versäumten, die allerelendesten Leute von der ganzen Welt, nämlich uns, in beglücktern, ja in den allerglückseeligsten Stand auf Erden zu versetzen. Schmerd, Hulst und Farding, die 3. redlichen und frommen Leute, mussten zwar so wohl als die schandbare Clara, gleich in den ersten Tagen allhier ihren Geist aufgeben, doch wir noch übrigen 5., wurden durch GOttes Barmhertzigkeit und durch die gute Verpflegung dieser frommen Leute erhalten. Wie nachher ich meinem liebsten Alberto, der mich auf seinem rücken in dieses Paradies getragen, und wie diese liebe Sabina ihrem Gemahl Stephano, der ihr eben dergleichen Gütigkeit erwiesen, zu Teile worden, auch was sich weiter mit uns damahls neu angekommenen Gästen zugetragen, wird vielleicht ein andermal bequemlicher zu erzehlen sein, wiewohl ich nicht zweiffele, dass es mein liestber Schwieger-Vater geschickter als ich verrichten wird. Voritzo bitte nur mit meinem guten Willen zufrieden zu sein.

Also endigte die angenehme Matrone vor dieses mahl ihre Erzehlung, weil es allbereits ziemlich späte war. Wir danckten derselben darvor mit einem liebreichen Hand-Kusse, und legeten uns hernach sämmtlich zur Ruhe, nahmen aber nächstfolgenden Morgen unsere Lust-Fahrt auf Christians-Raum zu. Hieselbst waren nicht mehr als 10. wohl erbauete Feuer-Stätten, nebst dazu gehörigen Scheuern, Ställen, und ungemein schönen Garten-Wercke anzutreffen, anbei die Haupt-Schleusen des Nord-Flusses, nebst dem Canal, der das wasser zu beliebiger Zeit in die kleine See zu führen, durch Menschen-hände ausgegraben war, wohl Betrachtenswürdig. Diese Pflanz-Stadt lag also zwischen den Flüssen ungemein lustig, hatte zwar in ihrem Bezirck keine Weinberge, hergegen so wohl als andere ein vortrefflich wohlbestelltes Feld, Holtzung, wild und herrlichen Fischfang. Vor die gute Aufsicht, und Besorgung wegen der Brücken und Schleusen, mussten ihnen alle andern Einwohner der Insul sonderlich verbunden sein, auch davor einen gewissen Zoll an Weine, Saltz und andern Dingen, die sie nicht selbst in der Nähe haben konnten, entrichten.

Wir hielten uns allhier nicht lange auf, sondern reiseten, nachdem wir ihnen das gewöhnliche Geschencke gereicht, und die Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten, wieder zurück. Abends, zu gewöhnlicher Zeit aber, fing David Rawkin auf Erinnerung des Alt-Vaters denen Versammleten seine Lebens-Geschicht folgender massen zu erzehlen an:

Ich stamme, sagte er, aus einem der vornehmsten Lords-Geschlechte in Engelland her, und bin dennoch im Jahr 1640. von sehr armen Eltern in einer BauerHütte auf dem Dorffe gebohren worden, weiln das Verbrechen meiner Vor-Eltern, so wohl väterlicher als mütterlicher Seite, ihre Nachkommen nicht allein um alles Vermögen, sondern so gar um ihren sonst ehrlichen Geschlechts-Nahmen gebracht, indem sie denselben aus Not verläugnen, und