1731_Schnabel_088_573.txt

indem sie die Nahmen unbekannter Cavaliers, ja gar Gräflicher Personen angenommen; Es war aber dieses sehr frühzeitig offenbar, sie aber vor Spitzbuben, Räuber. Diebe, Mörder und dergleichen erkannt worden, wie denn wenig Tage hernach ihrer etliche nach andern Städten ausgeliefert worden, wo sie ihren verdienten Lohn mit Schwerd-Streich, Hängen, Rädern und dergleichen nach kurtzen Processen empfangen. Noch muss ich melden, dass, nachdem sie befragt worden, was sie denn hätten mit uns beiden Geschwistern anfangen wollen? ihre Aussage diese gewesen: dass sie uns alle beide nach Amsterdam führen wollen, um uns an 2. Türckische SeeRäuber, die sich unter verdeckten Nahmen daselbst aufhielten, und ihre guten Freunde wären, zu verkauffen, um vor unsere Personen ein gut Stück-Geld zu erhalten, sonderlich vor meine person / weilen ich zu derselben Zeit noch nicht mannbar, sondern ohngefehr nur 14. Jahr alt war. Hierbei hatten sich, nachdem sie dieses alles auf der Folter bekannt, sehr viele Briefe gefunden, die sie mit den Türckischen See-Räubern in Amsterdam gewechselt. Nun hielt sich damahls ein Evangelisch-Luterischer Kauffmann in Braunschweig auf, welcher sein Haupt-Contoir in Amsterdam hatte, dieser wurde geruffen, und ihm die Briefe gezeigt, als in welchen grausame Bosheiten und andere der Handelschafft sehr nachteilige Sachen zu lesen waren. Der Kauffmann machte sich eine grosse Freude daraus, dass er hinter dieses geheimnis gekommnen war, demnach aber sogleich fertig, auf das allereiligste nach Amsterdam zu reisen. Wie nun aber dieser redliche Mann meine und meines Bruders Umstände erfahren, liess er uns zu sich kommen, und sagte: Meine Kinder! ich habe von euren betrübten Umständen viel erfahren; allein verzaget nicht, sondern vertrauet auf GOtt und auf mich, denn ich will euch alle beide an Kindes-Statt auf und annehmen, mit mir nach Amsterdam führen, ohne dass es euch das geringste kosten soll, daselbst aber, so lange ihr fromm, getreu und redlich seid, euer Glück nechst göttlicher Hülffe dergestalt machen, als ihr dasselbe bei euren leiblichen Eltern und Freunden wohl Zeit eures Lebens nimmermehr finden werdet.

Meinem Bruder und mir kam dieser ansehnliche, schöne und liebreiche Mann nicht anders vor, als ein uns vom Himmel zugeschickter heiliger Engel GOttes, weswegen wir uns kein langes Bedencken nahmen, mit ihm zu reisen, sondern ihm die hände unter Vergiessung vieler Freuden-Tränen küsseten, auch wenig Tage hernach mit ihm die Reise nach Amsterdam antraten, die wir in gewöhnlicher Zeit zurück legten, und gesund und frisch daselbst anlangten. Unser Versorger hielt uns bei allen Gelegenheiten nicht anders, als ob wir seine leiblichen Kinder wären, aber es war ein bejammerns-würdiger, ja, fast unersetzlicher Schade vor uns, dass dieser redliche Mann kaum 6. oder 8. Wochen nach unserer Ankunfft, nachdem er, wie ich sicher glaube, von seinem bösen weib und dann auch den häuffigen Schuldnern einen allzugrossen teil von Gifft und Galle einschlingen müssen, sich auf das Krancken-Bette legte, und binnen 3. Tagen gesund und tod war.

Dergestalt hatte sich die Sonne unseres Glücks auf einmal wieder unter die trüben Wolcken versteckt, denn unsers Wohltäters Eheweib, welches der GeitzTeufel ganz und gar besessen hatte, wolte uns nicht einmal das Unserige heraus geben, geschweige denn das, was uns ihr verstorbener Mann in seinem Testament vermacht hatte, als welches sich auf 800. Holländische Gulden belieff; Jedoch der Priester an der Evangelisch-Luterischen Kirche in Amsterdam war so gütig, vor uns zu sorgen, so, dass wir nicht allein das Unserige, sondern auch die ererbten 800. Fl. ausgezahlt bekamen. Nun hiess es: wo weiter hin? Allein, da wir zu sorgen kaum angefangen hatten, hatte der Himmel schon vollkommen für uns gesorgt, indem der Priester mich in sein Haus nahm, um seiner Frauen aufzuwarten, die ebenfalls eine gebohrne Deutsche war, und sich ungemein liebreich gegen mich erzeigte; meinen Bruder aber brachte eben dieser wackere Priester bei einen Rechts-Gelehrten oder Procurator, indem mein Bruder die Feder, so wohl in Lateinischer als Deutscher Sprache, schon ganz geschicklich führen konte, vor der Holländischen Sprache aber war ihm so wenig bange, als mir, weilen diese einem Deutschen zu lernen gar nicht schwer fällt.

Demnach waren wir alle beide abermals versorgt, denn mein Bruder sagte mir, so offt wir zusammen kamen, dass er die beste Zeit hätte, und bei jetzigen Jahren sich kein besseres Glück wünschen möchte. Mit mir hatte es eben dergleichen Beschaffenheit, denn ich wurde von meiner Frau Pastorin nicht etwa als Magd, sondern als eine leibliche Schwester, ja fast so gut, als ihr eigen Kind gehalten. Das allerschönste und vortrefflichste bei der ganzen Sache war dieses, dass mich der Priester täglich fast vom Morgen bis in die Nacht im Christentum herum tummelte, und dergestalt fest darinnen setzte, dass ich einem jeden von unsern Protestantischen Glaubens-Articuln vollkommene Rede und Antwort zu geben mich noch jetzt im stand befinde. O Himmel! hätte ich doch nur diese guten Tage und zeiten in stiller Gemüts-Ruhe ertragen können! aber so liess ich mich den Satan verblenden, der es dahin brachte, dass ich mich mit einem schiffes-Officier, welches ein ungemein schöner Mensch war, auch etliche 1000. Fl. wert aufzuweisen hatte, ehrlich verlobte, und darbei versprach, die Reise nach Ost-Indien mit ihm anzutreten, welches alles er denn durch seine ganz ausserordentliche