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stille zu; nachher aber tat diese ihre bewegliche Rede unter so vielen Personen verschiedene recht Bewunderns-würdige Würckungen: denn manche fiengen zu heulen und zu schreien an; manche schlugen die hände über den Köpffen zusammen, klatschten auch wohl darbei; noch manche stampfften mit den Füssen auf die Erde, und spyen nach der Decke und den Wänden des Saales zu. Demnach wuste Mirzamanda so wenig, als ich, zu begreiffen, was wir uns unsers fernern Schicksals wegen zu getrösten hätten. Jedoch die nunmehr regierende Fürstin liess uns beide durch eine sichere Wache in unser voriges Z i m m e r begleiten, folgte auch bald nach, und unterredete sich abermals mit Mirzamanden, bis der Tag fast anbrechen wolte. Aus ihren Reden vernahm ich so viel, dass der Fürstin der Tod ihres gottlosen Bruders eben nicht allzu nahe ging, denn sie tröstete Mirzamanden auf das allerliebreichste, und sagte zuletzt: Es wird zwar vor euren Augen gleich morgendes Tages ein Scheiter-Hauffen gemacht werden, allein darauf sollet ihr, meine Schwester! so wenig kommen, als eure Frau, die ihr bei euch habt, sondern ich muss nur einigen meiner missvergnügten Untertanen einen blauen Dunst vor die Augen machen; an eurer Stelle aber will ich zwei Mordbrennerinnen auf den Scheiter-Hauffen bringen, und verbrennen lassen; Ihr hingegen sollet durch mich zu gehöriger Zeit in Sicherheit gebracht werden, weil ich die Christen weit mehr liebe, als die Heiden.

Leichtlich ist es zu erachten, dass, da nach dem Abgange der Fürstin wir unsere Ruhe suchten, selbige jedoch keinesweges geniessen konnten, vielmehr die wenigen Schlaf-Zeits-Stunden mit tausend sorgsamen Grillen hinbrachten, indem wir uns auf der Fürstin, als einer Heidnischen Printzessin, Wort eben so sehr nicht verlassen konnten, mitin zwischen Furcht des Todes und des Lebens schwebeten und zwar auf eine solche jämmerliche und schmertzhaffte Art, nämlich auf einem Scheiter-Hauffen verbrannt zu werden. Allein wir wendeten uns mit einem andächtigen Gebete zu dem Allmächtigen, damit er dieser Heidnischen Fürstin Hertz regieren, und unser Leben erhalten wolle. Dieses Gebet wurde erhöret; Denn ungeachtet wir mit dem allergrösten Schrecken den abscheulich hohen Scheiter-Hauffen aufrichten sahen, so wurden wir doch bald getröstet, weilen die Fürstin in unser Zimmer kam, und Mirzamanden verschiedene Kleinodien von hohem Werte einhändigte, anbei sagte: "Nehmet dieses wenige, meine werteste Schwester! auf den Notfall mit auf die Reise, denn ich habe euch zwei Pilgrims-Kleider machen lassen, auch schon zwei Mägde bestellet, welche mit zweien Körben, die mit Lebens Mitteln angefüllet sind, euch die richtige Strasse zur Clause des frommen und heiligen Einsiedlers Urbani zeigen sollen; welcher heilige Mann, wenn ihr nur einen Gruss an ihn von mir bringet, alles mögliche anwenden wird, euch in Sicherheit zu schaffen. deswegen haltet euch bereit und reisefertig: denn ich will euch selbst in der MitternachtsStunde abholen, und durch die kleine Hinter-Tür des grossen Gartens führen, wo die beiden Mägde eurer warten sollen; Haltet euch also nicht auf, sondern setzt eure Reise in möglichster Geschwindigkeit fort, denn gleich mit Anbruch des Tages wird der Scheiter-Hauffen angezündet werden, der dem Mordbrennerinnen, keines Weges aber vor euch zur Bestraffung, auf meinen Befehl, aufgeführet worden."

Nachdem die Fürstin unser Zimmer verlassen, fielen Mirzamanda und ich auf unsere Knie nieder, und wiederholeten das Gebet zu dem allmächtigen GOtt, welches denn auch erhöret wurde: Denn die Fürstin kam in der Mitternachts-Stunde, nahm von Mirzamanden unter sehr vielen Küssen den allerzärtlichsten Abschied, und führte uns beide in eigener person in Begleitung zweier Mägde durch den grossen Garten zur Hinter-Tür hinaus, wo wir andere 2. Mägde, die Körbe aufgehuckt hatten, antraffen, und mit denselben, nach nochmahls genommenem zärtlichen Abschiede von der Fürstin, unsere Reise antraten, und zwar dem Scheine einiger fackeln, so hie und da am Wege aufgestellet waren, entgegen eileten, so lange bis der Tag anzubrechen begunte, da wir denn bald ein grosses Feuer-Zeichen am Himmel gewahr wurden, und daraus nicht anders urteilen konnten, als dass selbiges von dem angezündeten Scheiter-Hauffen herrührete, weiln sich solches eben über selbiger Gegend zeigte. Wir wünschten also denen Mordbreñerinnen eine glückliche Himmelfahrt, und setzten unsern Weg durch einen grossen dicken Wald auf das allereiligste fort, welchen wir nach getanen zweien starcken Tage-Reisen endlich nur von ferne noch hinter unserm rücken liegen sahen. Die beiden Mägde, welche die Körbe mit den Lebens-Mitteln trugen, stelleten sich ermüdeter an, als Mirzamanda und ich, weswegen, da diese Printzessin vermerckte, wie die faulen Mägde eben keine besondere Lust bezeigten, weiter mit uns zu gehen, einer jeden Magd einen diamantenen Ring nebst 2. Händen voll allerlei güldener und silberner Müntz-Sorten gab, und sie damit umzukehren beurlaubte; jedoch mussten sie uns den meisten teil der Lebens Mittel zurück lassen, als welche wir selbsten, so gut wir nur immer konnten, in unsere langen Pilgrims-Kleider einpackten.

Ob nun schon der fürchterliche dicke Wald glücklich von uns zurück gelegt war, und wir unsern fernern Weg nach dem grossen Gebürge zu nahmen, als welches Gebürge, so zu sagen die Gräntz-Scheidung des Gross-Mogulischen-Gebiets ist; so gerieten wir binnen 4. Tagen, jedoch ganz ohnvermerckt, in eine weit grössere Gefahr, nämlich in eine ganze SandSee, welche wir kaum übersehen konnten, und zum öfftern bis über