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Jäger noch zu Hülffe kommen konnten, kam ein entsetzlich grosser Bär aus dem Gebüsche hervor gesprungen, kroch mit seinem dikken Kopffe dem fräulein zwischen die Beine, und huckte sie dergestalt auf seinen rücken, dass sie ordentlicher Weise auf ihm reuten muste, und also trug sie dieser grosse Bär erstlich über 300. Schritte weit fort, ging auch nicht etwa langsam oder bedachtsam, so, wie andere Bären zu gehen pflegen, sondern er eilete nicht anders, als wenn jemand mit einer KnotenPeitsche hinter ihm drein wäre. Die Fürstin hätte vor lachen fast zerbersten mögen, als sie dieses Schau Spiel sah, und rief immer zum Wagen heraus: Reut zu! Reut zu! Im Gegenteil waren nicht allein der Fürst, sondern auch alle Jäger dergestalt in ein Schrecken geraten, dass sie nicht wusten, was sie tun sollten, denn Feuer auf den Bär zu geben, oder mit Pfeilen nach ihm zu schiessen, schien ihnen gar kein Rat zu sein, weilen sie noch leichter das liebe fräulein, als den Bär verwunden, oder gar tödten können. deswegen machten sie ein grässliches Geschrei, und bliesen in ihre Jagd-Hörner, allein, je öffters sie dieses wiederholten, je besser sich der Bär auf das Lauffen begab, eben als wenn er die Sporn bekäme. Endlich aber, nachdem der Bär seine Reuterin accurat 1000. halbe Manns-Schritte getragen hatte, warff er sie ab, liess sie liegen, und begab sich wieder in den dicken Wald hinein.

Nun lieff, was Beine hatte, um zu erfahren, ob das gute fräulein N. noch lebte, oder sich zu tod geritten hätte, allein wir traffen sie zwar noch lebendig, jedoch in einer starcken Ohnmacht liegend an, weswegen sie in unsern Wagen getragen, mit starcken Gewässern und Balsamen fast halb gebadet, und endlich sehr schwach und kranck nach haus gebracht wurde.

Eben dieser fräulein begegnete einige Zeit hernach noch ein reckt possierlicher Streich, und zwar dergestalt: Der Fürst, welcher einige Officiers und vornehme von Adel beiderlei Geschlechts zu sich eingeladen, beredete dieselben gegen Untergang der Sonnen, da die allerangenehmste Witterung war, mit ihm und seiner Gemahlin Lustwandeln zu gehen, wie sie nun einen besonders grünen Platz antraffen, so befahl der Fürst, dass einige der kostbarsten Erfrischungen herbei gebracht werden sollten, ingleichen etliche Sofa, wie nicht weniger einige Teppiche, um sich darauf nieder zu lassen.

Als nun dem Befehle gehorsamet worden, setzte der Fürst selbst der fräulein N. einen Sofa zu seiner lincken Hand, weilen seine Gemahlin ihm bereits zur rechten sass; allein das fräulein drehete sich erstlich eine lange Weile um den ihr gesetzten Sofa herum, und schlich sich endlich mit guter Art gar davon hinweg. Da sie wieder zurück kam, nötigte sie der Fürst nochmahls, sich neben ihn zu setzen, da die übrigen Gäste fast Circkel-rund um ihn und seine Gemahlin herum sassen und lagen, jedoch das eigensinnige fräulein verschmähete den Sofa abermals, weswegen der Fürst einen kostbaren Türckischen Teppich zu seinen Füssen ausbreitete, ein Polster darauf legte, und sie bat, dass sie bei ihm möchte sitzen bleiben; aber, wie gesagt, der Eigensinn dieser fräulein wolte auch dieses nicht zulassen, sondern sie nahm ihr Schnupf-Tuch heraus, breitete dasselbe über einen frisch aufgeworffenen Maulwurffs-Hauffen, und sagte dabei: dieses soll mein Platz sein, worauf ich sitzen will. Die Fürstin fing hierüber ganz hertzlich zu lachen an, und sagte: "Liebe fräulein! auf ihrem platz möchte ich wohl nicht sitzen, denn ich traue den Maulwürffen nicht gar allzu viel zu." Hierauf gab das fräulein zur Antwort: "Wenn Maulwürffe drinnen sind, und etwas mit mir zu tun haben wollen, so mögen sie heraus kommen, und sich zeigen." Nach diesen ausgesprochenen Worten schlich sich die Fürstin auf wenige Minuten bei Seite, und da ich ihr nachfolgte, bemerckte ich, dass sie sich ein etwa Fingers-langes Pflöckgen von einem grünen Busche abschnitt, und eben dieses Pflöckgen practicirte, (die Fürstin,) mit guter Art und in möglichster Geschwindigkeit in den unter der fräulein Schnupf-Tuche bedeckten Maulwurffs-Hauffen, da denn, ehe 3. Minuten vergingen, immer ein Maulwurff nach dem andern unter dem Schnupf-Tuche hervor gekrochen kam, und der fräulein unter den Kleidungen hinauf lauffen wolte, worüber denn das gute fräulein hefftig zu schreien und zu kreischen anfieng. Es wurden aber endlich der Maulwürffe so viel, die in dem Creise, den wir geschlossen hatten, herum lieffen, dass man sie fast nicht mehr zählen konte, darbei war lustig anzusehen, dass, wenn mit einer Spitz-Rute oder Stabe nach ihnen geschlagen wurde, sich diese Art von Maulwürffen augenblicklich in die Lufft erhoben, und wie die Fleder-Mäuse davon flogen. Es war dieses nun zwar ein Haupt-Spas, allein das gute fräulein hatte sich dennoch über die Maulwürffe dergestalt erschreckt und verwandelt, dass sie viele Tage das Bette hüten muste; man bekam sie auch gar nicht zu sehen, bis auf den Tag, da unsers Fürsten Geburts-Tag in gröster Pracht gefeiert wurde, da sie denn in einem besonderen Haupt-Schmucke erschien, welcher von Stroh geflochten war, auf die Art, wie in Deutchland und Holland die Schaub- oder Regen-hut gemacht sind, es hatte aber dieser Haupt-Schmuck die Gestalt eines sehr grossen runden Hutes, auf welchem eine ebenfalls von Stroh geflochtene Crone bevestiget war, im