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einbrechender Nacht ohne Essen und Trincken bloss mit seuffzen, weinen und klagen hinbrachten. Endlich da mir die vernünfftigen gedanken wiederum einfielen, dass wir mit allzu übermässiger Betrübniss unser Schicksal weder verbessern noch verschlimmern, die höchste Macht aber dadurch nur noch mehr zum Zorne reitzen könnten, suchte ich die Concordia so wohl als mich selbst zur Gedult zu bewegen, und dieses gelunge mir auch in so weit, dass wir einander zusagten: alles unser Bekümmerniss dem Himmel anzubefehlen, und mit täglichen fleissigen Gebet und wahrer GOTT-Gelassenheit zu erwarten, was derselbe ferner über uns verhängen würde.

Demnach wischeten wir die Tränen aus den Augen, stelleten uns recht hertzhafftig an, nahmen Speise und Tranck, und suchten, nachdem wir mit einander andächtig gebetet und gesungen, ein jedes seine besondere Ruhe-Stelle, und zwar beide in einer kammer. Concordia verfiel in einen süssen Schlaff, ich aber konte wegen meiner hefftig schmertzenden Wunden, die in Ermangelung guter Pflaster und Salben nur bloss mit Leinwand bedeckt und umwunden waren, fast kein Auge zutun, doch da ich fast gegen Morgen etwa eine Stunde geschlummert haben mochte, fing Concordia erbärmlich zu winseln und zu wehklagen an, da ich nun vermeinete, dass sie solches wegen eines schweren Traumes etwa im Schlaffe täte, und, sie sanffte zu ermuntern, aufstund, richtete sich dieselbe auf einmal in die Höhe, und sagte, indem ihr die grössten Tränen-Tropffen von den Wangen herunter rolleten: Ach, Monsieur Albert! Ach, nunmehr befinde ich mich auf der höchsten Staffel meines Elendes! Ach Himmel, erbarme dich meines Jammers! Du weist ja, dass ich die Unzucht und Unkeuschheit Zeit Lebens von Grund der Seelen gehasset, und die Keuschheit vor mein bestes Kleinod geschätzet. Zwar habe mich durch übermässige Liebe von meinen seel. Ehe-Mann verleiten lassen, mit ihm aus dem haus meiner Eltern zu entfliehen, doch du hast mich ja dieserwegen auch hart genug gestrafft. Wiewohl, gerechter Himmel, zürne nicht über meine unbesonnenen Worte, ist es noch nicht genug? Nun so straffe mich ferner hier zeitlich, aber nur, nur, nur nicht ewig.

Hierauf rang sie die hände aufs hefftigste, der Angst-Schweiss lieff ihr über das ganze gesicht, ja sie winselte, schrye, und wunde sich auf ihren Lager als ein armer Wurm.

Ich wuste vor Angst, Schrecken und Zittern nicht, was ich reden, oder wie ich mich gebärden sollte, weil nicht anders gedencken konte, als dass Concordia vielleicht noch vor Tages Anbruch das Zeitliche gesegnen, mitin mich als den allerelendesten Menschen auf dieser Insul allein, ohne andere, als der Tiere Gesellschafft, verlassen würde. Diese kläglichen Vorstellungen, nebst ihren schmertzhafften Bezeigen, rühreten mich dermassen hefftig, dass ich auf Knie und Angesicht zur Erden fiel, und dermassen eiffrig zu GOtt schrye, dass es fast das Ansehen hatte, als ob ich den Allmächtigen mit Gewalt zwingen wolte, sich der Concordia und meiner zu erbarmen.

Immittelst war dieselbe ganz stille worden, weswegen ich voller Furcht und Hoffnung zu GOtt aufstund, und besorgte, sie entweder in einer Ohnmacht oder wohl gar tot anzutreffen. Jedoch zu meinem grössten Troste, lag sie in ziemlicher Linderung, wiewohl sehr ermattet, da, nahm und drückte meine Hand, legte selbige auf ihre Brust, und sagte unter hefftigem Hertz-Klopffen: Es ist an dem, Mons. Albert, dass eure und meine Tugend von der Göttlichen Fürsehung auf eine harte probe gesetzt wird. Wisset demnach, mein eintziger Freund und Beistand auf dieser Welt, dass ich in Kindes-Nöten liege. Auf euer hertzliches Gebet hat mir der Höchste Linderung verschaffet, ich glaube, dass ich bloss um eurent willen noch nicht sterben werde. Allein, ich bitte euch um GOttes Barmhertzigkeit willen, lasset eure Keuschheit, Gottesfurcht und andere Tugenden, bei meinem itzigen Zustande über alle Fleisches-Lust, unkeusche gedanken, ja über alle Bemühungen, die ich euch zu machen, von der Not gezwungen bin, triumphiren. Denn ich bin versichert, dass alle äusserliche Versuchungen, unsern keuschen Seelen keinen Schaden zufügen können, so fern dieselben nur an sich selbst rein von Lastern sind.

Hierauf legte ich meine lincke Hand auf ihre bekleidete Brust, meine rechte aber reckte ich in die Höhe, und sprach: Liebste Concordia, ich schwere hiermit einen würcklichen Eid, dass ich zwar eure schöne person unter allen Weibs-Personen auf der ganzen Welt aufs allerwerteste achte und liebe, auch dieselbe jederzeit hoch zu achten und zu lieben gedencke, wenn ich gleich, mit GOttes Hülffe, wieder unter 1000. und mehr andere Weibs- und Manns-Personen kommen sollte; Allein wisset, dass ich euch nicht im geringsten aus einer wollüstigen Absicht, sondern bloss eurer Tugenden wegen liebe, auch alle geile Brunst, dergleichen Lemelie verspüren lassen, aufs hefftigste verfluche. Im Gegenteil verspreche, so lange wir beisammen zu leben gezwungen sind, aus guten herzen, euch in allen treulich beizustehen, und sollte ja wider Vermuten in Zukunfft bei mir etwa eine Lust entstehen, mit eurer person verehligt zu sein, so will ich doch dieselbe, um euch nicht verdrüsslich zu fallen, beständig unterdrücken, hingegen allen Fleiss anwenden, euch mit der Helffte derjenigen Schätze, die wir in Verwahrung haben, dahin zu verschaffen, wo es euch belieben wird, weiln ich lieber Zeit-Lebens unvergnügt und Ehe-loss leben, als eurer Ehre und Tugend die geringste Gewalt antun, mir aber in