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, welches ich seit gestern und heute ausgegraben, mein Grab bedeuten soll. Meinen Geferten habe ich bereits vor einem halben Jahre begraben, weiln derselbe eines natürlichen und sanfften Todes gestorben war; Mir aber hat der Himmel wissen lassen, dass ich durch die hände einer verfolgten Christlichen Printzessin entweder beerdigt werden, oder dieselbe aus diesem Reiche in die Christenheit schaffen sollte. Nun habe ich euch allen beiden schon seit etlichen Tagen daher mit sonderbarem Verlangen entgegen gesehen: denn ich weiss alle eure Umstände und geschichte, welche mir in meinem grossen Spiegel gezeigt worden, so offt ich denselben vor mich gesetzt. Mittlerweile aber, da ich eure beschwerliche Reise gesehen, hat mir der Himmel offenbaret, dass ich zwar mein Grab machen, jedoch binnen Jahres-Frist noch nicht sterben, sondern nach Verlauff einiger Zeit mit euch eine Wallfahrt nach der Insul Ceilon, zu dem grab Adams, als unsers allerersten Vaters, tun soll, allda werden wir sodann ein Holländisches Schiff antreffen, dessen Patron auf Befehl einer höhern Macht uns einnehmen, und in die Christenheit führen wird, (denn ihr könnet mir sicher glauben, dass ich ein so genannter natürlicher Sohn eines grossen Europæischen Printzen bin, nachdem aber dieser mein Vater gestorben, bin ich vor nunmehr 112. Jahren durch seine hinterlassenen Erben aus meinem vaterland vertrieben worden, und habe mich wunderlicher Weise in der Welt herum getummelt, so wohl zu land, als zu wasser. Endlich nach vielen ausgestandenen Drangsalen und Gefährlichkeiten liess mich als einen Römisch Catolischen Christen gelüsten, den Franciscaner-Münchs-Orden anzunehmen, da es denn nachher mein Schicksal dergestalt gefügt, dass ich, nebst noch 2. anderen meiner Mit-Brüder in dieses Königreich Persien geraten, wo wir unsern äusersten Fleiss anwendeten, die Heiden zu dem wahren GOtte der Christen zubekehren, hergegen von der Abgötterei und sonderlich von der Anbetung des Feuers abwendig zu machen; allein, da die Heiden dieses unser Vorhaben vernahmen taten sie uns allen dreien nicht allein die gröste Schmach und Schande, sondern auch zum öfftern sehr viele Marter an, und endlich wurde unser dritter Mann von den Heiden gar zu tod geschlagen; weswegen wir armen erschrockenen zwei übrig gebliebenen Brüder uns eiligst auf die Flucht begaben, um, sonderlich bei damahligen schweren krieges-zeiten, ihren Händen zu entrinnen, da uns denn der Himmel auf dieses Gebürge führte, welches, ob es gleich von aussen sehr fürchterlich, wüste und wilde zu sein scheinet, jedennoch von innen ganz angenehm und lustig ist. deswegen baueten wir beide geschworne Brüder sogleich eine Clause auf diese Stätte, unter welcher aber 4 in Stein gearbeitete Keller befindlich sind, und lebten in den ersten Jahren sehr schlecht und elend, nämlich von blosen Kräutern, Wurtzeln und wilden unschmackhafften Früchten, wobei uns die vortreffliche wasser-Quelle sehr wohl zu statten kam; nach der Zeit aber haben sich aus einigen, in dem jenseitigen GrossMogulschen Gebiete gelegenen kleinen Städten und Dörffern immerzu Leute bei uns eingefunden, weiln wir alle beide die Gaben hatten, zu weissagen, Krancke gesund zu machen, auch dann und wann einige besondere Wunder zu tun. Also sind wir nachher von diesen Leuten nicht allein mit guten speisen und Geträncken versorgt, sondern auch mit allerhand Arten von Geschencken fast überhäufft worden, bis endlich, wie ich schon gemeldet, mein Mit-Bruder ohngefehr vor einem halben Jahre gestorben, und von mir begraben ist. nunmehr habe ich einen stumm und taub gebohrnen Mann zu meiner Bedienung, welcher mich wöchentlich 2. oder 3. mahl besucht, und zusiehet, ob ich auch noch lebe. Dieser bringet mir alles zu, was ich zur höchsten Notdurfft brauche, und ungeachtet er taub und stumm ist, so verstehet er doch an den Zeichen, so ich ihm gebe, alles auf das allergenaueste, was ich von ihm haben will, als wovon ihr die Proben sehen sollet, denn er wird heute, oder längstens Morgen gewiss kommen, und mir frischen Proviant bringen."

Nachdem der alte Greiss diese seine Rede vollendet, nötigte er uns beide nur ihm in seine Clause zu kommen, und als wir ihm gefolgt, Mirzamanda aber etwas bekümert und traurig aussahe, sprach er zu derselben: "Ich weiss es, Printzessin, dass ihr vor jetzt um eures Vaters wegen bekümmert und traurig seid; allein sorget vor ihn nicht, denn ich will euch gleich zeigen, dass er noch wohl, gesund und lustig lebt."

Hierauf stieg er hinunter in einen Keller, und brachte ein grosses, rundes, klar und hell geschliffenes-Glas herauf, welches über 2. Spannen hoch, in der Mitte aber über 3. Finger dicke war. Dieses Glas setzte er vor Mirzamanden auf den Tisch nieder, hieng ein weisses Tuch an die gegen über stehende Wand, schrieb der Printzessin Nahmen und etliche Characters mit Kreite vor derselben auf den Tisch, da wir denn mit gröster Verwunderung sahen, wie sich auf dem weissen Tuche der Fürst von Candahar mit der offt genannten fräulein von N. auf einem JagdWagen sitzend, dergestalt ordentlich zeigten, als ob beide mit einem Mahler-Pinsel abgeschildert wären. Dergleichen Proben machte er auf Verlangen der Mirzamanda noch einige, tat auch weiter nichts mehr bei der ganzen Sache, als dass er dann und wann die Characters und Zeichen mit der Kreite veränderte. Endlich, da wir diese Lust über 2. Stunden gehabt, sprach er: "Nun, meine Kinder! will ich euch meinen taub und stumm gebohrnen Aufwärter vorstellen, gebt wohl achtung