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dass er Zeit seines Hinwegseins wiederum da gewesen. nunmehr begunte mir auch das Hertz-Blat zu schiessen, Concordia wolte ganz verzweiffeln, und Lemelie selbst sagte: Es könne unmöglich richtig zugehen, sondern Mons. van Leuven müste unfehlbar etwa ein Unglück genommen haben. Derohalben fingen wir ingesamt ganz von neuen an, ihn zu suchen, und dass ich es nur kurz mache, am dritten Tage nach seinem letzten Ausgange entdeckten wir mit grausamsten Schrecken seinen entseelten körper, gegen Süden zu, ausserhalb an dem Absatze einer jähen Stein-Klippe liegen, als von welcher er unserm damahligen Vermuten nach herab gefallen war. Ich fing vor übermässiger Betrübniss bei diesem jämmerlichen Anblicke überlaut zu schreien und zu heulen an, und rauffte mir als ein unsinniger Mensch ganze hände voll Haare aus dem Kopffe, Concordia, die meine Geberden nur von ferne sah, weil sie die hohen Felsen nicht so, wie ich, besteigen konte, sanck augenblicklich in Ohnmacht hin, Lemelie lieff geschwind nach frischen wasser, ich aber blieb als ein halb-verzweiffelter Mensch ganz sinnloss bei ihr sitzen.

Endlich halff doch des Lemelie oft wiederholtes wasser giessen und sprengen so viel: dass Concordia sich wieder in etwas ermunterte. Allein meine Freunde, (so unterbrach allhier der Alt-Vater Albertus seine Erzehlung in etwas,) ich befinde mich biss diese Zeit noch nicht im stand, ohne selbst eigene hefftige Gemüts-Bewegungen, der Concordia schmertzliches Klagen, und mit wenig Worten zu sagen: Ihre fast gäntzliche Verzweiffelung auszudrücken, wiewol solches ohnedem besser mit dem verstand zu fassen, als mit Worten auszusprechen ist. Doch ich setzte bei ihrem übermässigen Jammer, mein eigenes dabei geschöpfftes Betrübniss in etwas bei Seite, und suchte sie nur erstlich dahin zu bereden, dass sie sich von uns nach der Laub-Hütte führen liesse. Wiewol nun in dem ersten Auflauff ihrer Gemüts-Bewegungen nichts von ihr zu erhalten war, indem sie mit aller Gewalt ihren Carl Frantz sehen, oder sich selbsten den Kopf an einem Felsen einstossen wolte; so liess sie sich doch endlich durch Vorstellung einiger Biblischen Sprüche und anderer Vernunfft-Lehren, dahin bewegen, dass ich und Lemelie, welcher vor verstellter Betrübniss kein Wort reden, doch auch kein Auge nass machen konte oder wolte, sie mit sinckenden Tage in die Laubhütte führen durfften. Nachdem ich auf ihr sehnliches Bitten versprochen: alle Mühe und Kunst anzuwenden, den verunglückten körper ihres werten Schatzes herauff zu schaffen.

ungeachtet aber Concordia und ich in vergangenen Nachten fast wenig oder nichts geschlaffen hatten, so konnten wir doch auch diese Nacht, wegen des allzu grossen Jammers, noch keinen Schlaf in unsere Augen kriegen, sondern ich nahm die Bibel und lass der Concordia hieraus die kräfftigsten Trost-Psalmen und Capitel vor, wodurch ihr vorheriges unruhiges, und zur Verzweiffelung geneigtes Gemüte, in merckliche Ruhe gesetzt wurde. Indem sie, obschon das Weinen und Klagen nicht unterliess, dennoch so viel zu vernehmen gab, dass sie allen Fleiss anwenden wolte, sich mit Gedult in ihr klägliches Verhängniss zu schicken, indem freilich gewiss wäre, dass uns ohne GOttes Willen kein Unglück begegnen könne. Ihre damaligen reformirten Glaubens-Gründe, trugen gewisser massen ein vieles zu der von mir gewünschten Beruhigung bei, doch nachher hat sie diese verdächtigen HülffsMittel besser erkennen, und sich, durch mein Zureden, aus GOTTES Wort kräfftiger trösten lernen.

Gegen Morgen schlief die biss in den Tod betrübte Cordia etwa ein paar Stunden, ich tat dergleichen, Lemelie aber, der die ganze Nacht hindurch als ein Ratz geschlaffen hatte, stunde auf, wünschte der Concordia zum guten Morgen: Dass sie sich bei einer Sache, die nunmehr unmöglich zu ändern stünde, bald vollkommen trösten, und in ruhigern Zustand setzen möchte, wolte hiermit seine Flinte nehmen und spatzieren gehen, doch ich hielt ihn auf, und bat: er möchte doch der Concordia die gefälligkeit erzeigen, und den körper ihres Liebsten mir herauff bringen helffen, damit wir ihn ehrlich zur Erden bestatten könnten; Allein er entschuldigte sich, und gab zu vernehmen, wie er zwar uns in allen Stücken gefälligkeit und Hülffe zu leisten schuldig wäre; doch damit möchte man ihn verschonen, weiln uns ja zum voraus bewust, dass er einen ungewöhnlichen natürlichen Abscheu vor toten Menschen hätte, auch ungeachtet er schon lange Zeit zu Schiffe gedienet, niemals im stand gewesen, einen frischen toten in die See zu werffen, vielweniger einen solchen anzugreiffen, der schon etliche Tage an der Sonne gelegen. Hiermit ging er seine Wege, Concordia aber hub von neuen an, sich aufs allerkläglichste zu gebährden, da ich ihr aber zugeredet, sich zu mässigen, und mich nur allein machen zu lassen, weil ich weder Gefahr noch Mühe scheuen, sondern ihr, unter GOttes Schutz, den körper ihres Liebsten in ihre hände liefern wolte; muste sie mir erstlich zuschweren, sich Zeit meines Abseins selbst kein Leid zuzufügen, sondern gedultig und stille zu sitzen, auch vor mich, wegen bevorstehender Gefahr, fleissig zu beten. Worauff so viel Seile und Stricke als zu ertragen waren, nebst einem stücke Seegel-Tuch nahm, und nebst Concordien, die eine Holtz-Axt nebst etwas Speise vor uns beide trug, nach den Felsen hin eilete. Daselbst liess ich sie unten an einem sichern Orte sitzen, und kletterte nach und nach zur Höhe hinauff, zohe auch die Axt, etliche spitz gemachte Pfähle, und die übrigen Sachen, von einem Absatz zum andern, hinter mir her. An der