anhero komme, und euch abruffe. Ich versprach seinem Befehl zu gehorsamen, er aber ging eilends fort, und kam, ehe noch eine Stunde verstrichen, wieder zurück, nahm mich bei der Hand, und sagte: So komet denn, mein Sohn, und folget mir in mein Logis, wo ich euch ein solches geheimnis entdecken werde, welches, je unglaublicher es anfänglich scheinen, desto kostbarer vor euch sein wird. Die verschiedenen Gemüts-Bewegungen, so bei dieser Zusammenkunfft in mir ganz wunderlich durch einander gingen, hatten meinen Kopff dermassen verwirret, dass fast nicht mehr wuste, was ich antworten, oder wie mich stellen wolte, doch unterwegens, da der kapitän bald mit diesen, bald mit jenen Personen etwas zu schaffen hatte, bekam ich Zeit, mich etwas wieder in Ordnung zu bringen. So bald wir demnach in seinem Logis eingetreten waren, umarmete er mich aufs neue, und sagte: Seid mir vielmahls willkommen, allerwertester Freund, und nehmet nicht ungütig, wenn ich euch hinführo, Mein Sohn, nenne, weiln die Zeit lehren soll, dass ich als ein Vater handeln, und euch an einen solchen Ort führen werde, wo ihr den Grund-Stein zu eurer zeitlichen Glückseeligkeit finden könnet, welche, wie ich glaube, durch das Unglück eures Vaters auf schwachen Fuss gesetzt worden. Jedoch, weil ich nicht gesonnen bin, vor eingenommener Mittags-Mahlzeit von unsern importanten Affairen ausführlich mit euch zu sprechen, so werdet ihr euch belieben lassen, selbe bei mir einzunehmen, inzwischen aber, biss die speisen zubereitet sind, mir eine kurtze Erzehlung von eurem Geschlechte und eigner Auferziehung tun. Ich wegerte mich im geringsten nicht, seinem Verlangen ein Genügen zu leisten, und fassete zwar alles in möglichste Kürtze, brachte aber dennoch länger als eine Stunde darmit zu, war auch eben fertig, da die speisen aufgetragen wurden.
Nachdem wir beiderseits gesättiget, und aufgestanden waren, befahl der kapitän, Toback und Pfeiffen her zu geben, auch Coffeé zurechte zu machen, er aber langete aus seinem Contoir einen dreimahl versiegelten Brieff, und überreichte mir selben ohne einiges Wortsprechen. Ich sah nach der Uberschrifft, und fand dieselbe zu meiner grössten Verwunderung also gesetzt:
Dieser im Nahmen der heiligen Dreifaltigkeit ver
siegelte Brieff soll von niemand anders gebro
chen werden, als einem, der den Geschlechts
Nahmen Julius führet, von dem ao. 1633 un
schuldig entaupteten Stephano Julius NB. er
weisslich abstammet, und aus keuschem Ehe
Bette gezeuget worden.
NB.
Der Fluch sehr alter Leute, die da GOtt fürchten, tut gottlosen und betrügerischen Leuten Schaden.
Dergleichen Titul und Uberschrifft eines Briefes war Zeit meines Lebens nicht vor meine Augen kommen, doch weil ich ein gut gewissen hatte, konte mich gar bald in den Handel schicken. Der kapitän Wolffgang sah mich starr an, ich aber machte eine freudige Mine, und sagte: Mon Pere, es fehlet nichts als Dero gütige erlaubnis, sonsten hätte ich die Macht und Freiheit, diesen Brieff zu erbrechen. Erbrechet denselben, antwortete er, im Nahmen der heil. Dreifaltigkeit. Weiln er, versetzte ich, im Nahmen der heil. Dreifaltigkeit geschrieben und versiegelt worden, und mein Gewissen von allen Betrügereien rein ist, so will ich, doch nicht anders, als auf Dero Befehl, denselben auch im Nahmen der heil. Dreifaltigkeit erbrechen. Mit Aussprechung dieser Worte lösete ich die Siegel, und fand den Innhalt also gesetzt:
Mein Enckel.
Anders kan und will ich euch nicht nennen, und wenn ihr gleich der mächtigste Fürst in Europa wäret, deñ es fragte sich, ob mein glückseliger charakter dem eurigen nicht vorzuziehen sei, indem ich ein solcher Souverain bin, dessen Untertanen so viel Liebe als Furcht, und so viel Furcht als Liebe hegen, über dieses an baaren Gelde und Jubelen einen solchen Schatz aufzuweisen habe, als ein grosser Fürst seinen Etaat zu formiren von nöten hat. Doch was nützet mir das Prahlen, ich lebe vergnügt, und will vergnügt sterben, wenn nur erst das Glück erlebt, einen von denenjenigen, welche meinen Geschlechts-Nahmen führen, gesehen zu haben. Machet euch auf, und kommet zu mir, ihr möget arm oder reich, krum oder lahm, alt oder jung sein, es gilt mir gleich viel, nur einen Julius von Geschlechte, der Gottesfürchtig und ohne Betrug ist, verlange ich zu umarmen, und ihm den grössten teil der mir und den Meinigen unnützlichen Schätze zuzuwenden. Dem Herrn Leonhard Wolffgang könnet ihr sicher trauen, weil er seine lincke Hand auf meine alte Brust gelegt, die rechte aber gegen GOtt dem Allmächtigen in die Höhe gereckt, jenigen Forderungen, so ich an ihn getan, nach Möglichkeit zu erfüllen. Er wird alles, was ich an euch zu schreiben Bedencken trage, besser mündlich ausrichten, und eine ziemliche Beschreibung von meinem Zustande machen. Folget ihm in allen, was er euch befiehlet, seid gesund, und kommet mit ihm bald zu mir. Dat. Felsenburg, den 29. Sept. Anno Christi 1724. Meiner Regierung im 78. und meines Alters im 97. Jahre.
(L.S.)
Albertus Julius.
Ich überlass den Brieff wohl 5. biss 6. mahl, konte mir aber dennoch in meinen gedanken keinen völligen und richtigen Begriff von der ganzen Sache machen, welches der kapitän Wolffgang leichtlich merckte, und deswegen zu mir sprach: Mein Sohn! alles euer Nachsinnen wird vergebens sein, ehe ihr die auflösung dieses