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meinem Gewissen nur den kleinesten Vorwurff verursachen wolte. Verlasset euch deswegen sicher auf mein Versprechen, worüber ich GOtt und alle heiligen Engel zu Zeugen anruffe, fasset einen frischen Mut, und fröliches Hertze. GOtt verleihe euch eine glückliche Entbindung, trauet nechst dem auf meinen getreuen Beistand, tut eurer Gesundheit mit unnötiger und vielleicht gefährlicher Schamhafftigkeit keinen Schaden, sondern verlasset euch auf euer und meine tugendhaffte Keuschheit, welche in dieser äusersten Not unverletzt bleiben soll. Ich habe das feste Vertrauen, der Himmel werde auch diese höchste Staffel unseres Elendes glücklich übersteigen helffen, und euch mir zum Trost und Beistande gesund und vergnügt beim Leben erhalten. Befehlet mir deswegen nur ohne Scheu, was ich zu eurem Nutzen etwa tun und herbei schaffen soll, GOtt wird uns, in dieser schweren Sache ganz unerfahrnen Leuten, am besten zu raten wissen.

Diesemnach küssete die keusche Frau aus reiner Freundschafft meine Hand, versicherte mich, dass sie auf meine Redlichkeit ein vollkommenes Vertrauen setzte, und bat, dass ich aussen vor der kammer ein Feuer anmachen, anbei so wohl kaltes als warmes wasser bereit halten möchte, weil sie nechst Göttlicher Hülffe sich einer baldigen Entbindung vermutete. Ich eilete, so viel mir menschlich und möglich, ihrem Verlangen ein Genügen zu leisten, so bald aber alles in völliger Bereitschafft, und ich wiederum nach meiner Kreissenden sehen wolte, fand ich dieselbe in ganz anderer Verfassung, indem sie allen Vorrat von ihren Betten in der kammer herum gestreuet, sich mitten in der kammer auf ein Unter-Bette gesetzt, die grosse Lampe darneben gestellet, und ihr neugebohrnes Töchterlein, in zwei Küssen eingehüllet, vor sich liegen hatte, welches seine jämmerliche Ankunfft mit ziemlichen Schreien zu verstehen gab. Ich wurde vor Verwunderung und Freude ganz bestürtzt, muste aber auf Concordiens sehnliches Bitten allhier zum ersten mahle das Amt einer Bade-Mutter verrichten, welches mir auch sehr glücklich von der Hand gegangen war, indem ich die kleine, wohlgebildete Creatur ihrer Mutter ganz rein und schön zurück lieferte.

Mittlerweile war der Tag völlig angebrochen, weswegen ich, nachdem Concordia auf ihr ordentliches Lager gebracht, und sich noch ziemlich bei Kräfften befand, ausgehen, ein Stücke wild schiessen, und etliche gute Kräuter zum Zugemüse eintragen wolte, indem unser Speise-Vorrat fast gänzlich aufgezehret war. Doch selbige bat mich, noch eine Stunde zu verziehen, und erstlich das allernötigste, nämlich die heilige Tauffe ihres jungen Töchterleins zu besorgen, inmassen man nicht wüste, wie bald dergleichen zarte Creatur vom tod übereilet werden könnte. Ich konte diese ihre sorge selbst nicht anders als vor höchst wichtig erkennen, nachdem wir uns also wegen dieser heiligen und christlichen Handlung hinlänglich unterredet, vertrat ich die Stelle eines Priesters, tauffte das Kindlein nach Anweisung der heiligen Schrifft, und legte ihm ihrer Mutter Nahmen Concordia bei.

Hierauf ging ich mit meiner Flinte, wiewohl sehr taumelend, matt und krafftloss, aus, und da mir gleich über unsern gemachten Damme ein ziemlich stark und feister Hirsch begegnete, setzte ich vor dieses mahl meine sonst gewöhnliche Barmhertzigkeit bei seite, gab Feuer, und traff denselben so glücklich in die Brust hinein, dass er so gleich auf der Stelle liegen blieb. Allein, dieses grosse Tier trieb mir einen ziemlichen Schweiss aus, ehe ich selbiges an Ort und Stelle bringen konte. Jedoch da meine Wöchnerin und ich selbst gute Krafft-Suppen und andere gesunde Kräuter-speisen höchst von nöten hatte, muste mir alle Arbeit leicht werden, und weil ich also kein langes Federlesen machte, sondern alles aufs hurtigste, wiewohl nicht nach den Regeln der Sparsamkeit, einrichtete, war in der Mittags-Stunde schon eine gute stärckende Mahlzeit fertig, welche Concordia und ich mit wunderwürdigen und ungewöhnlichen Appetite einnahmen.

Jedoch, meine Freunde! sagte hier der Alt-Vater Albertus, ich mercke, dass ich mich diesen Abend etwas länger in Erzählung, als sonsten, aufgehalten habe, indem sich meine müden Augen nach dem Schlafe sehnen. Also brach er ab, mit dem Versprechen, morgendes Tages nach unserer Zurückkunfft von Johannis-Raum fortzufahren, und diesemnach legten wir uns, auf gehaltene Abend-Andacht, ingesamt, wie er, zur Ruhe.

Die abermals aufgehende und alles erfreuende Sonne gab selbigen Morgen einem jeden das gewöhnliche Zeichen aufzustehen. So bald wir uns nun versammlet, das Morgen-Gebet verrichtet, und das FrühStück eingenommen hatten, ging die Reise in gewöhnlicher Suite durch den grossen Garten über die brücke des Westlichen Flusses, auf Johannis-Raum zu. Selbige Pflantz-Städte bestunde aus 10. Häusern, in welchen allen man wahrnehmen konte, dass die Eigentums-Herrn denen andern, so wir bisshero besucht, an guter Wirtschafft nicht das geringste nachgaben. Sie hatten ein besseres Feld, als die in Jacobs-Raum, jedoch nicht so häuffigen Weinwachs, hergegen wegen des naheliegenden grossen Sees, den vortrefflichsten Fischfang, herrliche Waldung, Wildpret und Ziegen in starcker Menge. Die Bäche daselbst führeten ebenfalls häuffige Gold-Körner, worvon uns eine starcke Quantität geschenckt wurde. Wir machten uns allhier das Vergnügen, in wohl ausgearbeiteten Kähnen auf der grossen See herum zu fahren, und zugleich mit Angeln, auch artigen Netzen, die vom Bast gewisser Bäume gestrickt waren, zu fischen, durchstrichen hierauf den Wald, bestiegen die oberste Höhe des Felsens, und traffen daselbst bei einem wohlgebaueten Wach-haus 2. Stücken Geschützes an. Etliche Schritt hiervon ersahen wir ein in den Felsen gehauenes grosses Creutze, worein eine zinnerne Platte gefügt war