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Schmeicheleien, indem er ein gebohrner Franzose war, so weit brachte, jedoch, GOtt sei noch jetzt davor Danck gesagt, niemals den Zweck in Erlangung seiner wollüstigen Absichten bei mir erreichen konte, sondern ich speisete ihn jederzeit damit ab, dass ich mich vorjetzo nicht weiter mit ihm einlassen würde, bis ich sähe, wo meines Bleibens wäre. Er führte sich demnach, als er meinen harten Ernst vermerckte, jederzeit sehr vernünfftig auf, da aber die Zeit kam, dass er unter Seegel gehen sollte, tat er mir solches zu wissen. Wie ich nun zwar noch Zeit genug übrig gehabt hätte, mich anders zu besinnen, und mein ihm getanes Versprechen zurück zu ruffen, so weiss dennoch bis diese Stunde nicht eigentlich, wie mir zur selben Zeit zu Mute war, ja ich glaube sicherlich, es muste mich dieser Mensch bezaubert haben, dass ich nicht von ihm ablassen konte, packte deswegen bei nächtlicher Weile alle meine Habseligkeiten ein, und begab mich damit zu meinem Liebsten, ohne vorher Abschied weder von meiner Herrschafft, noch von meinem Bruder zu nehmen.

Es war mein Liebster ungemein erfreut, dass ich mein Wort gehalten hatte, und zu ihm gekommen, denn seinem Sagen nach, war ihm die Zeit schon allzu lang worden; wir gingen auch bald darauf unter Seegel, und nahmen die ordentliche Strasse nach Ost-Indien zu, allein Sturm, Wetter und Wind kehreten sich nicht an unsere vorgesetzte Ordnung, sondern unterbrachen dieselbe bald, indem sie uns von der ordentlichen Ost-Indischen Strasse bald ab, bald nach ihren wütenden Wellen hin und her, und endlich ganz auser der ordentlichen Strasse, an die Persianischen Küsten trieben, jedoch, ehe wir dieselben erreichten, zerscheiterten alle unsere 3. Schiffe, die damahls mit einander in Compagnie reiseten. Ich hatte nicht allein den jämmerlichen Anblick, meinen vor wenig Tagen angetrauten Mann von einem schiffes-Stücke herunter zu stürtzen, und ertrincken zu sehen, sondern muste mir auch gefallen lassen, dass ich von unsern besten Sachen kaum den 4ten teil zu land bringen und retten konte; Allein es halff mir auch dieses nichts, denn die Herren Persianer, welche schon von ferne gesehen hatten, was in dasiger Gegend vorgangen war, führeten sich nicht allein so unhöflich auf, alles das, so wir doch schon zu land gebracht, als ob es ihr Eigentum wäre, hinweg zu nehmen, sondern auch mich, nebst noch 3. andern jungen Europæern in die Sclaverei zu führen.

O! wie winselte, seuffzete und weinen ich unterweges, auf der ziemlich langen Strasse bis nach Candahar, und beklagte also nunmehr erst viel zu spät, dass ich nicht bei meinen lieben Priesters-Leuten in Amsterdam geblieben wäre, wenn ich aber nun vollends an meinen lieben Bruder gedachte, als welcher ein besser teil, als ich, erwehlt hatte, so wolten sich meine Tränen-Quellen fast durch nichts verstopfen lassen. Die 16. Persianer, die des Fürsten von Candahar Untertanen waren, und uns 4. Arrestanten zwischen sich inne führeten, bezeugten sich inzwischen ganz höflich und freundlich gegen uns, machten nicht allein kurtze Tage-Reisen von 2. bis 3. Deutscher Meilen, sondern verpflegten uns auch unterwegs, wo nur etwas zu bekommen war, mit den allerbesten speisen und Geträncke, gaben uns auch mehr des besten Persianischen Weins zu trincken, als wasser, welches wir nur verstohlner Weise trincken mussten. Nachdem wie aber (die Rast-Tage mit eingeschlossen) fast einen ganzen monat auf der Reise zugebracht, gelangeten wir endlich auf einem Lust-schloss des Fürsten von Candahar an, welcher eben damahls auf demselben nebst seiner Gemahlin residirte. Er bezeigte ein besonderes Vergnügen über die jungen wohlgewachsenen Europæer, mich aber stellte er seiner Gemahlin vor, die, als sie durch einen Dollmetscher von mir vernommen, wer ich sei, und wie meine Umstände beschaffen wären? mir so gleich die gnädige Erklärung tat: ich sollte mich beruhigen, und vor gar nichts sorgen, sondern in ihren Diensten bleiben, da sie denn auf das allermöglichste und beste vor mein Wohlergehen sorgen wolte.

Es war diese Dame eine unvergleichlich schöne und liebreiche Fürstin, ja, fast eben so schön, als ihre dermahlen sich auf dieser Insul befindende Tochter Mirzamanda. Wie ich nun dieser Fürstin Leutseligund Gütigkeit wegen sogleich des ersten Tages überführet wurde, indem sie ganz und gar kein demütiges Bezeigen von mir erdulten wolte, so gewann ich dieselbe recht von herzen lieb, sie aber machte mich in wenig Tagen würcklich zu ihrer Haus-Hosmeisterin, nachdem der Fürst, ihr Gemahl, denen 3. mitgebrachten wohlgewachsenen Europæern unter seiner Leib-Guarde Officiers-Plätze gegeben, und dieselben vorher recht reichlich beschenkt, auch mir ein Geschencke an Gold- und Silber-Werck zuschickte, das wenigstens 500. Holländische Gulden wert zu schätzen war. Bei dem allen aber blieb der Neid und die Verfolgung des übrigen Fürstlichen Frauenzimmers nicht lange aussen, indem sie sahen, dass ich in vielen Stücken ein Vor-Recht vor ihnen hatte, auch mehr befehlen durffte, als diese oder jene. Jedoch ich betete fleissig, verrichtete alles mir anvertraute mit der grössten Treue und Redlichkeit, bemühete mich im übrigen, auf alle mögliche, aufrichtige und wohl erlaubte Art, mir die Gunst und Gnade meiner Herrschafft, durch Leistung getreuer Dienste, zu zuwenden. Hierinnen fehlete ich denn auch nicht, sondern der Dollmetscher, welcher ein gebohrner Holländer, Protestantischer Religion war, versicherte mich dessen zum öfftern, welches