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wenn ihr nicht wenigstens noch 2. oder 3. Jahr auf Universitäten zubrächtet, nach diesen gelegenheit suchtet, die vornehmsten Länder von Europa durchzureisen. Denn eben durch das Reisen erlernet man die Kunst, seine erlangte Wissenschafften hier und dar glücklich anzubringen. Eben dieses, versetzte ich, ist mein propos, und ob gleich meine eigenen Mittel dabei nicht zulänglich sein möchten, so habe doch das feste Vertrauen zu GOtt, dass er etwa hier oder dar gute gönner erwecken werde, die mir mit gutem Rat und Tat, um meinen Zweck zu erreichen, an die Hand gehen können. Ihr meritirt es sehr wohl, replicirte der erstere, und ich glaube, es wird euch hinführo selten daran mangeln. Hiermit wurde der Discours durch ein auf der Strasse entstandenes Lermen unterbrochen, welches sich jedoch bald wiederum stillete, die Herrn See-Officiers aber blieben eine kleine Weile ganz stille sitzen. Ich tranck meinen Coffeé auch in der Stille, und rauchte eine Pfeiffe Canaster-Toback, da aber merckte, dass einer von ihnen mich öffters sehr freundlich ansahe, nahm mir die Kühnheit, ihn zu fragen: Ob sich nicht allhier in Amsterdam ein gewisser schiffes-kapitän, Nahmens Leonhard Wolffgang, aufhielte? Mir ist (antwortete er) dieser Nahme nicht bekandt. Wie? (fiel ihm derjenige, welchen ich vor den vornehmsten hielt, in die Rede) soltet ihr den berühmten kapitän Wolffgang nicht kennen? welches jener so wohl als die andern mit einem Kopff-Schütteln verneineten. Monsieur, (redete er zu mir) ist Wolffgang etwa euer Befreundter oder Bekandter? Mein Herr, (versetzte ich) keins von beiden, sondern ich habe nur unterweges auf der Post mit einem Passagier gesprochen, der sich vor einen Vetter von ihm ausgab, und darbei sehr viel merckwürdiges von seinen Avanturen erzehlete.

Messieurs, (fuhr also der ansehnliche See-Mann in seiner Rede fort) ich kan euch versichern, dass selbiger kapitän ein perfecter See-Officier, u. dabei recht starcker Avanturier ist, welcher aber doch sehr wenig Wesens von sich macht, und gar selten etwas von seinen eigenen begebenheiten erzehlet, es sei denn, dass er bei ausserordentlich guter Laune anzutreffen. Er ist ein special Freund von mir, ich kan mich aber desswegen doch nicht rühmen, viel von seinen Geheimnissen ausgeforscht zu haben. Bei was vor gelegenheit er zu seinem grossen Vermögen gekommen? kan ich nicht sagen, denn ich habe ihn vor etliche 20. Jahren, da er auf dem Schiffe, der Holländische Löwe genandt, annoch die Feder führte, als einen pauvre diable gekennet, nach diesen hat er den Degen ergriffen, und sich durch seine bravoure zu dem Posten eines Capitains geschwungen. Seine Conduite ist dermassen angenehm, dass sich jederman mit ihm in Gesellschafft zu sein wünschet. Vor kurtzen hat er sich ein vortrefflich neues Schiff, unter dem Nahmen, der getreue Paris, ausgerüstet, mit welchen er eine neue Tour auf die Barbarischen Küsten und Ost-Indien zu tun gesonnen, und wie ich glaube, in wenig Tagen abseegeln wird. Hat einer oder der andere Lust, ihn vor seiner Abfahrt kennen zu lernen, der stelle sich morgenden Vormittag auf dem Ost-Indischen haus ein, wo ich notwendiger Affairen halber mit ihm zu sprechen habe, und Abrede nehmen werde, an welchem Orte wir uns Nachmittags divertiren können. Hiermit stunde der ansehnliche Herr von seiner Stelle auf, um in sein Logis zu gehen, die andern folgten ihm, ich aber blieb, nachdem ich von ihnen höflichen Abschied genommen, noch eine Stunde sitzen, hatte meine eigenen vergnügten gedanken über das angehörte Gespräch, und ging hernachmahls mit meinem abermals ziemlich berauschten Begleiter zurück in mein Logis, wo mich so gleich niederlegte, und viel sanffter, als sonst gewöhnlich, ruhete.

Folgenden Morgen begab mich in reinlicherer Kleidung in die neue Luterische Kirche, und nach verrichteter Andacht spatzirte auf das Ost-Indische haus zu, da nun im Begriff war, die Kostbarkeiten desselben ganz erstaunend zu betrachten; hörete ich seitwerts an einem etwas erhabenen Orte die stimme des gestern mir so ansehnlich gewesenen See-Officiers zu einem andern folgendes reden: Mon Frere! sehet dort einen wohl conduisirten jungen deutschen stehen, welcher nur vor wenig Tagen mit der Post von Leipzig gekommen, und gestrigen Abend in meiner Compagnie nach euch gefragt hat, weil er unterwegs einen eurer Vettern gesprochen: Es wurde gleich hierauf etliche mahl gepistet, so bald nun vermerckte, dass es mich anginge, machte ich gegen die 2. neben einander stehende Herren meinen Reverence, Sie danckten mir sehr höflich, beuhrlaubten sich aber so gleich von einander. Der Unbekandte kam augenblicklich auf mich zu, machte mir ein sehr freundlich Compliment, und sagte: Monsieur, wo ich mich nicht irre, werden sie vielleicht den kapitän Wolffgang suchen? Mon Patron, (antwortete ich) ich weiss nicht anders, und bin dieserhalb von Leipzig nach Amsterdam gereiset. Um Vergebung, (fragte er weiter) wie ist ihr Nahme? (Meine Antwort war) Ich heisse Eberhard Julius. Den Augenblick fiel er mir um den Halss, küssete mich auf die Stirn, und sagte: Mein Sohn, an mir findet ihr denjenigen, so ihr sucht, nämlich den kapitän Leonhard Wolffgang. GOtt sei gelobet, der meinen Brieff und eure person die rechten Wege geführt hat, doch habt die Güte, eine kleine Stunde hier zu verziehen, biss ich, nachdem ich meine wichtigen Geschäffte besorgt, wieder