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Mein Bruder und ich stutzten über dieser alten Hexe Reden, es wolte aber keines von uns beiden sich an ihrem Geld-Beutel vergreiffen, weswegen sie ungedultig zu werden schien, den GeldBeutel ausschüttete, und uns 12. halbe Pistoletten zuzehlete, auch sogleich einen Pasch-Würffel nebst einer Spiel-Karte herbei brachte, und sagte: Nun, meine Kinder, spielet um diese Rechen-Pfennige, ich will doch meine Lust haben, zu sehen, wer unter euch beiden dieselben zusammen bringen und gewinnen wird, und wer sie gewinnet, dem follen sie alle von mir geschenckt sein.

Wir armen Gefangenen spieleten zwar beiderseits mit schweren herzen einige Spiele, so wohl nach unserer annoch kindischen Art mit Karten und Würffeln, da denn die alte Hexe sehr genau auf eines jeden Glück und Unglück achtung gab, endlich aber, da fast über 2. bis 3. Stunden mit dem Spielen zugebracht waren, kamen die Bücher angezogen, als nämlich nicht allein die Bibel, sondern auch andere vortreffliche Protestantische Bücher, alle in saubere Bande eingebunden, und verguldet auf dem Schnitt, weswegen wir uns die Spiel-gedanken aus dem herzen und Köpffen verjagten, und uns uber die Bücher hermachten. ungeachtet nun mein lieber Bruder alles zusammen gebracht, mitin der Alten ihre 12. halben Pistoletten wieder zuzehlete, so wolte diese doch dieselben gar nicht annehmen, sondern sagte: Hebet diese Dinger auf, meine Kinder! bis euch die Lust zum Spielen wieder ankömmt.

Solchergestalt verlieffen 6. bis 8. Wochen, da wir alle Tage wohl lebten, von den alten Tatarn oder Zigeunern aber sehr selten einige zu sehen bekamen, als dass wir etwa dann und wann von zweien oder dreien besucht wurden, die uns denn allezeit die grössten Liebkosungen erwiesen, wormit uns aber wenig gedienet war, denn wir hätten weit lieber gesehen, dass man uns unsere Freiheit gegeben, da uns denn nicht verdriesslich fallen sollen, den Rückweg zu unsern Eltern mit dem Bettel-Stabe zu suchen.

Endlich wurden wir, nachdem die Stunde unserer Erlösung herangenahet, in den Mitternachts-Stunden von den Tatarn in unserm Schlaffe gestöhret und aufgeweckt, mit dem Andeuten, dass wir uns in aller Eile ankleiden und fertig machen sollten, mit ihnen nach Braunschweig zu reisen, damit wir diese grosse schöne Stadt auch zu sehen bekämen. Niemand war hurtiger und vergnügter, als mein Bruder und ich, indem wir dieses höreten, da uns an Veränderung der Lufft gar viel gelegen, und wir die Hoffnung hatten, dass sich bei der gelegenheit auch unsere Umstände vielleicht ändern könnten. Wir fanden uns demnach bald auf dem platz ein, und bemerckten, dass 6. bis 8. zugemachte Kutschen daselbst befindlich, in deren eine wir alle beide steigen mussten, auser diesen aber sahen wir etliche 20. Mann zu Pferde, worunter viele waren, die die kostbarsten Kleider und schönstes PferdeZeug führeten. Es gingen also, nachdem wir ein gestiegen waren, die Kutschen in der allerschnellesten Eile über Stöck und Steine, bis wir fruh Morgens bei Aufgang der Sonnen einen an der Strasse liegenden grossen Gast-Hof erreichten, in welchem wir beide sahen, dass wir uns nicht mehr unter Tatarn, sondern vielmehr unter den vornehmsten Cavaliers und Dames befanden, welche sich alle auf das allerpropreste angekleidet, auch von dem Wirte und allen den Seinigen aufs demütigste empfangen, und auf das allerkostbarste tractiret wurden. Meines Behalts hielten wir uns eben nicht gar zu lange in diesem Gast-hof auf, ich kan aber auch nicht sagen, wie und wenn wir von dannen abgefahren sind, vielweniger, was mir und meinem Bruder zugestossen war, denn wir konnten am Müd- und Mattigkeit kaum stehen, vielweniger ein Auge offen halten. Unterdessen, da wir uns nach einiger Zeit einiger massen ermuntert hatten, erfuhren wir von den Wirts-Leuten, dass wir uns in Braunschweig befänden, und dass alle unsere Geferten, so wohl männliches als weibliches Geschlechts, in die Gefängnisse gebracht wären, auch meistenteils in Ketten und Banden sässen. Nachdem wir nun dieses Schicksal mit Schrecken vernommen, und nach unserer Einfalt einiger massen überlegt, kamen die Gerichts-Diener, und holeten auch mich und meinen Bruder, nebst allen bei uns habenden Sachen ab, als welche uns doch noch von den Tatern waren zurück gelassen worden. Man legte uns alle beide augenblicklich in Ketten und Banden, und wir wurden auf schwere und scharffe Articul befragt, wie wir aber in allen Stücken die reine lautere Wahrheit aussagten, so wurde erstlich in unser Vaterland geschrieben, um zu erfahren, ob wir auch in allen Stükken richtig wären; wie nun dieserhalb vor uns gute und gewünschte Briefe zurück kamen, so wurden wir zwei armen Sünder zwar frei gesprochen, allein es schmertzte uns doch nicht wenig, dass wir ganzer 14. Tage unschuldiger Weise in Ketten und Banden sitzen müssen. Jedoch in Betrachtung dieser und aller unserer Umstände, war die Obrigkeit so barmhertzig, uns nicht allein alle Bagage zu lassen, die uns von den Tatarn geschenckt worden, sondern es bekamen noch über dieses mein Bruder und ich ein jedes 100. spec. dukaten ausgezahlt, mit der Verwarnung, dass wir uns je ehe je lieber aus dem Staube machen, und unsere Personen in weitere Sicherheit bringen möchten, womit wir uns endlich noch so ziemlich befriediget befanden.

Allein, es wird ihnen vielleicht nicht entgegen sein, wenn ich melde, dass, wie wir hernach erfahren, sich unsere Taters durch die Tore ganz listiger Weise eingeschlichen,