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aussen einen guten Schein von sich gab, in Geheim aber allen Wollüsten und liederlichem Leben oblage. Kaum hatte meine Schwester das 16te und ich mein 14 des Jahr erreicht, als sich schon eine ziemliche Anzahl junger vornehmer Leute um unsere Bekanntschafft bewarben, indem meine Schwester Philippine vor eine der schönsten Jungfrauen in Middelburg gehalten wurde, von meiner Gesichts-Bildung aber ging die Rede, als ob ich, ohne Ruhm zu melden, nicht allein meine Schwester, sondern auch alles andere Frauenzimmer im land an Schönheit übertreffen sollte. Doch schrieb man mir als einen besonders grossen Fehler zu, dass ich eines allzu stillen, eigensinnigen, melancholischen, daher verdrüsslichen temperaments wäre, dahingegen meine Schwester eine aufgeräumte und muntere Lebensart blicken liesse.

Wiewohl ich mich nun um dergleichen Vorwürfe wenig bekümmerte, so war dennoch gesinnet, dergleichen Aufführung bei ein oder anderer gelegenheit möglichstens zu verbergen, zumalen wenn mein ältester Bruder William dann und wann frembde Cavaliers in unser haus brachte. Solches war wenige mahl geschehen, als ich schon an einem, Jan van Landre genannt, einen eiffrigen Liebhaber wahrnahm, dessen ganz besonderer Hertzens-Freund, Joseph van Zutphen, meine Schwester Philippinam ebenfalls aufs äuserste zu bedienen suchte. Eines Abends, da wir solcher Gestalt in zulässigen Vergnügen beisammen sassen, und aus einem Glücks-Topffe, den Joseph van Zutphen mitgebracht hatte, allerhand lächerliche Loose zohen, bekam ich unter andern eines, worauf geschrieben stunde: Ich müste mich von demjenigen, der mich am meisten liebte, 10. mahl küssen lassen. Hierüber entstund unter 6. anwesenden Manns-Personen ein Streit, welcher mir zu entscheiden, anheim gestellet wurde, allein, um viele Weitläufftigkeiten zu vermeiden, sprach ich: Meine Herren! Man gibt mir ohnedem Schuld, dass ich eigensinnig und allzu wunderlich sei, deswegen lasset es dabei bewenden, und erlaubet mir, dass ich mein Armband auf den Boden der kammer werffe, wer nun selbiges am ersten erhaschet, soll nicht allein mich 10. mahl küssen, sondern auch das Armband zum Angedencken behalten.

Dieser Vorschlag wurde von allen mit besonderen Vergnügen angenommen, Joseph aber erwischte am allergeschwindesten das Arm-Band, welches Jan van Landre, der es an dem äusersten Ende nicht fest halten können, ihm überlassen muste. Jedoch er wandte sich zu ihm, und sagte mit grosser Bescheidenheit: Uberlasset mir, mein Bruder, nebst diesem Arm Bande euer darauf hafftendes Recht, wo es euch gefällig ist, zumal da ihr allbereits euer teil habet, und versichert sein könnet, dass ich dergleichen Kostbarkeit nicht umsonst von euch zu empfangen begehre. Allein Joseph empfand dieses Ansinnen dermassen übel, dass er in hefftigster Erbitterung gegen seinen Freund also heraus fuhr: Wer hat euch die Briefe vorgelesen, Jan van Landre, da ihr behaupten wollet, wie ich allbereits mein teil habe? Und was wollet ihr mit dergleichen niederträchtigen Zumutungen bei mir gewinnen? Meinet ihr etwa, dass mein Gemüt so Pöbelhafft beschaffen als das eure? und dass ich eine Kostbarkeit verkaufen soll, die doch weder von euch noch eurer ganzen Freundschafft nach ihrem Wert bezahlet werden kan? Verschonet mich deswegen in Zukunfft mit solchen törichten Reden, oder man wird euch zeigen, wer Joseph van Zutphen sei.

Indem nun von diesen beiden jungen Stutzern einer so viel Galle und Feuer bei sich führte, als der andere, kam es gar geschwind zum hefftigsten Wort-Streite, und fehlete wenig, dass sie nicht ihre Degen-Klingen in unserer Gegenwart gemessen hätten, doch auf Zureden anderer wurde unter ihnen ein Schein-Friede gestifftet, der aber nicht länger währete, biss auf folgenden Morgen, da beide mit erwählten Beiständen vor der Stadt einen Zwei Kampff unter sich vornahmen, in welchem Joseph von seinem vormahligen Hertzens-Freunde dem Jan tödtlich verwundet auf dem platz liegen blieb; der Mörder aber seine Flucht nacht Frankreich nahm, von wannen er gar bald an mich die verliebtesten Briefe schrieb, und versprach, seine Sachen aufs längste binnen einem halben Jahre dahin zu richten, dass er sich wiederum ohne Gefahr in Middelburg dürffte sehen lassen, wenn er nur sichere Rechnung auf die Eroberung meines Hertzens machen könnte.

Allein, bei mir war hinführo weder an die geringste Liebe noch Aussöhnung vor Jan van Landre zu gedencken, und ob ich gleich vor der Zeit seinetwegen mehr Empfindlichkeit als vor Joseph und andere Manns-Personen in mir verspüret, so löschete doch seine eigene mit Blut besudelte Hand und das klägliche Angedencken des meinetwegen jämmerlich Entleibten das kaum angezündete Fünklein der Liebe in meinem herzen auf einmal völlig aus, mitin vermehrete sich mein angebohrnes melancholisches Wesen dermassen, dass meinen Eltern dieserhalb nicht allzu wohl zu Mute wurde, indem sie befürchteten, ich möchte mit der Zeit gar eine Närrin werden.

Meine Schwester Philippine hergegen, schlug ihren erstochenen Liebhaber in wenig Wochen aus dem Sinne, entweder weil sie ihn eben noch nicht stark genug geliebet, oder Lust hatte, dessen Stelle bald mit einem andern ersetzt zu sehen, denn sie war zwar voller Feuer, jedoch in der Liebe sehr behutsam und ekkel. Wenige Zeit hernach stellte sich ein mit allen Glücks-Gaben wohlversehener Liebhaber bei ihr dar, er hatte bei einer Gasterei gelegenheit genommen, meine Schwester zu unterhalten, sich in sie verliebt, den Zutritt in unser haus gefunden, ihr Herz fast gänzlich gewonnen, und es war schon soweit gekommen, dass beiderseits Eltern das öffentliche Verlöbniss zwischen diesen Verliebten anstellen wolten, als dieser mein zukünfftiger Schwager, vor dem ich mich jederzeit verborgen gehalten hatte, meiner