unser Alt-Vater Albertus, euch billig noch berichten, wer die Frembdlinge gewesen, und durch was vor ein Schicksal selbige zu uns gekommen wären, allein mich bedünkt, meine Erzehlung möchte solcher Gestalt auf heute allzu lange währen, darum will Morgen, so es GOTT gefällt, wenn wir von Roberts-Raum zurücke kommen, damit den Anfang machen. Wir, als seine Zuhörer, waren auch damit vergnügt, und traten folgendes Tages auf gewöhnliche Weise den Weg nach Roberts-Raum an.
Hieselbst fanden wir die leiblichen Kinder und fernere Abstammlinge von Robert Hülter, und der jüngern Concordia in 16. ungemein zierlich erbaueten Wohnhäusern ihre gute Wirtschafft führen, indem sie ein wohlbestelltes Feld um und neben sich, die Weinberge aber mit den Christophs-Raumern gemeinschafftlich hatten. Der älteste Sohn des Roberts führte uns in seiner seel. Eltern haus, welches er nach deren tod in Besitz genommen hatte, und zeigete nicht allein eine alte Englische Bibel, Gesangund Gebet-Buch auf, welches von dem ganzen Geschlecht als ein besonderes Heiligtum gehalten wurde, sondern nächst diesem auch allerhand andere kostbare und sehens-würdige Dinge, die der StammVater Robert zum Andencken seiner Klugheit und Geschicklichkeit denen Nachkommen hinterlassen hatte. Auf der äusersten Felsen-Höhe gegen Osten war ein bequemliches Wacht-haus erbauet, welches wir nebst denen dreien dabei gepflanzten Stücken Geschützes in Augenschein nahmen, und uns dabei über das viele im wald herum lauffende wild sonderlich ergötzten, nachher in dem Robertischen Stamm-haus aufs köstlichste bewirtet wurden, doch aber, nachdem diese Gemeine in jedes haus eine Englische Bibel und Gesang-Buch, nebst andern gewöhnlichen Geschenken vor die Jugend empfangen hatte, zu rechter Zeit den Rückweg auf Alberts-Burg antraten.
Mittlerweile, da Herr Mag. Schmeltzer in die Davids-Raumer Allee, seine Geistlichen Unterrichtungen fortzusetzen, spatzieret war, und wir andern mit gröster Begierde am Kirchen-Bau arbeiten halffen, hatte unser Alt-Vater Albertus seine beiden ältesten Söhne, nämlich Albertum und Stephanum, nebst ihren annoch lebenden Ehe-Weibern, ingleichen den David Julius, sonst Rawkin genannt, mit seiner Ehe-Frau Christina, welche des Alt-Vaters jüngste Tochter war, zu sich beschieden, um die Abend-Mahlzeit mit uns andern allen einzunehmen, da sich nun selbige nebst Herrn Mag. Schmeltzern eingestellet, und wir sämtlich gespeiset, auch unsere übrige Gesellschaffter sich beurlaubt hatten; blieben der Alt-Vater Albertus, dessen Söhne, Albertus und Stephanus, nebst ihren Weibern, David und Christina, Hr. Mag. Schmeltzer, Mons. Wolffgang und ich, also unser 10. Personen beisammen sitzen, da denn unser Alt-Vater also zu reden anfing:
Ich habe, meine lieben Freunde, gestern Abend versprochen, euch nähern Bericht von denjenigen Personen zu erstatten, die wir im 1668ten Jahre, als ausgehungerte und krancke Leute aufzunehmen, das Glück hatten, weil aber drei von demselben annoch am Leben, und allhier gegenwärtig sind, als nämlich dieser mein lieber Schwieger-Sohn, David, und denn meine beiden lieben Schwieger-Töchter des Alberti und Stephani Gemahlinnen, so habe vor annehmlicher erachtet, in eurer Gegenwart selbige zu bitten, dass sie uns ihre Lebens-geschichte selbst erzehlen möchten. Ich weiss, meine fromme Tochter, sagte er hierauf zu des Alberti jun. Gemahlin, wie die Kräffte eures vortrefflichen Verstandes, Gedächtnisses und der Wohlredenheit annoch so vollkommen bei euch anzutreffen sind, als alle andere Tugenden, ungeachtet die Zeit uns alle auf dieser Insul ziemlich verändert hat. deswegen habt die Güte, diesem meinem Vettern und andern werten Freunden, einen eigenmündlichen Bericht von den begebenheiten eurer Jugend abzustatten, damit sie desto mehr ursache haben, sich über die Wunder-Hand des himmels zu verwundern.
Demnach stunde die bei nahe 80. jährige Matrone, deren Gesichts- und Leibes-Gestalt auch in so hohen Alter noch viele Annehmlichkeiten zeigete, von ihrem stuhl auf, küssete erstlich unsern Alt-Vater, setzte sich, nachdem sie sich gegen die übrigen höflich verneiget, wiederum nieder, und fing ihre Erzehlung folgender massen an:
Es ist etwas schweres, meine Lieben, dass eine Frau von solchen Jahren, als ich bin, annoch von ihrer Jugend reden soll, weil gemeiniglich darbei viele Torheiten vorzukommen pflegen, die einem reiffern verstand verächtlich sind, doch da das menschliche Leben überhaupt ein Zusammenhang vieler Torheiten, wiewohl bei einem mehr als bei dem andern zu nennen ist, will ich mich nicht abschrecken lassen, dem Befehle meines hertzlich geliebten SchwiegerVaters Gehorsam zu leisten, und die Aufmerksamkeit edler Freunde zu vergnügen, welche mir als einer betagten Frauen nicht verüblen werden, wenn ich nicht alles mehr in behöriger Zierlichkeit und Ordnung vorzubringen geschickt bin.
Mein Nahme ist Judit van Manders, und bin 1648. eben um selbige Zeit gebohren, da die vereinigten Niederländer wegen des allgemeinen FriedensSchlusses und ihrer glücklich erlangten Freiheit in grössten Freuden begriffen gewesen. Mein Vater war einer der ansehnlichsten und reichsten Männer zu Middelburg in Seeland wohnhafft, der der Republic so wohl als seine Vorfahren gewiss recht wichtige Dienste geleistet hatte, auch dieserwegen zu einem Mit-Gliede des hohen Rats erwehlet worden. Ich wurde, nebst einer ältern Schwester und zweien Brüdern, so erzogen, wie es der Stand und das grosse Vermögen unserer Eltern erforderte, deren HauptZweck einzig und allein dieser war, aus ihren Kindern Gottesfürchtige und tugendhaffte Menschen zu machen. Wie denn auch keines aus der Art schlug, als unser ältester Bruder, der zwar jederzeit von