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unter Engeln oder sterblichen Menschen befinden? denn wir können biss diese Stunde unsere Sinnen noch nicht überzeugen, ob wir noch auf der vorigen Welt leben; Oder durch den zeitlichen Tod in eine andere Welt versetzt sind? Liebsten Freunde gab ich zur Antwort, es ist mehr als zu gewiss, dass wir eben solche mühseelige und sterbliche Menschen sind als ihr. Vor nunmehr fast 18. Jahren, hat ein besonderes Schicksaal mich und diese meine werte Ehe-Gattin auf diese Insul geführt, die allhier in Ordnung stehenden 9. Kinder aber, sind, binnen solcher Zeit, und in solcher Einsamkeit von uns entsprossen, und ausser uns, die wir hier beisammen sind, ist sonst keine menschliche Seele mehr auf der ganzen Insul anzutreffen. Allein, fuhr ich fort, wir werden Zeit und gelegenheit genug haben, hiervon weitläufftiger mit einander zu sprechen, deswegen lasset euch gefallen, unsere speisen und Geträncke zu kosten, damit eure in dem Meere verlohrnen Kräffte desto geschwinder wieder hergestellet werden.

Demnach setzten wir uns zu Tische, assen und truncken ingesammt, mit grössten appetite nach billigen vergnügen. So bald aber das Danck-Gebet gesprochen war, und der Alte vermerckte, dass so wohl ich als meine Concordia von beiderseits stand und Wesen gern benachrichtiget sein möchten, vergnügte er unsere Neugierigkeit mit einer weitläufftigen Erzehlung, die biss Mitternacht währete. Ich aber will von selbiger nur kürtzlich so viel melden, dass er sich Amias Hŭlter nennete, und vor etlichen Jahren ein Pachtmann verschiedener Königlicher Küchen-Güter in Engelland gewesen war. Sein Gefährte hiess Robert Hŭlter, und war des Amias leiblichen Bruders Sohn. Ferner vernahmen wir mit Erstaunen, dass die aufrührischen Engelländer im Jahr 1649. den 30. Jan. also 2. Jahr und 8. monat nach unserer Abreise, ihren guten König Carln grausamer Weise entauptet, und dass sich nach diesem einer, Nahmens Oliverius Cromwel, von Geschlecht ein blosser Edelmann, zum Beschützer des Reichs aufgeworffen hätte, dem anno 1658. sein Sohn, Richard Cromwel, in solcher Würde gefolget, aber auch bald im folgenden Jahr wieder abgesetzt wäre, worauff vor nunmehr fast 3. Jahren die Engelländer einen neuen König, nämlich Carln den Andern erwählet, und unter dessen Regierung jetzt ziemlich ruhig lebten.

Der gute Amias Hülter, welcher ehedessen bei dem entaupteten König Carln in grossen Gnaden gewesen, ein grosses Gut erworben, doch aber niemals geheiratet, war in solcher Unruhe fast um alles das Seinige gekommen, aus dem land gejagt worden, und hatte kaum so viel gerettet eine kleine Handlung über Meer anzufangen, wobei er nach und nach zwar wiederum ein ziemliches erworben, und dasselbe seinem Bruder Joseph Hülter in Verwahrung gegeben. Dieser sein Bruder aber hatte die Reformirte Religion verlassen, sich nach Portugall gewendet, daselbst zum andern mahle geheiratet, und sein zeitliches Glück ziemlich gemacht. Allein dessen Sohn Robert war mit seines Vaters Lebens-Art, und sonderlich mit der Religions-Veränderung, nicht allerdings zufrieden gewesen, deswegen annoch in seinen Jünglings-Jahren mit seinem Vetter Amias zu Schiffe gegangen, und hatte sich bei demselben in West-Indien ein ziemliches an Gold und andern Schätzen gesammlet. Da aber vor einigen Monaten die Versicherung eingelauffen, dass nunmehr, unter der Regierung König Carls des Andern, in Engelland wiederum gute zeiten wären, hatten sie Brasilien verlassen, und sich auf ein Schiff verdingt, um mit selbigen nach Portugall, von dar aber zurück nach Engelland, als in ihr Vaterland zu reisen, und sich bei dem neuen König zu melden. Allein ihr Vorhaben wird durch das widerwärtige Verhängniss zeitlich unterbrochen, indem ein grausamer Sturm das Schiff von der ordentlichen Strasse ab- und an verborgene Klippen führet, wo es bei nächtlicher Zeit zerscheitert, und seine ganze Ladung an Menschen und Gütern, in die wilden Fluten wirfft. In solcher Todes-Angst ergreiffen Amias und Robert denjenigen Balcken, von welchen wir sie, nachdem die armen Menschen 3. Nachte und 4. Tage ein Spiel des Windes und der Wellen gewesen, endlich noch eben zur rechten Zeit zu erlösen das Glück hatten.

Meine Concordia wolte hierauff einige Nachricht von den Ihrigen einziehen, konte aber nichts weiter erfahren, als dass Amias ihren Vater zwar öffters gesehen, gesprochen, auch ein und andern Geld-Verkehr mit ihm gehabt, im übrigen aber wuste er von dessen haus-Wesen nichts zu melden, ausser dass er im 1648ten Jahre noch im guten stand gelebt hätte. Hergegen wuste Robert, der bisshero wenig Worte gemacht, sich noch ganz wohl zu erinnern, dass er zu der Zeit, als er noch ein Knabe von 12. oder 13. Jahren gewesen, vernommen, wie dem Banquier Plürs eine Tochter, Nahmens Concordia, von einem Cavalier entführet worden sei, wo sie aber hin, oder ob dieselbe wieder zurück gebracht worden, wisse er nicht eigentlich zu sagen.

Wir berichteten ihnen demnach, dass sie allhier eben diese Concordia Plürs vor sich sähen, versprachen aber unsere geschichte morgendes Tages ausführlicher zu erzehlen, und legten uns, nachdem wir die Abend-Bet-Stunde in Englischer Sprache gehalten, sämmtlich zur Ruhe.

Ich nahm mir nebst meiner haus-Frauen von nun an nicht das geringste Bedencken, diesen beiden Gästen und Lands-Leuten, welchen die Redlichkeit aus den Augen leuchtete, und denen die Gottesfurcht sehr angenehm zu sein schien, alles zu offenbaren, was sich von Jugend an, und sonderlich auf dieser Insul mit uns zugetragen hatte. Nur eintzig und allein verschwiegen wir