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massen unterliess.

Von nun an schien es, als ob uns die, zwar jederzeit hertzlich lieb gewesene kleine Concordia, dennoch um ein merckliches lieber wäre, zumahlen da sie anfieng allein zu lauffen, und verschiedene Worte auf eine angenehme Art her zu lallen, ja dieses kleine Kind war öffters vermögend meinen innerlichen Kummer ziemlicher massen zu unterbrechen, wiewol nicht gänzlich aufzuheben.

Nachdem wir aber einen ziemlichen Vorrat von Rocken-Reiss- und Weitzen-Mehle durchgesiebt und zum Backen tüchtig gemacht, ich auch einen kleinen Back-Ofen erbauet, worin auf einmal 10. oder 12. drei biss 4 Pfündige Brodte gebacken werden konnten, und Concordia die erste probe ihrer Beckerei, zu unserer grössten Erquickung und Freude glücklich abgeleget hatte; konnten wir uns an dieser allerbesten Speise, so über Jahr und Tag nunmehr nicht vor unser Maul kommen war, kaum satt sehen und essen.

Dem ungeachtet aber, verfiel ich doch fast ganz von neuen in meine angewöhnte Melancholei, liess viele Arbeits-Stücken liegen, die ich sonsten mit Lust vorzunehmen gewohnt gewesen, nahm an dessen statt in den Nachmittags-Stunden meine Flinte und Zitter, und stieg auf die Nord-Felsen-Höhe, als wohin ich mir einen ganz ungefährlichen Weg gehauen hatte.

Am Heil. 3. Königs-Tage des 1648ten Jahres, Mittags nach verrichteten Gottesdienste, war ich ebenfalls im Begriff dahin zu steigen, Concordia aber, die solches gewahr wurde, sagte lächelnd: Mons. Albert, ich sehe dass ihr spatzieren gehen wollet, nehmet mir nicht übel, wenn ich euch bitte, eure kleine PflegeTochter mit zu nehmen, denn ich habe mir eine kleine nötige Arbeit vorgenommen, wobei ich von ihr nicht gern verhindert sein wolte, saget mir aber, wo ihr gegen Abend anzutreffen seid, damit ich euch nachfolgen und selbige zurück tragen kan. Ich erfüllete ihr Begehren mit gröster gefälligkeit, nahm meine kleine Schmeichlerin, die so gern bei mir, als ihrer Mutter blieb, auf den Arm, versorgte mich mit einer Flasche Palmen-Safft, und etwas übrig gebliebenen Weihnachts-Kuchen, hängte meine Zitter und Flinte auf den rücken, und stieg also beladen den NordFelss hinauf. Daselbst gab ich dem kind einige tändeleien zu spielen, stützte einen Arm unter den Kopf, sah auf die See, und hieng den unruhigen gedanken wegen meines Schicksals ziemlich lange nach. Endlich ergriff ich die Zitter und sang etliche Lieder drein, welche ich teils zu Ausschüttung meiner Klagen, teils zur Gemüts-Beruhigung aufgesetzt hatte. Da aber die kleine Schmeichlerin über dieser Music sanfft eingeschlaffen war, legte ich, um selbige nicht zu verstöhren, die Zitter beiseite, zog eine Blei-Feder und Pappier aus meiner tasche, und setzte mir ein neues Lied folgenden Innhalts auf:

1.

Ach! hätt' ich nur kein Schiff erblickt,

So wär ich länger ruhig blieben

Mein Unglück hat es her geschickt,

Und mir zur Qvaal zurück getrieben, Verhängniss wilstu dich denn eines reichen Armen, Und freien Sclavens nicht zu rechter Zeit erbarmen?

2.

Soll meiner Jugend beste Krafft

In dieser Einsamkeit ersterben?

Ist das der Keuschheit Eigenschafft?

Will mich die Tugend selbst verderben? So weiss ich nicht wie man die lasterhafften Seelen Mit grössrer Grausamkeit und Marter sollte quälen.

3.

Ich liebe was und sag' es nicht,

Denn Eid und Tugend heist mich schweigen,

Mein ganz verdecktes liebes-Licht

Darf seine Flamme gar nicht zeigen, Dem Himmel selbsten ist mein Lieben nicht

zuwieder,

Doch Schwur und Treue schlägt den Hofnungs-Bau

darnieder.

4.

Concordia du Wunder-Bild,

Man lernt an dir die Eintracht kennen,

Doch was in meinem herzen qvillt

Muss ich in Wahrheit Zwietracht nennen, Ach! liesse mich das Glück mit dir vereinigt leben, Wir würden nimmermehr in Hass und Zwietracht

schweben.

5.

Doch bleib in deiner stillen Ruh,

Ich suche solche nicht zu stöhren;

Mein eintzigs Wohl und Weh bist du,

Allein ich will der sehnsucht wehren, Weil deiner Schönheit Pracht vor mich zu Kostbar

scheinet,

Und weil des Schicksaals Schluss mein Wünschen

glatt verneinet.

6.

Ich gönne dir ein bessres Glück,

Verknüpfft mit noch viel höhern stand.

Führt uns der Himmel nur zurück

Nach unserm werten Vater-land, So wirstu letzlich noch dis harte Schicksal loben, Ist gleich vor deinen Freund was schlechters

aufgehoben.

Nachdem aber meine kleine Pflege-Tochter aufgewacht, und von mir mit etwas Palm-Safft und Kuchen gestärckt war, bezeigte dieselbe ein unschuldiges Belieben, den Klang meiner Zitter ferner zu hören, deswegen nahm ich dieselbe wieder auf, studirte eine Melodei auf mein gemachtes Lied aus, und wiederholte diesen Gesang binnen etlichen Stunden so ofte, biss ich alles fertig auswendig singen und spielen konte.

Hierauff nahm ich das kleine angenehme Kind in die arme vor mich, drückte es an meine Brust, küssete dasselbe viele mal, und sagte im grössten LiebesAffect ohngefehr folgende laute Worte: Ach du allerliebster kleiner Engel, wolte doch der Himmel, dass du allbereit noch ein Mandel Jahre zurückgelegt hättest, vielleicht wäre meine hefftige Liebe bei dir glücklicher als bei deiner Mutter, aber so lange Zeit zwischen Furcht und Hoffnung zu warten, ist eine würckliche Marter zu nennen. Ach wie vergnügt wolte ich, als ein anderer Adam, meine ganze Lebens-Zeit in diesem Paradiese zubringen, wenn nur nicht meine besten Jugend-Jahre, ohne eine geliebte Eva zu umarmen, verrauchen sollten. Gerechter Himmel, warum schenckestu mir nicht auch