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sie sich doch von ihrem Vorhaben nicht abwendig machen. Als wir demnach 3. Tage und Nächte auf unsern Knien gelegen, und GOtt mit heissen Tränen gebeten, dass er unsere Flucht befördern, und uns glücklich Europa bringen möchte, so wagte es die Printzessin, und gab zweien Heidnischen Mägden eine wichtige GeldSumme, dass sie mit uns ihre Kleider vertauschten, indem die Printzessin vorgab, dass sie, um nur an die frische Lufft zu kommen, eine Wallfahrt auf 3. Tage nach dem uralten Heiden-Tempel tun, und hernach wieder zurück kommen wolte. Es war dieses allerdings ein recht verzweiffelter Anschlag und Vorhaben zu nennen, allein da Jacob auch die Wache nicht nur mit Gelde, sondern auch mit vielen Wein-Flaschen abermals bestochen, ja alle unsere Wächter mit dem besten Weine dergestalt begeistert hatte, dass sie fast von ihren Sinnen nicht wusten, kamen wir in den Mitternachts-Stunden glücklich durch die Wache und zum schloss hinaus. Jedennoch hatte der Satan sein Spiel, dass wir des rechten Weges, den uns Jacob abgezeichnet hatte, auf welchem wir ihn und seine Frau antreffen sollten, verfehleten, uns in einem dicken Gebüsche verirreten, und endlich folgenden Morgens durch die Jäger des Arab-Ogli gefunden, erkannt, und als Gefangene auf das Schloss ihres Herrn gebracht wurden.

Demnach gerieten so wohl ich, als die Printzessin in die alleräuserste Verzweiffelung, weilen wir wohl wusten, dass dieser Arab-Ogli vor einiger Zeit ein unglückseliger Buhler der Fürstin gewesen. Wie ich nun aber am allerbesten ausreden konte, auf was Art ihn dieselbe abgefertiget hatte, so wurde mir desto banger um das Hertze, ja ich vermeinete nicht anders, als dass wir unsern baldigen Tod, wenigstens aber ein sehr schweres gefängnis würden zu hoffen haben; Allein, das Schicksal fügte es ganz anders, denn ob ich zwar in dem Letzteren nicht gefehlt, indem uns Arab-Ogli auf eins seiner vestesten Schlösser brachte, so liess er doch die Printzessin, nachdem er ihrer person wegen vollkommene Kundschafft eingezogen, auf das allerbeste verpflegen, wobei denn ich auch eben keine Not litte.

Wenige Tage hernach schickte Arab Ogli zwei ganz vernünfftige Weiber an die Printzessin, welche ihr ganz höflich und geschickt vorzutragen wusten, wie sich dieselbe ja nicht einbilden sollte, dass sie eine solche Gefangene wäre, vermittelst deren er, der Arab Ogli, da er mit dem Fürsten von Candahar in einigem Streite und Wiederwillen lebte, etwa seinen Hohn oder Schimpff zu rächen gesonnen wäre. Nein! keineswegs; deswegen sollte sie nur gutes Muts sein, und alles fordern und befehlen, womit ihr gedienet werden könnte, denn Arab-Ogli würde gegen Abend selbsten kommen, sie zu besuchen, bei solcher gelegenheit aber sich deutlicher gegen sie, die Printzessin, erklären.

Ob nun schon diese letztere so wohl, als ich, wünschten, uns lieber in dem wilden wald, oder in einer Wüstenei zu befinden, als mit dem Feinde des Fürsten von Candahar fernerweit etwas zutun zu haben, so sahen wir uns doch halb gezwungener Weise gemüssiget, in die Zeit zu schicken, und ihm den Zutritt zu vergönnen, als welchen wir ihm, wenn wir es bei dem Lichte betrachteten, ohnedem nicht verwehren konnten, indem wir uns ja in seiner Gewalt befanden.

Demnach kam Arab Ogli Abends nach der Taffel, da wir in unserm Zimmer bereits die Wachs-Kertzen angezündet hatten, und weilen er die Printzessin bei ihrem Nacht-Tische sitzend, und in einem geistlichen buch lesend antraff, so warff er sich gleich augenblicklich zu ihren Füssen hin, und redete dieselbe meines Behalts ohngefehr mit folgenden Worten an: "Printzessin Mirzamanda! ihr stehet in der falschen Einbildung, als ob ihr meine Gefangene wäret; allein hierinnen irret ihr euch viel zu sehr, denn weilen ihr die Königin und Beherrscherin meines Hertzens, so bin ich im Gegenteil eurer Gefangener, ja euer alleruntertänigster Sclave, und zwar von der Stunde an, da ich das Glück gehabt, eure Anbetens-würdige person, als das vollkommene, ja noch weit schönere Ebenbild eurer gestorbenen Mutter zu erblicken. Glaubet ja nicht, dass ich Schuld bin an eurer so genannten Gefangenschafft, oder es meinen Jägern anbefohlen habe, euch aufzuheben, und zu mir zu führen. Nein! ich beteure nochmahls bei dem zeugnis aller Götter und allen dem, was heilig über und um uns heist, dass ich ein solches nicht getan: da aber das Glück eure person unverhoffter Weise in meine Verwahrung geführt, so sehe ich solches als eine gute Vorbedeutung an, durch diese eure person mit eurem Durchl. Vater, dem Fürsten von Candahar, bald vollkommen vereinigt zu werden, und zwar durch eine glückselige Vermählung zwischen euch und mir."

Mirzamanda schickte sich damahls, meinen gedanken nach, ziemlicher massen in die Zeit, indem dieselbe den Arab-Ogli von der Erden aufzohe, und ihm eine und andere kleine Schmeicheleien erwiese, auf die Haupt-Sache aber gab sie zu diesem erstenmahle eine fast ganz spröde heraus kommende Antwort; jedoch, der in sie allzu hefftig verliebte Ogli vermeinete vielleicht, dass sie es nach und nach schon etwas näher geben würde. Demnach besuchte er sie nicht nur auf das allerfleissigste, sondern versuchte auch durch die allerkostbarsten Geschencke, vortrefflichste Bewirtung und allerhand Schmeicheleien sie dahin zu bewegen, ihn zu lieben; ja, er liess aus unserm Zimmer 2. Felder ausschlagen, und 2. Treppen anlegen, vermittelst deren wir, und zwar durch die eine oben hinauf in