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angaben, welchen ich noch dreimahl so viel zu geben versprach, als ich ihnen schon gegeben hatte, woferne sie uns nur glücklich hin, nach Candahar, brächten.

Der Himmel halff, dass wir diese beschwerliche Reise nach vielen zurück gelegten Tagen und Nächten glücklich überstunden, indem kein Fuhrwerck zu bekommen war, und ich mit dem kind zu fuss nicht wohl fortkommen konte. Den Fürsten traffen wir zu haus an, und er stellte sich über den Verlust seiner Liebste, nachdem ich ihm alle begebenheiten recht umständlich erzehlet, fast untröstlich an, doch bemerckte ich, dass die fräulein von N. in wenig Tagen wieder bei hof zum Vorscheine kam, weilen aber dieses mich nichts anging, als war meine HauptSache die Printzessin, welche der Herr Vater als seinen auge-Apfel liebte, auf das allerbeste zu warten und zu pflegen; wie nun der Fürst nicht allein meine Treue und Fleiss, sondern auch die besondere, ja ganz ungemeine Liebe, welche seine eintzige Tochter gegen mich hegte, in Betrachtung zog, so gab er dieser seiner Tochter einen eigenen Pallast ein, bestellete mich zur Hofmeisterin und Pflegerin über dieselbe, wie auch noch mehrere Bediente, und richtete im übrigen die Hofstadt dieser kleinen Tochter dergestalt ein, dass ich dieselbe mit einem Worte, Fürstlich nennen will.

Bei meiner kleinen untergebenen Printzessin versäumete ich also nichts, ihr das Christentum sogleich in der zarten Jugend einzuflössen, weswegen ich denn, so viel als nur immer möglich war, die Heidnische Bedienung von ihr abhielt und zurücke trieb, hergegen den Jacob nebst seiner Frauen, und noch einer am hof befindlichen Protestantischen Christin an mich zog, mit deren Beihülffe ich ihr nicht allein die Holländische Sprache so ziemlicher massen reden lernete, hauptsächlich aber im Christentume unermüdet unterrichtete, denn Jacob war ein Mann, der, so zu sagen, fast einen Priester und Prediger vorstellen konte. Demnach erlernete die Printzessin immer nach und nach die auserlesensten christlichen Gebete und Psalmen auswendig sprechen, mit Singung ein- oder anderer geistreicher Lieder durffte es sehr selten wagen, weilen die Heiden sogleich die Ohren darüber spitzeten, unterdessen lehrete ihr Jacob das Lesen, Schreiben und Rechnen, wobei sie denn ihren ungemeinen Verstand zu unserm Vergnügen dergestalt blicken liess, dass wir in eine erstaunliche Verwunderung darüber gerieten. Unter allen Tugenden aber, welche diese Printzessin gleich in ihrer zarten Jugend von sich blicken und spüren liess, war die Verschwiegenheit wohl eine von den vornehmsten Haupt-Tugenden: denn sie hatte dergestalt reinen Mund zu halten gelernet, dass sie alles dasjenige, was ihr auszusagen verboten wurde, bei sich behielt, eben als wenn es in einen Stein eingegossen wäre.

Der Fürst wohnete nicht allein allen Feldzügen bei damahligen schweren Kriegen in eigener person bei, und kam offtermahls sehr stark verwundet zurück, so bald er aber nur halwege ausgeheilet war, nahm er immer eine weite Reise nach der andern vor, so, dass wir uns seiner Gegenwart wenig zu erfreuen hatten.

Mittlerweile lieffen die Jahre eines nach dem andern dahin, und Mirzamanda wurde endlich mannbar, da denn der Fürst, als er einstmahls plötzlich wieder von Ispahan zurück kam, sich über ihre schöne person und ganze Aufführung ungemein erfreuete. Er beschenckte nicht allein mich, sondern auch alle Bedienten dergestalt reichlich, dass wir fast darüber erstauneten, rühmte und lobete anbei unsern Fleiss und Bemühung wegen guter Auferziehung seiner eintzigen liebsten Tochter über alle massen, und versicherte uns seiner fernern beständigen Gnade.

Meine person bildete sich vor allen andern so wohl auf das beigelegte Lob, als wegen der empfangenen kostbaren Geschencke nicht wenig ein, und sah mit Vergnügen, dass der Fürst mit seiner eintzigen liebsten Tochter auf das allerzärtlichste, und zwar bei allen Gelegenheiten umging.

Allein, das Spiel bekam binnen wenig Wochen ein ganz anderes Ansehen, denn, nachdem der Fürst seine Printzessin nicht allein sehr öffters mit sich auf die Jagd, sondern auch zu andern Lustbarkeiten genommen, wolte er sie bei gewissen fest-Tagen auch dahin zwingen, seinem Abgötter-Dienste mit beizuwohnen, und sonderlich das Feuer und die Sonne, Mond und Sterne anzubeten; wie sich nun die Printzessin dessen in vielen Stücken geweigert hatte, seinen Willen zu gehorsamen, so wurde der Fürst zornig, so wohl über die Printzessin, als mich, und liess uns alle beide in unsern Zimmern mit davor gestellten Wachten gefänglich verwahren, nachdem er zu der Printzessin diese Worte gesprochen: "Wo ich mich nicht irre, so wirst du ganz gewiss eine Christin sein, und ich will darhinter kommen, wer dich dazu gemacht hat, denn das Christentum hat deine Mutter um ihr annoch sehr junges Leben gebracht."

Anfänglich wurde mir angst und bange, jedoch, da ich mich mit der Printzessin in einem Zimmer befand, welches nur durch eine leichte Tapeten-Wand in etwas unterschieden war, wir auch die kostbarsten speisen und Geträncke, ingleichen sonsten alles, was wir verlangten, im Uberflusse bekamen, fassete ich mir auf einmal einen Mut, in Hoffnung, wenn auch die ganze Sache heraus käme, und bloss auf mich allein geschoben würde, mir der Hals dennoch dieserwegen eben nicht könnte gebrochen werden, es wäre denn, dass Gewalt vor Recht ginge. Jedoch meine Sorgen und Bangigkeiten waren dessfalls vergebens, denn der Fürst gewöhnete sich bald an, dass er alle Abende zur Printzessin kam, und das Schach-Spiel mit ihr spielete, als in welchem Spiele sie ungemein fertig und glücklich war. Bei dieser gelegenheit aber hatte der Satan sein Spiel, und verleitete den Fürsten