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wurde uns aber bei Verlust unseres Lebens anbefohlen, mit den Wirts-Leuten kein eintziges Wort zu reden, viel weniger ihnen, oder jemand anders unsern Zustand zu klagen; woferne wir aber stille und klug leben wolten, so sollten wir unser Glück nicht übersehen können. Weiln wir nun, aus Furcht unser Leben einzubüssen, dem strengen Befehle gehorsameten, so kam gleich des dritten Morgens ein Schneider mit seiner Frau, welcher meinem Bruder und mir das Maass zu neuen Kleidern nahm, ingleichen kam ein Schuster, welcher mir und meinem Bruder das Auslesen unter seiner Waare gab, deren er einen starcken Vorrat in 2. Körben herbei bringen liess, da denn ich mir 3. Paar Pantoffeln und Schuhe, mein Bruder aber sich eben so viel auslesen muste. Binnen zweien Tagen stellte sich der Schneider wieder ein, und brachte vor meinen Bruder ein rotes Scharlachenes sauberes Kleid, dessen Camisol und Bein-Kleider stark mit goldenen Tressen bordirt waren; Nächst diesem noch ein anderes grünes Kleid, dessen Camisol und BeinKleider mit Silber bordirt, ausser diesen beiden aber noch ein Strapazier-Kleid.

Ich vor meine person bekam gleichfalls 2 ganz neue Kleider, rot und grün, und über diese noch ein Altags Kleid zum Strapazieren, alles nach der neuesten Mode gemacht, da hingegen mein Bruder noch 2. ganz neue Schlaf Röcke bekam, nämlich einen damastenen und einen etwas schlechtern zur Strapaze. Auser diesem empfieng mein Bruder einen Degen mit einem silbernen Griffe und zubehörigem Gehange, ein sauber beschlagenes Spanisches Rohr, 2. bordirte Hüte, Peruquen und sonsten alles, was vonnöten ist, einen Cavalier aus die Parade zu stellen. So wurde uns auch weisse Wäsche, und zwar die allerfeineste mit darunter, 6. sache gereicht. Wir armen Kinder wusten uns, wie man leicht erachten kan, in unser Schicksal nicht zu finden, vielweniger dasjenige zu begreiffen, was der Himmel mit uns vorhatte, anbei kränckten wir uns über weiter nichts so sehr, als dass wir mit allen donen Leuten so zu uns kamen, und mit uns handelten, kein eintzig Wort sprechen durfften, denn unsere bestellte Aufseher gaben noch viel ärger auf unsere Augen und Mäuler achtung, als wie die Schiess-Hunde zu tun pflegen. Die Tatars liessen uns eines Abends sagen, dass wir beide Geschwister uns folgenden Morgen auf das allersauberste ankleiden sollten, weiln sie doch gern sehen möchten, was sie vor Creaturen bei sich führeten, wie nun zu dem Ende etliche Aufwärter und Bediente früh Morgens, und zwar fast vor Anbruch des Tages zu uns kamen, und uns weckten, auch von den Füssen an bis auf die Häupter bedieneten, so sahen wir uns recht gezwungener massen, ehe etwas weiters darauf erfolgen möchte, dem gnädigen Befehle Gehorsam zu leisten, liessen uns also, alle beide heraus schniegeln und putzen, wie man sagt, die Ochsen. Nachdem es nun gemeldet worden, dass wir in Gala-Habit befindlich wären, kamen 4. der ältesten Tatarischen Manns-Personen, und eben so viel alte Weiber die ich in meinen gedanken vor Hexen und Zauberinnen erkannte, als worin ich mich vielleicht auch nicht betrogen habe, und nahmen uns beide in Augenschein, bezeigten auch ihr Vergnügen auf eine seltsame Art, nur aber dieses war so wohl meinem Bruder, als mir zuwider, ja es gereichte uns fast zum Eckel, dass sie uns so gar sehr öffters umhalseten und küsseren. "Sehet ihr nun, ihr lieben Kinder! (sagte die eine alte Hexe) dass wir euch glücklich gemacht haben? aber dieses ist noch nichts gegen das, was euch noch beschehret und zugedacht ist. Folget nur uns, so kan es euch nicht fehlen, vor allen Dingen aber haltet die Mäuler zu, und plaudert nichts von demjenigen aus, was ihr etwa gesehen und gehöret habt."

Wir hatten hierauf beiderseits die besondere Gnade, dass uns die ältesten und vornehmsten Tatarn vor diesesmahl an ihre Taffel zogen, welche recht Fürstlich angerichtet war; in folgenden Tagen aber wurde uns nur in unserer stube der Tisch gedeckt, und es speiseten allezeit 3. Tatarische Mannes- auch eben so viele alte Weibs-Personen mir uns, jedoch die speisen und Geträncke waren Mittags und Abends allezeit herrlich und kostbar, ja, wir durfften nur kühnlich fordern, was wir etwa sonsten besonderes verlangeten, so war alles in möglichster Geschwindigkeit herbei geschafft. Meinem Bruder, welcher ungeachtet er noch ein einfältiger Knabe war, kamen die spitzfindigen gedanken in den Kopf, dass er von einer alten Tatars-Frau begehrte, ihm zum Zeitvertreibe einige geistliche Protestantische Bücher zu verschaffen, um sich darinnen in seinem Christentume zu üben, wobei er ihr versprach, dass sie das erste und beste Gold-Stück, welches er bald zu empfangen verhoffte, von ihm zur Danckbarkeit haben sollte. Nein, mein Sohn! (versetzte hierauf die alte Hexe, indem sie einen grossen Beutel mit Gold-Stücken heraus zohe, und vor meinen Bruder auf den Tisch legte) ich brauche eure Gold-Stücken nicht, leset euch aber nebst eurer Schwester hier so viel von dem Meinigen aus, als ihr etwa zu eurer Lust zu gebrauchen gedenckt, denn ich weiss gewiss, dass die Zeit nicht weit entfernt ist, da ihr mir diese Gold-Stücke gedoppelt und dreifach wieder bezahlen werdet, ihr möget auch nehmen, so viel ihr nur wollet. Protestantische Bücher aber will ich euch gleich holen lassen, und sonderlich die Deutsche Bibel, nebst zwei Geber- und Gesang Büchern.