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anzuführen. Wie gesagt, es kam nicht allein mir, sondern auch vielen andern recht lächerlich vor, solches von diesen Amazoninnen zu hören; die aber, so bald sie dieses gemerckt, dass wir uns über sie aufhielten, um so viel desto hitziger und begieriger wurden, ihren Willen vor dissmahl zu haben, weswegen man denn binnen wenig Tagen das ganze Regiment Frauenzimmer in artiger und sehr netter Forme vor sich stehen sah.

Ihr Ober-Kleid war von leichten Zeuge, und zwar himmelblau, gefärbter gedoppelter Leinewand, oder, wie man es nennen will, Barchent, mit gelben Schnüren; das Camisol aber rosenfarbe, mit weissen Schnüren verbrähmt, und der Schurtz eben so, wie in Deutschland ein gewöhnlicher Läuffer-Schurtz, nebst den Bein-Kleidern, vom weissen Barchent, und mit gelben Schnüren bordirt. Auch hatten sie sich rote lederne Stiefeln machen lassen, worüber ich mich ganz besonders wunderte, dass sie dieselben binnen so kurtzer Frist fertig kriegen können, indem sie dieselben, wie ich nachher erfahren, selbst verfertigen helffen, und weder Tag noch Nacht gefeiert, bis die ganze Montur vollkommen fertig gewesen. Zur Bedeckung des Haupts hatte eine jede eine hohe Mütze auf, welche mit denen in Deutschland und anderer Orten üblichen Granadier-Mützen, oder, besser zu sagen, Abts-Mützen eine starcke Gleichheit hatten, ungeachtet sie dergleichen Tracht, Zeit ihres Lebens, niemals gesehen.

Allein, mein wertester Hr. Bruder kan ja leichtlich nachsinnen, dass unsere Hn. Europæischen LandesLeute diese ganze Comœdie angestifftet, und ich schäme mich nur vorjetzo diejenigen mit Nahmen zu nennen, welche vielleicht die Haupt-Ursächer davon mögen gewesen sein. Mit dem allen aber war es eine unvergleichliche Lust, dieses wohlansehnliche Regiment zu Fuss, (und NB. nicht zu Pferde) in Parade stehen zu sehen, denn erstlich guckten gemeiniglich unter der schwartzen Haube, oder so genannten Granadier-Mütze ein paar charmante Augen hervor, welche, dem Ansehen nach, rechte feurige Pfeile in sich führeten, um ihren Feind damit zu verletzen. Das eintzige, was ich an ihnen auszusetzen hatte, war dieses, dass sie keine schwartzen grossen Schnurr-Bärter führeten; Allein diesen Fehler ersetzte entweder ein Alabasterweisses, oder bräunliches Angesichte wie ich denn angemerckt, dass auf dieser Insul die Blondinen und Brunetten einander an der Zahl um ein sehr weniges überlegen sein mögen.

Jedoch unsere neugebackenen Amazoninnen noch weiter zu beschreiben, so hätte ich wohl aus Neugierigkeit bei einer jedweden die Anfrage tun mögen: ob sie nach Art der alten Amazonen sich auch wohl wolten entschliessen, eine jede ihre lincke Brust abschneiden zu lassen? weilen aber befürchtete, dass sie mir eine spitzige Antwort geben und etwa sagen möchten, dass sie keine Amazoninnen nach der alten Art wären, indem sie keinen Schild zu führen brauchten, der ihnen zum Schutze ihrer Brust etwa nötig sein, und mir noch fernere verdrüssliche Reden geben möchten, so liess ich die Sache gut sein. Unterdessen führeten sie tödtliche Waffen, denn es hatte eine jede in ihrer rechten Hand einen leichten Wurff-Spiess, wie nicht weniger einen leichten Pallasch an der lincken Hüffte hangen, in dessen ledernem Bauch-Gurte eine kleine Pistole stack; Uber die lincke Schulter bis auf die rechte Hüffte herunter sah man einen 3. Fingerbreiten Riemen herab lauffen, an welchem, wie man das Ding in Deutschland zu nennen pflegt, eine gätliche Patron-tasche hieng, worin 12. Pistol-Patronen und 6. gätliche gefüllete Granaden stacken, auch hatte eine jede ihre brennende Lunte an der Brust, so wie es gebräuchlich ist, in einem Futterale hangend. kurz zu sagen: Fast alles unser Frauenzimmer hatten sich vollenkommen als Granadiers armirt. Wer ihnen die Waffen, als nämlich die kleinem Palläsche, kleinen Pistolen, Wurff-Spiesse oder Piquen verfertigen lassen, will ich eben nicht sagen, nur wunderte mich dieses, dass nicht allein die völlige Montur, sondern auch das Leder-Werck und anderes Zubehör in solcher Geschwindigkeit verfertiget werden können; aber da mochte wohl das Sprichwort eintreffen: Viel hände machen Ende. Denn, wie gesagt, ich habe nach dem vernommen, dass alles daran gearbeitet, was nur hände und Finger gehabt, auch so gar die kleinen Mägdleins, die kaum eine Neh-Nadel zu regieren wissen.

Viele von unsern Europæischen Mit-Brüdern hatten sich die Mühe gegeben, dieses unser Frauenzimmer-Granadier-Regiment, welches über 600. Köpffe stark war, auch so gar des Nachts bei den Scheine angezündeter fackeln, ordentlicher Weise auf Europæische Art zu exerciren, und zwar in Führung des Pallasches und Wurff-Spiesses, Ladung und Gebrauchung der Pistolen, Werffung der Granaden und dergleichen, auch so gar ferner in Wendungen und andern üblichen Exercitiis dergestalt zu perfectioniren, dass wohl nirgendwo ein Frauenzimmer anzutreffen sein möchte, welches eine Hand-Granade mit grösserer Geschicklichkeit und Geschwindigkeit werffen könnte, als ein Felsenburgisches, ja die kleinen Mägdlein wissen schon ziemlicher massen damit umzugehen.

Endlich kam es zur Musterung dieses HeldenRegiments, welches sich auf dem grossen platz unter der Alberts-Burg und der Kirche in Parade gestellet hatte. Es war dieses Regiment in 3. Bataillons eingeteilet, deren jedes Bataillon seine besondere Fahne führte, als nämlich das Erste eine blaue; das Andere eine rosenfarbene und das Dritte eine weisse Fahne. In eine jede dieser Fahnen hatte unser berühmter Herr Kunst- Mahler zur Devise die Insul Gross-Felsenburg mit ihren fast bis an den Himmel reichenden FelsenSpitzen gemahlet, mit