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sehr berühmten See-Capitains, von welchem die Felsenburger viel werden zu sagen wissen, indem er sein Andencken bei ihnen verewiget hat, so dass seines Nahmens Gedächtniss nimmermehr ersterben wird. Weilen ich nun im Reiche der toten dein Schicksaal und einen guten teil deiner begebenheiten so wohl, als den Ort deines Begräbnisses erfahren, so habe, weil wir beide fast einerlei Verhängniss auf Erden gehabt, der meiner Nation angebohrnen Höflichkeit nach, mir eine Schuldigkeit daraus gemacht, aus meiner Grufft herüber zu dir zu kommen, und mich einer und anderer Sachen wegen mit dir zu unterreden.

Wem sollte wohl die Haut nicht schaudern, wenn er dergleichen Worte hörte, die wir alle insgesamt ganz deutlich hören und vernehmen konnten, zumahlen, da dieselben von einem verfluchten und verdamten Gei ste ausgesprochen wurden? Jedoch, da wir vermeinten, sie würden uns näher kommen, sahen wir, dass sie sich anders bedachten, und vor unserer Laub-Hütte ganz sachte vorbei spazierten, da wir denn vernahmen, dass der erste, nämlich des Don Juans Geist, im währenden Gehen also redete:

Ich habe schon in meinem Leben viel von deinen seltsamen begebenheiten erfahren, und bedaure nur, dass wir beide nicht zu einer Zeit gelebet haben, und einander kennen sollen. Im übrigen habe ich nicht geringe Ursache, dir eine und andere wichtige Geheimnisse zu eröffnen, und deiner Verschwiegenheit anzuvertrauen; nicht aber auf dieser elenden Insul allein, sondern ich will über 3. Tage in der MitternachtsStunde bei deiner Grab-Stätte erscheinen, und mich mit dir ganz allein, ohne Beisein weder Menschen noch Geister, besprechen.

Hierauf schien es, als wenn diese verfluchten Geister einander die hände reichten, und weiter zusammen fort spazierten, bis in das Feuer-Loch, welches unsere Portugiesen sich zum Kochen und Braten gemacht, in welchem sie sich denn etlichemahl bald lincks, bald rechts herum dreheten, hernach aber nach dem Gebürge zugingen, und in der Gegend des grossen berges aus unsern Augen verschwanden; wir höreten zwar alle drei, jedoch nur in etwas, dass sie weiter mit einander redeten, konnten aber wegen der Ferne nichts eigentliches verstehen, doch bemerckten wir, dass sie zum öfftern mit den Füssen auf den Erdboden stiessen, auch bald gegen das Gebürge, bald in das Feuer-Loch, bald in andere Gegenden mit Fingern zeigten.

Wie nun aber nicht allein die fürchterlichen Mitternachts-Stunden verschwunden waren, sondern sich auch schon einige Vorläuffer des tages-Lichts blicken liessen, so bekamen wir gedoppelten Mut, und suchten unsere Ruhe-Stätte, nachdem wir in dieser schrekkhafften Nacht noch 5. so genannte Minions in den aufgestellten Schlingen gefangen hatten, die wir mit zu den vorigen legten, im übrigen aber keinem Menschen etwas davon sagten, was uns in abgewichener Nacht erschienen wäre.

Auch dieses angebrochenen Tages mussten sich die Portugiesischen Gäste annoch in unserer Gegenwart lustig machen, da wir ihnen denn von den besten speisen und Geträncken alles im Uberflusse se zukommen liessen. Was ihnen die gröste Freude machte, waren die Kleidungs-Bett- und weisser Wäsche-Stükke, den übrigen Hausrat aber hatten sie in aller Geschwindigkeit dergestalt ordentlich rangirt, dass wir vor dissmahl an ihrer Einrichtung eben nichts auszusetzen hatten, jedoch ihnen in einem und andern Stükken, besserer Ordnung wegen, guten Rat und Anweisung gaben.

Mittlerweile aber, zumahlen, da wir des fernerweitigen Minions-Schiessens überdrüssig waren, gaben wir unsern Gästen noch allerhand gute Lehren, und stelleten Ordres, wie sich dieselben hinkünfftig auch auser unserer Gegenwart verhalten und aufführen sollten, mit dem Versprechen, dass wir bei Beobachtung ihrer guten Aufführung ihnen alle nur ersinnliche Gefälligkeiten erweisen wolten, da sie denn ihre Treue und Redlichkeit mit ohnabgeforderten feierlichen Eidschwüren von selbsten abstatteten, worauf wir abermals von ihnen hinweg und nach haus zu ruderten, die Unserigen auch, nachdem wir ihnen die Conduite der Portugiesen, der Wahrheit gemäss, aufs beste vorgemacht hatten, ziemlich beruhigt zu sein antraffen. Von der Begebenheit aber, der aus 3. offt gemeldten Personen erschienenen Gespenster, sagten wir vor dissmahl niemanden auch das geringste Wort, ausgenommen den Hrn. Geistlichen, welche sich ungemein darüber verwunderten, da sie aber höreten, dass ich die Zeit und Stunden abpassen wolte, wenn des Don Juans Geist dem Lemelié, seinem Versprechen gemäss, eine Gegen-Visite geben würde, so wolten mir anfänglich die Hrn. Geistlichen ein solches aufs allervertraulichste widerraten, und nicht zugeben, sich fernerweit in ein solches Satans-Spiel zu mischen, sondern rieten um selbige Zeit viel lieber ein andächtiges Gebet vor mich selbst und alle Insulaner gegen Himel zu schicken; Allein hier traf bei mir das Sprichwort wohl recht ein: Nitimur in vetitum semper cupimusque negata. Das heist so viel, dass wir Menschen gemeiniglich am allerliebsten dasjenige tun, was uns verboten oder untersagt ist. Mitin wurde ich in meiner Neubegierde nur immer hitziger gemacht, und da Mons. Litzberg und Mons. Cramer auch Schwans-Federn, oder, besser zu sagen, Hasen-herzen bekommen hatten, und mir auf meine freundliche Anfrage: ob sie sich mit mir zu der bewusten Zeit auf den Gottes-Acker an des Lemelié Schand-Seule wagen wolten? eine kaltsinnige abschlägige Antwort gaben, liess ich mich weiter gegen niemanden das geringstemercken, erwehlete mit aber in aller Stille in meinem herzen 2 wohlbekannte Felsenburgische Männer, die mir wohl ohngefehr an Jahren gleich waren, und von denen ich versichert war, dass sie eine vollkommene Hertzhafftigkeit besässen, auch sich weder