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ihnen in guten Stand zu setzen, und eine tugendhaffte Ehegattin auszulesen.

Es verging mir demnach damahls fast alle Lust zur Arbeit, verrichtete auch die allernötigste, so zu sagen, fast gezwungener Weise, hergegen brachte ich täglich die meisten Stunden auf der Felsen-Höhe gegen Norden zu, machte daselbst ein Feuer an, welches bei Tage stark rauchen und des Nachts helle brennen muste, damit ein oder anderes vorbei fahrendes Schiff bei uns anzuländen gereitzet würde, wandte dabei meine Augen beständig auf die offenbare See, und versuchte zum Zeitvertreibe, ob ich auf der von Lemelie hinterlassenen Zitter von mir selbst ein oder ander Lied könnte spielen lernen, welches mir denn in weniger Zeit dermassen glückte, dass ich fast alles, was ich singen, auch zugleich ganz wohlstimmig mit spielen konte.

Concordia wurde über dergleichen Aufführung ziemlich verwirrt und niedergeschlagen, allein ich konte meine sehnsucht unmöglich verbannen, vielweniger über das Hertze bringen, derselben meine gedanken zu offenbaren, also lebten wir beiderseits in einem heimlichen Missvergnügen und verdeckten Kummer, begegneten aber dennoch einander nach wie vor, mit aller ehrerbietigen, tugendhafften Freundschafft und Dienst-geflissenheit, ohne zu fragen, was uns beiderseits auf dem herzen läge.

Mittlerweile war die Ernte-Zeit heran gerückt, und unser Geträyde vollkommen reiff worden. Wir machten uns deswegen dran, schnitten es ab, und brachten solches mit Hülffe unserer getreuen Affen, bald in grosse Hauffen. Eben dieselben mussten auch fleissig dreschen helffen, ungeachtet aber viele Zeit verging, ehe wir die reinen Körner in Säcke und Gefässe einschütten konnten, so habe doch nachher ausgerechnet, dass wir von dieser unserer ersten Ausssaat ungefähr erhalten hatten, 35 Scheffel Reiss, 10. biss 11. Scheffel Korn, 3. Scheffel Weitzen, 12. biss 14. Scheffel Gersten, und 4. Scheffel Erbsen.

Wie gross nun dieser Seegen war, und wie sehr wir uns verbunden sahen, dem, der uns denselben angedeihen lassen, schuldigen Danck abzustatten, so konte doch meine schwermütige sehnsucht nach demjenigen was mir einmal im herzen Wurtzel gefasset hatte, dadurch nicht vermindert werden, sondern ich blieb einmal wie das andere tieffsinnig, und Concordiens liebreiche und freundliche, jedoch tugendhaffte Reden und Stellungen, machten meinen Zustand allem Ansehen nach nur immer gefährlicher. Doch blieb ich bei dem Vorsatze, ihr den getanen Eid unverbrüchlich zu halten, und ehe zu sterben als meine keusche Liebe gegen ihre schöne person zu entdecken.

Unterdessen wurde uns zur selbigen Zeit ein grausames Schrecken zugezogen, denn da eines Tages Concordia so wohl als ich nebst den Affen beschäfftiget waren, etwas Korn zu stossen, und eine probe von Mehl zu machen, ging erstgemeldte in die wohnung, um nach dem kind zu sehen, welches wir in seiner Wiege schlaffend verlassen hatten, kam aber bald mit erbärmlichen Geschrei zurück gelauffen und berichtete, dass das Kind nicht mehr vorhanden, sondern aus der Wiege gestohlen sei, indem sie die mit einem höltzernen schloss verwahrte tür eröffnet gefunden, sonsten aber in der wohnung nichts vermissete, als das Kind und dessen Kleider. Meine Erstaunung war dieserwegen ebenfalls fast unaussprechlich, ich lieff selbst mit dahin, und empfand unsern kostbaren Verlust leider mehr als zu wahr. Demnach schlugen wir die hände über den Köpffen zusammen, und stelleten uns mit einem Worte, nicht anders als verzweiffelte Menschen an, heuleten, schryen und rieffen das Kind bei seinem Nahmen, allein da war weder stimme noch Antwort zu hören, das eiffrigste Suchen auf und um den Hügel unserer wohnung herum war fast 3. Stunden lang vergebens, doch endlich, da ich von ferne die Spitze eines grossen Heu-Hauffens sich bewegen sah, geriet ich plötzlich auf die gedanken: Ob vielleicht der eine von den jüngsten Affen unser Töchterlein da hinauff getragen hätte, und fand, nachdem ich auf einer angelegten Leiter hinauf gestiegen, mich nicht betrogen. Denn das Kind und der Affe machten unterdessen, da sie zusammen ein frisches Obst speiseten, allerhand lächerliche Possen. Allein da das verzweiffelte Tier meiner gewahr wurde, nahm es das Kind zwischen seine Vorder-Pfoten, rutschte mit selbigem auf jener Seite des Hauffens herunter, worüber ich Schreckens wegen fast von der Leiter gestürtzt wäre, allein es war glücklich abgegangen. Denn da ich mich umsahe, lieff der Kinder-Dieb mit seinem Raube aufs eiligste nach unserer Behausung, hatte, als ich ihn daselbst antraff, das fromme Kind so geschickt aus- als angezogen, selbiges in seine Wiege gelegt, sass auch darbei und wiegte es so ernstafftig ein, als hätte er kein wasser betrübt.

Ich wuste teils vor Freuden, teils vor Grimm gegen diesen Freveler nicht gleich was ich machen sollte, mittlerweile aber kam Concordia, so die ganze Comœdie ebenfalls von ferne mit angesehen hatte, mit Zittern und Zagen herbei, indem sie nicht anders vermeinte, es würde dem kind ein Unglück oder Schaden zugefügt sein, da sie es aber Besichtigte, und nicht allein frisch und gesund, sondern über dieses ausserordentlich gutes Muts befand, gaben wir uns endlich zufrieden, wiewol ich aber beschloss, dass dieser allerleichtfertigste Affe seinen Frevel durchaus mit dem Leben büssen sollte, so wolte doch Concordia aus Barmhertzigkeit hierein nicht willigen, sondern bat: Dass ich es bei einer harten Leibes-Züchtigung bewenden lassen möchte, welches denn auch geschahe, indem ich ihn mit einer grossen Rute von oben biss unten dermassen peitschte, dass er sich in etlichen Tagen nicht rühren konte, welches so viel fruchtete, dass er in künfftigen zeiten seine freveln Streiche ziemlicher