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die Krafft, den von natur allen Menschen eingepflantzten Trieb zum Ehestande gänzlich zu ersticken, und in diesem Stücke so unempfindlich als van Leuvens Wittbe zu sein? Oder warum lenckestu ihr Hertze nicht, sich vor deinen allwissenden Augen mit mir zu vereheligen, denn mein Hertze kennest du ja, und weist, dass meine sehnliche Liebe keine geile Brunst, sondern deine heilige Ordnung zum grund hat. Ach was vor einer harten probe unterwirffstu meine Keuschheit und Tugend, indem ich bei einer solchen vollkommen schönen Wittfrau Tag und Nacht unentzündet leben soll. Doch ich habe dir und ihr einen teuren Eid geschworen, welches Gelübde ich denn ehe mit meinem Leben bezahlen, und mich nach und nach von der brennenden liebes-Glut ganz verzehren lassen, als selbiges leichtsinniger Weise brechen will.

Einige hierbei aus meinen Augen rollende Tränen hemmeten das fernere Reden, die kleine Concordia aber, welche kein Auge von meinem gesicht verwand hatte, fing dieserwegen kläglich und bitterlich an zu weinen, also drückte ich selbige aufs neue an meine Brust, küssete den mitleidigen Engel, und stunde kurz hernach mein und ihrer Gemüts-Veränderung wegen auf, um noch ein wenig auf der FelsenHöhe herum zu spatzieren. Doch wenig Minuten hierauff kam die 3te person unserer hiesigen menschlichen Gesellschafft herzu, und fragte auf eine zwar sehr freundliche, doch auch etwas tieffsinnige Art: Wie es uns ginge, und ob wir heute kein Schiff erblickt hätten? Ich fand mich auf diese unvermutete Frage ziemlich betroffen, so dass die Röte mir, wie ich glaube, ziemlich ins gesicht trat, sagte aber: Dass wir heute so glücklich nicht gewesen wären. Mons. Albert! gab Concordia darauff: Ich bitte euch sehr, sehet nicht so oft nach vorbei fahrenden Schiffen, denn selbige werden solchergestallt nur desto länger ausbleiben. Ihr habt seit einem Jahre vieles entdeckt und erfahren, was ihr kurz vorher nicht vermeinet habt, bedencket diese schöne Paradiess-Insul, bedencket wiewol uns der Himmel mit Nahrung und Kleidern versorgt, bedencket noch dabei den fast unschätzbaren Schatz, welchen ihr ohne ängstliches Suchen und ungedultiges Hoffen gefunden. Ist euch nun von dem Himmel eine noch fernere gewünschte Glückseligkeit zugedacht, so habt doch nebst mir das feste Vertrauen, dass selbige zu seiner Zeit uns unverhoft erfreuen werde.

Mein ganzes Hertze fand sich durch diese nachdencklichen Reden ganz ungemein gerühret, jedoch war ich nicht vermögend eine eintzige Sylbe darauff zu antworten, deswegen Concordia das Gespräch auf andere Dinge wendete, und endlich sagte: Kommet mein lieber Freund, dass wir noch vor Sonnen Untergang unsere wohnung erreichen, ich habe einen ganz besonders schönen fisch gefangen, welcher euch so gut als mir schmecken wird, denn ich glaube, dass ihr so starcken appetit als ich zum Essen habt.

Ich war froh, dass sie den vorigen ernstafften discours unterlassen hatte, folgte ihren Willen und zwang mich einiger massen zu einer aufgeräumtern Stellung. Es war würcklich ein ganz besonders rarer fisch, den sie selbigen Mittag in ihren ausgesteckten Angeln gefangen hatte, dieser wurde nebst zweien Rebhünern zur Abend-Mahlzeit aufgetragen, wobei mir denn Concordia, um mich etwas lustiger zu machen, etliche Becher Wein mehr, als sonst gewöhnlich einnötigte, und endlich fragte: Habe ich auch recht gemerckt Mons. Albert, dass ihr übermorgen euer zwantzigstes Jahr zurück legen werdet. Ja Madame, war meine Antwort, ich habe schon seit etlichen Tagen daran gedacht. GOTT gebe, versetzte sie, dass eure zukünfftige Lebens-Zeit vergnügter sei, allein darff ich euch wohl bitten, mir euren ausführlichen Lebens-Lauff zu erzehlen, denn mein seel. Ehe-Herr hat mir einmals gesagt, dass derselbige teils kläglich, teils lustig anzuhören sei.

Ich war hierzu sogleich willig, und vermerckte, dass bei Erwehnung meiner Kinderjährigen UnglücksFälle Concordien zum öfftern die Augen voller Tränen stunden, doch da ich nachher die Geschichten von der Ammtmanns Frau, der verwechselten Hosen, und den mir gespielten Spitzbuben-Streich, mit offt untermengten Schertz-Reden erzehlete, konte sie sich fast nicht satt lachen. Nachdem ich aber aufs Ende kommen, sagte sie: Glaubet mir sicher Mons. Albert, weil eure Jugend-Jahre sehr kläglich gewesen, so wird euch GOTT in künfftiger Zeit um so viel desto mehr erfreuen, wo ihr anders fortfahret ihm zu dienen, euren Beruff fleissig abzuwarten, geduldig zu sein, und euch der unnötigen und verbotenen Sorgen zu entschlagen. Ich versprach ihrer löblichen Vermahnung eiffrigst nachzuleben, wünschte anbei, dass ihre gute Propheceiung eintreffen möchte, worauff wir unsere Abend-Bet-Stunde hielten, und uns zur Ruhe legten.

Weiln mir nun Concordiens vergangenes Tages geführten Reden so christlich als vernünfftig vorkamen, beschloss ich, so viel möglich, alle Ungedult zu verbannen, und mit aller Gelassenheit die fernere Hülffe des himmels zu erwarten. Folgendes Tages arbeitete ich solchergestalt mehr, als seit etlichen Tagen geschehen war, und legte mich von aushauung etlicher Höltzerner Gefässe, ziemlich ermüdet, abermals zur Ruhe, da ich aber am drauff folgenden Morgen, nämlich den 8ten Jan. 1648. aus meiner abgesonderten kammer in die so genannte Wohn-stube kam, fand ich auf dem Tische nebst einem grünen seidenen Schlaf-Rocke, und verschiedenen andern neuen Kleidungs-Stücken, auch vieler weisser Wäsche, ein zusammen gelegtes Pappier folgendes Innhalts:

Liebster Hertzens Freund!

Ich habe fast alles mit angehöret, was ihr gestern auf dem Nord-Felsen, in Gesellschaft meiner kleinen Tochter, oft wiederholt gesungen und geredet habt. Euer Verlangen ist dem Triebe