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der natur, der Vernunfft, auch Göttl. und Menschl. Gesetzen gemäss; Ich hingegen bin eine Wittbe, welcher der Himmel ein hartes erzeiget hat. Allein ich weiss, dass Glück und Unglück von der Hand des HERRN kommt, welche ich bei allen Fällen in Demut küsse. Meinem seel. Mann habe ich die geschworne Treu redlich gehalten, dessen GOTT und mein Gewissen zeugnis gibt. Ich habe seinen jämmerlichen Tod nunmehr ein Jahr und zwei monat aus auffrichtigen herzen beweint und beklagt, werde auch denselben Zeitlebens, so offt ich Ehe-Band auf GOTTES Zulassung durch einen Meuchel-Mörder vor der Zeit zerrissen worden. ungeachtet ich aber solchergestalt wieder frei und mein eigen bin, so würde mich doch schwerlich zu einer anderweitigen Ehe entschlossen haben, wenn nicht eure reine und hertzliche Liebe mein Hertz aufs neue empfindlich gemacht, und in Erwegung eurer bissherigen tugendhafften Aufführung dahin gereitzet hätte, mich selbst zu eurer künfftigen Gemahlin anzutragen. Es stehet deswegen in eurem Gefallen, ob wir sogleich Morgen an eurem Geburts-Tage uns, in Ermangelung eines Priesters und anderer Zeugen, in GOttes und der Heil. Engel erbetener Gegenwart selbst zusammen trauen, und hinführo einander als eheliche ChristenLeute beiwohnen wollen. Denn weil ich eurer zu mir tragenden Liebe und Treue völlig versichert bin, so könnet ihr im Gegenteil vollkommen glauben, dass ich euch in diesen Stücken nichts schuldig bleiben werde. Eure Frömmigkeit, Tugend und Auffrichtigkeit dienen mir zu Bürgen dass ihr mir dergleichen selbst eigenen Antrag meiner person vor keine leichtfertige Geilheit und ärgerliche Brunst auslegen werdet, denn da ihr aus Ubereilung mehr gelobet habt, als GOTT und Menschen von euch forderten, doch aber ehe löblich zu sterben, als solches zu brechen gesonnen waret; Habe ich in dieser Einsamkeit, uns beide zu vergnügen, den Aussspruch zu tun mich gezwungen gesehen. Nehmet demnach die von euch so sehr geliebte Wittbe des seel van Leuvens, und lebet nach euren Versprechen führohin mit derselben nimmermehr in Hass und Zwietracht. GOTT sei mit uns allezeit. Nach Verlesung dieses, werdet ihr mich bei dem Damme des Flusses ziemlich beschämt finden, und ein mehreres mündlich mit mir überlegen können, wo zugleich den Glück-Wunsch zu eurem GeburtsTage abstatten wird, die euch auffrichtig ergebene Geschrieben den 7. Jan. 1648.

Concordia van Leuvens.

Ich blieb nach Verlesung dieses Briefes dergestalt entzückt stehen, dass ich mich in langer Zeit wegen der unverhofften frölichen Nachricht nicht begreiffen konte, wolte auch fast auf die gedanken geraten, als suchte mich Concordia nur in Versuchung zu führen, da aber ihre bissherige aufrichtige Gemüts- und Lebens Art in etwas genauere Betrachtung gezogen hatte, liess ich allen Zweifel fahren, fassete ein besonders frisch Hertze, machte mich auf den Weg, und fand meinen allerangenehmsten Schatz mit ihrer kleinen Tochter, beim Damme in Grase sitzend. Sie stunde, so bald sie mich von ferne kommen sah, auf, glückseeligen Morgen gewünschet, erwiderte sie solchen mit einem wohlersonnenen Glück-Wunsche wegen meines Geburts-Tages. Ich stattete dieserwegen meine Dancksagung ab, und wünschte ihr im gegenteil, ein beständiges Leibes- und Seelen-Vergnügen. Da sie sich aber nach diesen auf einen daselbst liegenden Baum-Schafft gesetzt, und mich, neben ihr Platz zu nehmen, gebeten hatte, brach mein Mund in folgende Worte aus: Madame! eure schönen hände haben sich gestern bemühet an meine schlechte person einen Brieff zu schreiben, und wo dasjenige, was mich angehet, keine Versuchung, sondern eures keuschen Hertzens aufrichtige Meinung ist, so werde ich heute durch des himmels und eure Gnade, zum allerglückseeligsten Menschen auf der ganzen Welt gemacht werden. Es würde mir schwer fallen gnungsame Worte zu ersinnen, um damit den unschätzbaren Wert eurer vollkommen tugendhafften und Liebenswürdigsten person einigermassen auszudrücken, darum will ich nur sagen: Dass ihr würdig wäret, eines grossen Fürsten Gemahlin zu sein. Was aber bin ich dargegen? Ein schlechter geringer Mensch, der – – –

Hier fiel mir Concordia in die Rede, und sagte, indem sie mich sanfft auf die Hand schlug: Liebster Julius, ich bitte fanget nunmehr nicht erstlich an, viele unnötige Schmeicheleien und ungewöhnliches Wort-Gepränge zu machen, sondern seid fein aufrichtig wie ich in meinem Schreiben gewesen bin. Eure Tugend, Frömmigkeit und mir geleisteten treuen Dienste, weiss ich mit nichts besser zu vergelten, als wenn ich euch mich selbst zur Belohnung anbiete, und versichere, dass eure person bei mir in höhern Werte stehet, als des grössten Fürsten oder andern Herrn, wenn ich auch gleich das Ausslesen unter tausenden haben sollte. Ist euch nun damit gedienet, so erkläret euch, damit wir uns nachher fernerer Anstallten wegen vertraulich unterreden, und auf alle etwa bevorstehende Glücks- und Unglücks-Fälle gefast machen können.

Ich nahm hierauff ihre Hand, küssete und schloss dieselbe zwischen meine beiden hände, konte aber vor übermässigen Vergnügen kaum so viel Worte vorbringen, als nötig waren, sie meiner ewig währenden getreuen Liebe zu versichern, anbei mich gänzlich eigen zu geben, und in allen Stücken nach dero Rat und Willen zu leben. Nein mein Schatz! versetzte hierauff Concordia, das Letztere verlange ich nicht, sondern ich werde euch nach Gottes Ausspruche jederzeit als meinen Herrn zu ehren und als meinen werten Ehe-Mann beständig zu lieben wissen. Ihr sollet durchaus meinem Rat und Willen keine Folge leisten, in so ferne derselbe von euren, Gottlob gesunden, verstand nicht vor gut und billig erkannt wird, weil ich mich als ein schwaches