wohl vorstelle, allein ich bitte sie inständig, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, und sich in möglichster Geschwindigkeit auf die Reise nach Amsterdam zu machen, damit sie längstens gegen St. Johannis-Tag daselbst eintreffen. Der 27. Jun., wo GOtt will, ist zu meiner Abfahrt nach Ost-Indien angesetzt. Finden sie mich aber nicht mehr, so haben sie eine versiegelte Schrifft, von meiner Hand gestellt, bei dem Banquier, Herrn G.v.B. abzufordern, wornach sie Ihre Messures nehmen können. Doch ich befürchte, dass ihre importanten Affairen weitläufftiger werden, und wohl gar nicht glücklich lauffen möchten, woferne sie verabsäumeten, mich in Amsterdam auf dem Ost-Indischen haus, wo ich täglich anzutreffen und bekannt genug bin, persönlich zu sprechen. Schliesslich will ihnen die Beschleunigung ihrer Reise zu ihrer zeitlichen Glückseeligkeit nochmahls freundlich recommendiren, sie der guten Hand Gottes empfehlen, und beharren
Monsieur
votre Valet
Leonhard Wolffgang.
P.S.
trauen zu setzen ursache habe, folget hierbei ein Wechselbrief a 150. spec. dukaten an Herrn S. in Leipzig gestellet, welche zu Reise-Kosten aufzunehmen sind.
Es wird vielleicht wenig Mühe kosten, jemanden zu überreden, dass ich nach Durchlesung dieses Briefes eine gute Zeit nicht anders als ein Träumender auf meinem stuhl sitzen geblieben. Ja! es ist zu versichern, dass diese neue und vor mich so profitable Zeitung fast eben dergleichen Zerrüttung in meinem Gemüte stifftete: als die vorige von dem Unglücke meines Vaters. Doch konte mich hierbei etwas eher fassen, und mit meinem verstand ordentlicher zu Rate gehen, derwegen der Schluss in wenig Stunden dahinaus fiel: mit ehester Post die Reise nach Amsterdam anzutreten. Hierbei fiel mir so gleich der tröstliche Vers ein: Es sind ja GOtt sehr schlechte Sachen, etc. welcher mich anreitzete, GOtt hertzlich anzuflehen, dass er meine Jugend in dieser bedencklichen Sache doch ja vor des Satans und der bösen Welt gefährlichen Stricken, List und Tücken gnädiglich bewahren, und lieber in gröstes Armut, als Gefahr der Seelen geraten lassen wolle.
Nachdem ich mich solchergestalt mit GOtt und meinem Gewissen wohl beraten, blieb es bei dem gefassten Schlusse, nach Amsterdam zu reisen. Fing deswegen an, alles aufs eiligste dazu zu veranstalten. Bei Herrn S. liess ich mir die 150. Duc. spec. noch selbigen Tages zahlen, packte meine Sachen ein, bezahlete alle diejenigen, so mir Dienste geleistet hatten, nach meinen wenigen Vermögen reichlich, verdung mich mit meiner Equippage auf die Casselische oder Holländische Post, und fuhr in GOttes Nahmen, mit besonderen Gemüts-Vergnügen von Leipzig ab.
Auf dieser Reise begegnete mir nichts ausserordentliches, ausser dem dass ich mich resolvirte, teils Mattigkeit, teils Neugierigkeit wegen, die berühmten Seltenheiten in und bei der Land-Gräfl. Hessen-Casselischen Residentz-Stadt Cassel zu betrachten, einen Post-Tag zu verpassen. Nachdem ich aber ziemlich ausgeruhet, und das magnifique Wesen zu admiriren vielfältige gelegenheit gehabt, verfolgte ich meine vorhabende Reise, und gelangete, noch vor dem mir angesetzten Termine, glücklich in Amsterdam an.
Mein Logis nahm ich auf recommendation des Coffre-Trägers in der Wermuts-Strasse im Wapen von Ober-Yssel, und fand daselbst vor einen ermüdeten Passagier sehr gute gelegenheit. Dem ungeachtet vergönnete mir das hefftige Verlangen, den kapitän Wolffgang zu sehen, und ausführlich mit ihm zu sprechen, kaum 7. Stunden Zeit zum Schlaffe, weil es an sich selbst kräfftig genug war, alle Mattigkeit aus meinen Gliedern zu vertreiben. Folgendes Tages liess ich mich von müssigen Purschen vor ein gutes Trinkk-Geld in ein und anderes Schenck-haus, wohin gemeiniglich See-Fahrer zu kommen pflegten, begleiten. Ich machte mich mit guter manier bald an diesen und jenen, um einen Vorbericht von des kapitän Wolffgangs person und ganzen Wesen einzuziehen, doch meine Mühe war überall vergebens. Wir hatten binnen 3. oder 4. Stunden mehr als 12. biss 16. Teé-, Coffeé-, Wein- und Brandteweins-Häuser durchstrichen, mehr als 50. See-Fahrer angeredet, und doch niemand angetroffen, der erwehnten kapitän kennen wolte.
Mein Begleiter fing schon an zu taumeln, weil er von dem Weine, den ich ihm an verschiedenen Orten geben liess, ziemlich betruncken war, weswegen vors dienlichste hielt, mit demselben den Rückweg nach meinem Quartiere zu suchen. Er liess sich solches gefallen, kaum aber waren wir 100. Schritte zurück gegangen, als uns ein alter Boots-Knecht begegnete, welchem er zurieff: Wohlauf, Bruder! Kanst du Nachricht geben von dem kapitän Wolffgang? Hier ist ein Trinck-Geld zu verdienen. Well Bruder, antwortete der Boots-Knecht, was soll kapitän Wolffgang? soll ich nicht kennen? soll ich nicht wissen, wo er logirt? habe ich nicht 2. Fahrten mit ihm getan? habe ich nicht noch vor 3. Tagen 2. fl. von ihm geschenckt bekommen? Guter Freund! fiel ich ihm in die Rede, ist es wahr, dass ihr den kapitän Leonhard Wolffgang kennet, so gebet mir weitere Nachricht, ich will – – – Mar Dübel, replicirte der Grobian, meinet ihr, dass ich euch belügen will? so gehet zum Teuffel, und sucht ihn selber. Diese mit einer verzweiffelt-bosshafftigen und scheelen Mine begleiteten Worte waren kaum ausgesprochen, als er sich ganz negligent von uns abwandte, und in einen Wein-