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Mensch bist,

stehet zu

einen Christen ehrlich zur Erde zu bestatten,

Da ich mich in meinem ganzen Leben bestrebt,

dass ich an Christum gläubte, Christo lebte,

und endlich Christo stürbe.

Du wirst vor deine geringe Arbeit eine grosse

Belohnung erhalten.

Denn wenn dir das Glücke, dasjenige, was es mir

seit vielen Jahren her verweigert hat,

wiederfahren lässt,

nämlich, dass du dich wieder zu der abgesonderten

Gesellschafft der Menschen gesellen könnest;

So wirstu dir eine kostbare Belohnung zu

versprechen, und dieselbe aus dieser Höle

mit hinweg zu nehmen haben;

Wenn du aber so, wie ich, gezwungen bist,

In dieser Einsamkeit als ein Einsiedler dem tod

entgegen zu gehen;

So werden doch einige merckwürdige

Schrifften,

die in meinem in Stein gehauenen Sessel

verborgen liegen,

dir vielleicht erfreulich und nützlich sein.

Wohlan!

Nimm dieselben mit danckbaren herzen an,

der gütige Himmel mache dich beglückt,

und zwar glücklicher als mich,

wiewohl ich mich niemals vor recht unglücklich

geschätzt habe.

Lebe wohl ankommender Freud! Lebe wohl,

höre meine Bitte, begrabe mich,

Und glaube, dass GOTT, welchem ich gedienet,

geben wird:

Dass du wohl lebest.

Die Zeilen auf der kleinen Tafel, bedeuten in teutscher Sprache so viel:

Ich bin gebohren den 9. auge. 1475.

Auf diese Insul gekommen, den 14. Nov. 1514.

Ich empfinde, dass ich Alters halber in kurtzer

Zeit sterben werde, ungeachtet ich weder

Kranckheit, noch einige Schmertzen empfin

de. Dieses habe ich geschrieben am 27. Jun.

1606.

Ich lebe zwar noch, bin aber dem tod sehr nahe, d.

28. 29. und 30. Jun. und noch d. 1. Jul. 2. 3. 4.

Jedoch ich fahre nunmehr in unsern eigenen Geschichten fort, und berichte dem geliebten Leser, dass wir mit Anbruch folgendes Donnerstags, d. 22. 9br. uns nebst dem Altvater Albert Julio aufmachten, und die Pflantz-Städte Jacobs-Raum besuchten, welche aus 9. Wohn-Häusern, die mit allem Zubehör wohl versehen waren, bestund.

Wiewol nun dieses die kleineste Pflantz-Stadt und schwächste Gemeine war, so befand sich doch bei ihnen alles in der schönsten Hausshaltungs-Ordnung, und hatten wir an der Einrichtung und besonderen Fleisse, ihrem verstand nach, nicht das geringste auszusetzen. Sie waren beschäfftiget, die Gärten, Saat, Felder, und sonderlich die vortrefflichen Weinstöcke, welche auf dem dasigen Gebürge in grosser Menge gepflantzt stunden, wohl zu warten, indem es selbiger Zeit etwa 9. oder 10. Wochen vor der gewöhnlichen Wein-Erndte, bei den Feld-Früchten aber fast ErndteZeit war. Mons. Litzberg und Plager, untersuchten das Eingeweide des dasigen Gebürges, und fanden verschiedene Arten Steine, welche sehr reichhaltig von Kupffer und Silber-Ertz zu sein schienen, die sie auch nachher in der probe unvergleichlich kostbar befanden. Nachdem wir aber auf der Rückkehr von den Einwohnern mit dem herrlichsten Weine, verschiedenen guten speisen und Früchten, aufs beste tractirt waren, ihnen, gleich wie allen vorher besuchten Gemeinen, 10. Bibeln, 20. Gesang- und GebetBücher, auch allerhand andere feine nützliche Sachen, so wohl vor Alte als Junge verehret hatten, kamen wir bei guter Zeit wiederum in der Alberts-Burg an, besuchten die Arbeiter am Kirchen-Bau auf eine Stunde, nahmen die Abend-Mahlzeit ein, worauff unser Altvater, nachdem er das Tisch-Gebet getan, unsere Begierde alsofort gemerckt, sich lächelnd in seinen Stuhl setzte, und die gestern abgebrochene Erzählung also fortsetzte:

Ich bin, wo mir recht ist, gestern Abend dabei geblieben: Da wir die Zinnernen Tafeln an das TagesLicht trugen, und die eingegrabenen Schrifften ausstudirten. Mons. van Leuven und ich, konnten das Latein, Lemelie aber, der sich von seinem gehabten Schrekken kaum in etwas wieder erholet, das Spanische, welches beides doch einerlei Bedeutung hatte, ganz wohl verstehen. Ich aber kan mit Warheit sagen, dass so bald ich nur des letzten Willens, des Verstorbenen Don Cyrillo de Valaro, hieraus völlig versichert war, bei mir im Augenblicke alle annoch übrige Furcht verschwand. Meine Herren! sagte ich zu meinen gefährten, wir sind schuldig dasjenige zu erfüllen, was dieser unfehlbar seelig verstorbene Christ so sehnlich begehret hat, da wir ausser dem uns eine stattliche Belohnung zu versprechen haben. Mons. van Leuven war so gleich bereit, Lemelie aber sagte: Ich glaube nicht, dass die Belohnung so sonderlich sein wird, denn die Spanier sind gewohnt, wo es möglich ist, auch noch nach ihrem tod rodomontaden vorzumachen. deswegen versichere, dass mich eher und lieber mit zwei See-Räubern herum schlagen, als mit dergleichen Leiche zu tun haben wolte; Jedoch euch als meinen gefährten zu Gefallen, will ich mich auch bei dieser hässlichen Arbeit nicht ausschlüssen.

Hierauf lieff ich fort, langete ein grosses Stück alt Seegel-Tuch, nebst einer Hacke und Schauffel, welche 2. letzteren Stück ich vor der Höle liegen liess, mit dem Tuche aber begaben wir uns abermals in die unterirrdische Höle. Mons. van Leuven wolten den körper bei den Schultern, ich aber dessen Schenckel anfassen; allein, kaum hatten wir denselben etwas angeregt, da er auf einmal mit ziemlichen Geprassele in einen Klumpen zerfiel, worüber Lemelie aufs neue dermassen erschrack, dass er seinen Kopff zwischen die Ohren nahm, und so weit darvon lieff,