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. Dieser aber dargegen umarmete und küssete ihn etliche mahl auf den Mund, liess auch dabei viele heisse Tränen aus seinen Augen fallen, welches alle Umstehenden wohl bemerckten. Anbei redete er diese Worte: "Mein Bruder! reiset glücklich, und bleibt gesegnet hier zeitlich und dort ewiglich."

Horn Jun. antwortete hierauf: "Mein Bruder! ich habe mich in vielen Stücken, die euch wohl bekannt sind, sonderlich in einem eintzigen Stücke, welches, wie ihr wohl wisset, eure person allein anbetroffen, auf das schändlichste gegen euch vergangen und versündiget; darum vergebt mir, wo ihr anders wollet, dass ich, es sei hier oder da, frölich sterben soll, meine gegen euch begangene Sünden in Gegenwart dieser redlichen Zeugen, auf dieser Stelle." Horn Sen. versetzte hierauf: "Mein Bruder! das weiss ich wohl, dass ihr euch in vielen Stücken an GOtt versündiget habt, was aber das Meinige anbelanget, so sind euch alle eure gegen mich begangenen Fehler und Ubereilungen so wohl aus christlicher, als brüderlicher Liebe, schon längstens vergeben und vergessen; ich will meines Teils auch wünschen, nimmermehr wieder daran zu gedencken. Ihr seid ein Mann, der, so zu sagen, 3. herzen im leib hat, das weiss ich gewiss, indem ich euch auf der schärfften probe gehabt, und dieselben mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Bewahret nur aber eure Seele in Zukunfft besser, als bishero, und seid nicht wie ein wanckendes Rohr, (sonderlich in Glaubens-Sachen) welches der Wind hin und her wehet. Unterdessen weil eure Abreise ohne dem so gar allzu eilig nicht vonnöten, so habt ihr die Erlaubnis von dem Regenten und allen andern Befehlshabern, euch noch so lange allhier zu verweilen, bis ich mit meiner verlobten Braut-Hochzeit gehalten habe, als woraus ich mir ein ganz besonderes Vergnügen schöpffen, euch, wenn dieses vorbei, dem Schutze des Allerhöchsten befehlen, nachher aber eine glückliche Reise wünschen werde."

Alle Anwesende wurden insgesammt zugleich mit recht wehmütig gemacht, als wir das Hertzbrechende Beginnen dieser zweien Brüder noch fernerweit mit anhöreten, und sahen, welches denn nicht allein in blossen Worten bestund, sondern sie umarmeten, hertzeten und küsseten sich dergestalt freund-brüderlich, als ob sie Zeit ihres Lebens einander nicht gesprochen oder gesehen hätten, auch wohl vielleicht niemals wieder zusammen kommen möchten.

Hierauf wurden die allerersinnlichsten Anstalten zu des kapitän Horns Sen. Hochzeit-Feste gemacht, welches gut Befehl der Obern vor dissmahl als ein besonderes fest 6. Tage lang von den Insulanern in allen Pflantzstädten mit zu feiren angeordnet war. Dabei aber blieb es noch nicht, sondern es wurden alle unsere Cartaunen kanonen und Feuer-Mörser auf den Berg um die Alberts-Burg herum gesetzt, bis auf 2. Cartaunen, 6. kanonen und drei Feuer-Mörser, die wir nach der Insul Klein-Felsenburg hinüber führeten, um, dass unsere dasigen Freunde und Brüder bei dem Gesundheit-Trincken damit antworten könnten. Hierbei bekamen sie auch 300 Stück gefüllete Bomben, ingleichen unzehlige Stücken von Raqueten, Schwärmern, Feuer-Kugeln u. andern Zeuge; Unsere Feld-Wachten auf den Höhen aber wurden zu derselben Zeit an teils Orten verdoppelt, auch mehreres Geschütz und Gewehr hinauf zu ihnen gebracht, wobei an Pulver, Blei und andern Dingen gar kein Mangel zu spüren war, indem wir uns gewisser Ursachen wegen, eben damahls einer neuen Verräterei zu besorgen, einige Merckmahle hatten.

Wie nun aber der zum Hochzeit-Feste des kapitän Horns Sen. bestimmte Tag anbrach, wurden sogleich alle Cartaunen und kanonen, so viel deren nur auf der Alberts-Burg, so wohl als auf den Gebürgen befindlich waren, abgefeuert, worauf uns denn allemahl nicht allein von der Insul Klein-Felsenburg, sondern auch von des kapitän Horns Schiffen, welche noch beständig zwischen den Sand-Bäncken vor Anker lagen, richtige Rede Antwort gegeben wurde. Ich gebrauchte mich vorher der List, den jungen kapitän Horn, als den ich sehr lieb gewonnen, und zwar um ganz besonderer Ursachen wegen, wieder herüber auf unsere grosse Insul zu führen, jedoch alles ohne Wissen und Willen seines Bruders, in ganz anderer Felsenburgischer Kleidung, um nur die Copulation seines Bruders nebst andern Solennitäten mit anzusehen.

Mitin wurde der liebe kapitän Horn Sen. zum ersten mahle mit seiner verlobten Braut Johanna Margareta, Andreä Robert Julii Tochter in RobertsRaum, die mit meiner Ehe-Frau Geschwister-Kind ist, von Hrn. Mag. Schmeltzern, als unserm so genannten Bischoffe, nach verrichteten Gottesdienste ordentlicher Weise copuliret, oder, wie man es auf deutsch heisst, zusammen gegeben. Ich will von den Texten und Compositionen der Kirchen-Musique, die vor und nach der Copulation gemacht wurde, um alle Weitläuftigkeit zu vermeiden, vorietzo gar nichts melden, weilen bekannt, dass sich sonderlich in Deutschland weit bessere Poëten und Componisten befinden, die uns arme einfältige Felsenburger, wenn ich die Partituren zugleich mit übersendete, vielleicht nur auslachen möchten. Zum Trau-Sermon hatte sich Herr Mag. Schmeltzer Sen. den 80. Psalm Davids, als den Grund seiner Rede erwehlet, absonderlich wuste er den 10ten Versicul: Du hast vor ihm die Bahne gebrochen, und hast ihn lassen einwurtzeln, dass er das Land erfüllet hat etc. ungemein artig auf die beiden Capitains Wolfgang und Horn, zu appliciren. weswegen denn der alte kapitän Wolffgang viele FreudenTränen fallen liess, nachher aber, als