1731_Schnabel_088_604.txt

wir ihn darum befragten: warum er geweinet hätte? gab er zur Antwort: Ihr wisset alle insgesammt, Alt und Jung, dass ich ein Mann bin, der kein Weibervielweniger HasenHertz im leib, sich auch, ohne eitlen Ruhm zu melden, bei den Felsenburgern ziemlicher maassen wohl verdient gemacht hat. Die Tränen, welche ich unter den beweglichen Vorstellungen des Herrn Mag. Schmeltzers fallen lassen, sind keine Crocodills-Tränen, sondern hertzliche Freuden-Tränen, weil ich an dem Glücke und der Ehre, die dem kapitän Horn heute begegnet und noch ferner begegnen wird, den allergrösten teil zu nehmen einige Ursache habe. Mein Wunsch ist also dieser: GOtt segne die Felsenburger! den kapitän Horn nebst seiner Ehegenossin und mich benebst den Meinigen! so sind wir alle gesegnet, und ich bin der vergnügteste Mensch auf dieser Welt, so lange als mir GOtt noch mein Leben fristet.

Nachdem nun solchergestalt der GOttesdienst geendiget, und das Te Deum laudamus, unter Trompeten- und Paucken-Schall, auch bei gewissen Absätzen, gewöhnlicher maassen, die Stücken gelöset worden; so gingen wir alle insgesamt recht ungemein vergnügt aus dem GOttes-haus, nach der AlbertsBurg zu, mussten uns aber dabei verwundern, dass die Kinder die Wege überall mit grünem Grase und den schönsten Blumen bestreuet, auch einem jeden vorbeigehenden einen schönen Blumen-Straus darreichten; ja ich glaube, dass dazumahl kein Kind, das nur lauffen können, zurück geblieben ist. Auf der AlbertsBurg war nicht allein die Braut-Tafel, sondern auch in andern Zimmern verschiedene Tafeln gesetzt, über dieses auf der ordentlichen Speise-Stelle vollauf angerichtet; allein das Volck verlief sich wider Vermuten unter dem Abblasen der Chorale: Nun dancket alle GOtt etc. Ein veste Burg ist unser GOtt etc. und Es woll uns GOtt genädig sein etc. wobei denn die Cartaunen und kanonen zu vielen mahlen abgefeuret wurden, und worauf so wohl die Klein-Felsenburger, als das auf des kapitän Horns Schiffen befindliche Commando zu antworten nichts schuldig blieben, die denn auch insgesammt vollauf besorget waren.

Unterdessen war es ein artiger Streich, dass der Prinzessin Christiana Löwe, sich seit einiger Zeit gänzlich verlohren hatte, und auf der ganzen Insul, wie fleissig wir auch nachsuchen liessen, nicht anzutreffen war; Doch endlich sahen wir aus den Fenstern von der Alberts-Burg, wie er mit einer artigen jungen Löwin, die er sich unfehlbar aus dem Roberts-Raumer Forste gehohlet, über die Christians-RaumerBrücke mit langsamen Schritten herüber spatzieret kam. Nun waren wir zwar wohl gewohnt worden, dass dieser Löwe dann und wann etliche Tage aussen geblieben, und nicht in seine Behausung gekommen war: denn wir hatten ihm zwischen den Palmen-Bäumen gegen Alberts Raum zu, ein eigenes 12. Ellen hohes, auch nach Proportion der Weite geräumliches höltzernes haus bauen lassen, und zwar von dem allerstärcksten und vestesten Holtze und Bolen, wie denn auch auf 50. Schritt herum alles mit starcken Pallisaden umpflantzt war. In dieses Gehäuse und dessen Umzirck führte also der Löwe seine Gemahlin, mit der er vielleicht schon vor einiger Zeit mochte Beilager gehalten haben. Wir liessen ihnen Heu und Stroh hinein werffen, und wurden gewahr, dass sich alle beide recht beqveme Lagerstädten davon zu rechte machten; auch liessen wir in den Vorhof viele alte und junge wilde Ziegen, Schweine, junge Rehe und dergleichen 4-füssige Tiere zu ihnen hinein lauffen, so wohl auch Türckische Hähne, Hühner, Pfauen und anderes Flügel-Werck. Allein die Löwen konnten sich mit denenselben allen ungemein wohl vertragen, und beleidigten auch das allerkleineste Stück nicht mit einer scheelen Mine, sondern sie waren zufrieden mit ihrer Speise, die ihnen alle Morgen zugeworffen wurde: diese bestund in etlichen Kleien-Brodten, hiernächst in vielen Stücken von verdorbenen, eingesaltzenen, oder geräucherten Fleischwerck und Fischen. Anbei trugen ihnen die Einwohner alltäglich ganze Lasten von den besten Garten-Kräutern, Früchten und Wurtzeln zu, woran sich beide Löwen, dem Ansehen nach, fast noch mehr labten, als an den trockenen speisen. Vor das Geträncke hatten wir nicht ursache zu sorgen, indem in dem Löwen-Revier 3. frische Brunn-Quellen anzutreffen waren, woraus sie ihren Durst nach eigenem Belieben löschen konnten. Etliche Tage hernach aber trug sich eine besonders artige Begebenheit zu: denn weiln ein recht grosser Indianischer Puter-Hahn mit seinem allzu offtern Kaudern sich gar allzu sehr mausig machte, der Löwin dieses Geschrei aber vielleicht zuwider sein mochte; so riss sie den Hahn uhrplötzlich in viele Stücken liess aber dieselben auf dem freien platz liegen, und leckte nicht einmal einen Tropffen Blut davon auf, geschweige denn, dass sie einen Bissen seines Fleisches verschlungen hätte. Dem alten Löwen hingegen mochte diese Mordtat missfallen, weswegen er seine Gemahlin mit dem Pfoten dergestalt abstraffte, dass alle Zuschauer, darüber zum hertzlichen lachen bewogen wurden. Man muste sich aber über das demütige Bezeugen der Löwin so wohl, als über das behutsame Verfahren des alten Löwen, welches er im Zuschlagen brauchte, ganz ungemein verwundern.

Hierauf bemerckten wir, dass die Löwin beständig seitwärts ging, und ihrem Gemahl immerzu scheele Minen machte; nicht, wie sonst gewöhnlich, an seiner Seite speisete, auch nicht einmal aus einer Quelle mit ihm tranck, sondern sich immer eine besondere Quelle suchte.

Dieses unter den beiden Löwen entstandene Missvergnügen währete viele Tage; Jedoch die Prinzessin Christiana war so behertzt, dass sie die beiden Löwen in ihrer wohnung und Revier besuchte