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als er lauffen konte. Mons. van Leuven und ich erschracken zwar anfänglich auch in etwas, da wir aber überlegten, dass dieses natürlicher Weise nicht anders zugehen, und weder von unserm versehen noch andern übernatürlichen Ursachen herrühren könnte; Lasen und strichen wir die Gebeine und Asche des seeligen MitBruders zusammen auf das ausgebreitete SeegelTuch, trugen selbiges auf einen schönen grünen Platz in die Ecke, wo sich der aus dem grossen See entspringende Fluss in zwei arme teilet, machten daselbst ein feines Grab, legten alles ordentlich zusammen gebunden hinein, und beschlossen, ihm, nach erlangten fernern Urkunden, mit ehesten eine Gedächtniss-Säule zu setzen. Ob nun schon der gute van Leuven durch seinen frühzeitigen und bejammerens-würdigen Tod dieses Vorhaben mit auszuführen verhindert wurde, so ist es doch nachher von mir ins Werck gerichtet worden, indem ich nicht allein dem Don Cyrillo de Valaro, sondern auch dem ehrlichen van Leuven und meiner seel. Ehe-Frau der Concordia, jedem eine besondere Ehren- dem gottlosen Lemelie aber eine Schand-Säule zum Gedächtniss über die Gräber aufgerichtet habe.

Diese Säulen nebst den Grabschrifften, sagte hier Albertus, sollen euch, meine Freunde, ehester Tages zu gesicht kommen, so bald wir auf dem Wege nach Christophs-Raum begriffen sein werden. Jedoch ich wende mich wieder zur damahligen Geschicht.

Nachdem wir, wie bereits gedacht, dem Don Cyrillo nach seinem Begehren den letzten liebes-Dienst erwiesen, seine Gebeine wohl verscharret, und einen kleinen Hügel darüber gemacht hatten, kehreten wir ganz ermüdet zur Concordia, welche uns eine gute Mittags-Mahlzeit bereitet hatte. Lemelie kam auch gar bald herzu, und entschuldigte seine Flucht damit, dass er unmöglich mit verfauleten Cörpern umgehen könne. Wir lächelten hierzu, da aber Concordia gleichfals wissen wolte, was wir heute vor eine besondere Arbeit verrichtet hätten, erzehlten wir derselben alles umständlich. Sie bezeugte gleich nach der Mahlzeit besondere Lust mit in die Höle zu gehen, da aber Mons. van Leuven, wegen des annoch darinnen befindlichen übeln Geruchs, ihr davon abriet, und ihre Begierde biss auf ein paar Tage zu hemmen bat; gab sie sich gar bald zu frieden, ging wieder aus aufs Jagen und Fischen, wir 3. Manns Personen aber in die Höle, weil unsere grosse Lampe annoch darinnen brandte.

nunmehr war, nachdem wir, den moderigen Geruch zu vertreiben, etliche mahl ein wenig Pulver angezündet hatten, unsere erste Bemühung, die alten Urkunden, welche in den steinernen Sessel verwahrt liegen sollten, zu suchen. Demnach entdeckten wir im Sitze ein viereckigtes Loch, in welches ein wohlgearbeiteter Deckel eingepasset war, so bald nun derselbe ausgehoben, fanden sich oben auf die in Wachs eingefütterten geschriebenen Sachen, die ich euch, mein Vetter und Sohn, gestern Abend eingehändiget habe, unter denselbigen ein güldener Becher mit unschätzbaren Kleinodien angefüllet, welcher in den schönsten güldenen Müntzen vielerlei Gepräges und Forme vergraben stunde. Wir gaben uns die Mühe, dieses geraumliche Loch, oder den verborgenen Schatz-Kasten, ganz auszuräumen, weil wir aber weiter weder Brieffschafften noch etwas anders fanden, schütteten wir 18. Hüte voll Gold-Müntze wieder hinein, nahmen den Gold-Becher nebst den Brieffschafften zu uns, und gingen, um die letzteren recht durch zu studiren, hinauf in Mons. van Leuvens grüne Hütte, wo wir den übrigen teil des Tages biss in die späte Nacht mit Lesen und Verteutschen zubrachten, und allerhand höchst-angenehme Nachrichten fanden, die uns und den künfftigen Bewohnern der Insul ganz vortreffliche Vorteile versprechen konnten.

Es war allbereit an dem, dass der Tag anbrechen wolte, da van Leuven und ich, wiewohl noch nicht vom Lesen ermüdet, sondern morgender Arbeit wegen die Ruhe zu suchen vor dienlich hielten; indem Concordia schon schlieff, der faule Lemelie aber seit etlichen Stunden von uns zu seiner Schlaf-Stätte gegangen war. Ich nahm deswegen meinen Weg auch dahin, fand aber den Lemelie unter Weges, wohl 10. Schritt von unserer Hütte, krum zusammen gezogen liegen, und als einen Wurm winseln. Auf Befragen, was er da mache? fing er entsetzlich zu fluchen, und endlich zu sagen an: Vermaledeiet ist der verdammte körper, den ihr diesen Tag begraben habt, denn das verfluchte Scheusal, über welches man unfehlbar keine Seelmessen gehalten hat, ist mir vor etlichen Stunden erschienen, und hat meinen Leib erbärmlich zugerichtet. Ich gedachte gleich in meinen herzen, dass dieses seiner Sünden Schuld sei, indem ich von Jugend auf gehöret, dass man mit verstorbenen Leuten kein Gespötte treiben solle; wolte ihn auch aufrichten, und in unsere Hütte führen, doch weil er dahin durchaus nicht wolte, brachte ich den elenden Menschen endlich mit grosser Mühe in Mons. van Leuvens Hütte. Wiewohl ich nicht vergessen hatte, ihn zu bitten, um der Concordia willen, nichts von dem, was ihm begegnet wäre, zu sagen, sondern eine andere Unpässlichkeit vorzuwenden. Er gehorchte mir in diesem Stücke, und wir schlieffen also, ohne die Concordia zu erwecken, diese Nacht in ihrer Hütte.

Lemelie befand sich folgenden Tages todtkranck, und ich selber habe noch selbigen Tag fast überall seinen Leib braun und blau, mit Blute unterlauffen, gesehen, doch weil es ihm leid zu sein schien, dass er mir sein ausgestandenes entdeckt, versicherte ich ihm, selbiges so wohl vor Mons. van Leuven als dessen Gemahlin geheim zu halten, allein, ich sagte es doch gleich bei erster gelegenheit meinem besten Freunde