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häuffiger Menge herzu gelauffen, so dass, wie man in Deutschland zu sagen pflegt, die Kirche gekribbelte und gewibbelte voll war. Ja ich glaube, dass damahls keine eintzige Seele aus der Kirche geblieben ist, ausgenommen einige wenige Krancken, die nicht zu fuss fortkommen können, und sich auf andere Art fortbringen zulassen, Bedencken getragen.

Im gemeinen Sprichworte pflegt man zu sagen: Wo GOtt eine Kirche bauet, so bauet der Satan seine Capelle darneben. Dieses konnten wir daraus bemercken, denn unter der Zeit, da nach vollbrachter KirchenMusique der Christliche Glaube, gewöhnlicher Art nach, abgesungen wurde, liess unser Feind, Don Juan, von seinen Schiffen die 3. abgeredten Bomben springen. wobei unter einem jeden Verse dieses Liedes, wie wir alle insgesamt mit besonderen Nachsinnen in Acht genommen haben, auch der Knall einer Bombe zuhören und zu vernehmen war. Und dieses ist gewiss und wahrhafftig kein ohngefährer Zufall zu nennen, sondern gute Christen hatten ihre besonderen gedanken darbei, da es so accurat zutraf, dass das Lied: Wir gläuben all an einen GOtt etc. eben 3. Verse haben muste, und wir auch nicht mehr, als 3. SchreckSchüsse hören durfften, nicht anders, als wenn dieserwegen ein besonderes Zeichen gegeben wäre.

Die ganze Christliche Gemeine schien zwar anfänglich einiger massen in ihrer Andacht beunruhigt u. gestöhrt zu werden, allein, der unvergleichliche Herr M. Schmeltzer erfand solgeich ein Mittel, die beunruhigten und allenfalls ängstlichen Gemüter zu besänfftigen, und wieder in Ordnung zu bringen, indem er sogleich, nachdem wir den dritten Bomben-Knall vernommen, den Choral von der Cantzel herunter intonirte: JEsus, meine Freud etc. Wie nun die ganze Christliche Gemeine dieses Lied in der grössten Andacht absunge, so beschäfftigten sich auch unsere Herren Musicanten mit Zincken und Posaunen, der Andacht einen desto grösseren Eindruck, oder, so zu sagen, Nachdruck zu geben; nachher aber setzte er vor diesesmahl das ordentliche SonntagsEvangelium bei Seite, und erwählete sich an Statt dessen den 35. Psalm, welcher also lautete:

HErr! hadere mit meinen Haderern, streite wider meine Bestreiter. Ergreiffe den Schild und Waffen, und mache dich auf, mir zu helffen. Zücke den Spiess, und schütze mich wider meine Verfolger. Sprich zu meiner Seelen: Ich bin deine Hülffe. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach meiner Seelen stehen, es müssen zurücke kehren, und zu Schanden werden, die mir übel wollen. Sie müssen werden, wie Spreu vor dem Winde, und der Engel des HErrn stosse sie weg. Ihr Weg müsse finster und schlüpfferig werden, und der Engel des HErrn verfolge sie. Denn sie haben mir ohne ursache gestellet ihre Netze, zu verderben, und haben ohne ursache meiner Seelen Gruben zugerichtet. Er müsse unversehens überfallen werden, und sein Netze, das er gestellet hat, müsse ihn fahen, und müsse darinnen überfallen werden; Aber meine Seele müsse sich freuen des HErrn, und frölich sein auf seine Hülffe etc.

Ich bin nicht im stand diesen Psalm bis ans Ende her zu recitiren, weilen mir das Gedächtniss in dem Stücke, was ich in der Jugend gelernet, nummehro seine Dienste ziemlicher massen versagen will, deswegen ist derselbe nachzuschlagen, da sich denn finden wird, dass sich alle Zeilen, ja fast alle Worte desselben auf unsere damahligen Umstände dergestalt schicken, als ob der Königliche Prophet David unsere Umstände und Beschaffenheit zu seiner Lebens-Zeit lange voraus gesehen hätte. Nach der Predigt wurde das Te Deum laudamus unter Paucken und Trompeten-Schall, auch abwechselnden Zincken und Posaunen-Klange abgesungen, mitin vor dissmahl der vormittägliche Gottesdienst geendiget.

Durch alle diese Veranstaltungen, zumahlen, da die Herren Musicanten die Melodeien dieser 3. Lieder, als:

Wär GOtt nicht mit uns diese Zeit etc.

Ein veste Burg ist unser GOtt etc.

Es woll uns GOtt genädig sein etc.

vom Turme unter Läutung der Glocken abbliesen; machten sie einen noch fernern Eindruck in die Gemüter, wodurch denn das sämtliche Volck, so wohl Männer, Weiber als Kinder, ungemein ergötzt wurden, sich Hauffenweise auf dem platz vor der Kirche und unter der Alberts Burg versammleten und stehen blieben, da denn der Regente alle Anwesenden vom grössten bis zum Kleinesten speisen und träncken liess. In der Nachmittags-Predigt hatte Herr Mag. Schmeltzer Jun. nur diese wenigen Worte zum Texte seiner Predigt erwählet: Fürchte dich nicht, du kleine Heerde etc. und sprach uns allen einen grossmütigen Trost zu, weswegen wir alle ohne besondere Bangigkeit aus einander gingen. Folgenden Montags früh gleich bei Aufgang der Sonne, liess Don Juan abermals, nachdem es die ganze Nacht ganz stille gewesen, 3. Bomben gegen unsere Insul in die See spielen, allein wir regten und bewegten uns nicht, bis wir endlich abermals eine Chalouppe mit 2. Trompeten und einiger Mannschafft, die alle weisse Fähnlein in den Händen führeten, gewahr wurden, die so schnell, als nur immer möglich war, auf unsere Insul zugefahren kamen; Allein wir taten derselben nicht einmal die Ehre an, ordentlicher Weise zu begegnen, sondern es begaben sich nur Herr Wolfgang, Mons. de Blac und ich mit einer Bedeckung von 50. Mann der auserlesensten tapffersten Leute durch den wasser-gang hinunter an das Ufer der See, welche 50. Mann aber sich in den wasser-Gange verborgen halten mussten. Wir pflantzten ebenfalls 3. weisse Fahnen in die Erde, da denn die Chalouppe anländete,