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1646.

von einem hohen Felsen herab,

der, nach dreien Tagen erbärmlich zerschmettert gefunden, von seiner schwangern keuschen Gemahlin

und getreuen Diener Albert Julio auf

diese Stätte begraben, und ihm gegenwärtiges

Denckmahl gesetzt worden.

***

etwa andertalb hundert Schritt von diesen 3. Ehren- und Gedächtniss Säulen fanden wir, nahe am Ufer des West-Flusses, des Lemelie Schand-Seule, um welche herum ein grosser Hauffen Feld-Steine geworffen war, so, dass wir mit einiger Mühe hinzu gelangen, und folgende daran genagelten Zeilen lesen konnten:

Speie aus gegen diese Seule,

Mein Leser!

Denn

Allhier muss die unschuldige Erde

das tote Aas des vielschuldigen Lemelie

in ihrem Schoosse erdulden,

welches im Leben ihr zu einer schändlichen Last

gedienet.

Dieses Mord-Kindes rechter Nahme,

auch wo, wenn, und von wem es gebohren

ist unbekandt.

Doch kurz vor seinem erschrecklichen Ende

hat er bekannt,

Dass Vater- Mutter- Kinder- und vieler andern

Menschen Mord, Blut-Schande, Hurerei,

ja alle ersinnliche Laster sein Handwerck

von Jugend an gewesen.

Carl Franz van Leuvens unschuldig-vergossenes

Blut schreiet auf dieser Insul biss an den

jüngsten Tag

Rache über ihn.

Indem aber dasselbe kaum erkaltet war,

hatte sich der Mord-Hund schon wiederum gerüstet,

eine neue Mord-Tat an dem armen Albert

Julio zu begehen, weil sich dieser unterstund, seiner

geil-brünstigen Gewalttätigkeit bei der

keuschen Concordia zu widerstehen.

Aber,

da die Bossheit am grössten,

war die Straffe am nächsten,

denn das Kind der Finsterniss lieff in der Finsterniss

derselben entgegen,

und wurde

von dem unschuldig-verwundeten

ohne Vorsatz

tödtlich, doch schuldig, verwundet.

Dem ungeachtet schien ihm

die Busse und Bekehrung unmöglich,

das Zureden seiner Beleidigten unnützlich,

GOttes Barmhertzigkeit unkräfftig,

die Verzweiffelung aber unvermeidlich,

stach sich deswegen mit seinem Messer selbst das

ruchlose Hertz ab.

Und also

starb der Höllen-Brand als ein Vieh,

welcher gelebt als ein Vieh,

und wurde allhier eingescharrt als ein Vieh,

den 10. Decembr. 1646.

von

Albert Julio.

Der HErr sei Richter zwischen

uns und dir.

Wir bewunderten hierbei allerseits unsers Alt-Vaters Alberti besonderen Fleiss und Geschicklichkeit, brachten noch über eine Stunde zu, die andern GrabStätten, welche alle mit kurtzen Schrifften bezeichnet waren, zu besehen, und verfolgten hernachmahls unsern Weg auf Christophs-Raum zu. Selbige PflantzStätte bestund aus 14. Wohn-Häusern, und führeten die Einwohner gleich den andern allen eine sehr gute Hausshaltung, hatten im übrigen fast eben dergleichen Feld-, Weinbergs- und wasser-Nutzung als die Johannis-Raumer. Sonsten war allhier die erste HauptSchleuse des Nord-Flusses, nebst einer wohlgebaueten brücke, zu betrachten. Im Garten-Bau und Erzeugung herrlicher Baum-Früchte schienen sie es fast allen andern zuvor zu tun. Nachdem wir aber ihre Feld-Früchte, Weinberge und alles merckwürdige wohl betrachtet, und bei ihnen eine gute MittagsMahlzeit eingenommen hatten, kehreten wir bei guter Zeit zurück auf Alberts-Burg.

Herr Mag. Schmeltzer begab sich von dar, versprochener massen, in die Davids-Raumer Alleé, um seinen heiligen Verrichtungen obzuliegen, wir andern halffen indessen mit gröster Lust bei der GrundMauer der Kirche dasjenige verrichten, was zu besserer Fortsetzung dabei vonnöten war. Nach Untergang der Sonnen aber, da Herr Mag. Schmeltzer zurück gekommen war, und die Abend-Mahlzeit mit uns eingenommen hatte, setzten wir uns in gewöhnlicher Gesellschafft wieder zusammen, und höreten dem AltVater Alberto in Fortsetzung seiner Geschichts-Erzehlung dergestalt zu:

Meine Lieben, fing er an, ich erinnere mich, dass meine letzten Reden das besondere Vergnügen erwehnet haben, welches ich nebst meiner lieben Ehe-Gattin über unsere erstgebohrnen Zwillinge empfand, und muss nochmahls wiederholen, dass selbiges unvergleichlich war, zumahl, da meine Liebste, nach redlich ausgehaltenen 6. Wochen, ihre gewöhnliche haus-Arbeit frisch und gesund vornehmen konte. Wir lebten also in dem allerglückseeligsten Zustande von der Welt, indem unsere Gemüter nach nichts anders sich sehneten, als nach dem, was wir täglich erlangen und haben konnten, das Verlangen nach unserm vaterland aber schien bei uns allen beiden ganz erstorben zu sein, so gar, dass ich mir nicht die allergeringste Mühe mehr gab, nach vorbei fahrenden Schiffen zu sehen. Kam uns gleich die Tages-Arbeit öffters etwas sauer an, so konnten wir doch Abends und des Nachts desto angenehmer ausruhen, wie sich denn öffters viele Tage und Wochen ereigneten, in welchen wir nicht aus dringender Not, sondern bloss zur Lust arbeiten durfften.

Die kleine Concordia fing nunmehr an, da sie vollkommen deutlich, und zwar so wohl Teutsch als Englisch reden gelernet, das angenehmste und schmeichelhaffteste Kind, als eines in der ganzen Welt sein mag, zu werden, weswegen wir täglich viele Stunden zubrachten, mit selbiger zu schertzen, und ihren artigen Kinder-Streichen zuzusehen, ja zum öfftern uns selbsten als Kinder mit anzustellen genötiget waren.

Allein, meine lieben Freunde! (sagte hier unser AltVater, indem er ein grosses, geschriebenes Buch aus einem Behältniss hervor langete) es kommt mir teils unmöglich, teils unnützlich und allzu langweilig vor, wenn ich alle Kleinigkeiten, die nicht besonders merckwürdig sind, vorbringen wolte, deswegen will die Weitläufftigkeiten und dasjenige, worvon ihr euch ohnedem schon eine zulängliche Vorstellung machen könnet, vermeiden, mit Beihülffe dieses meines ZeitBuchs aber nur die denckwürdigsten begebenheiten nachfolgender Tage und Jahre biss auf diese Zeit erzehlen.

Demnach