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aber das bisherige grausame Sturm-Wetter sich gänzlich gelegt, und wir eine ganz stille Lufft, zwischen Westen und Norden daher streichend, empfanden, so besänfftigten sich auch unsere Gemüter wieder, zumahlen, da wir uns nach so entsetzlichen Stürmen eines angenehmen Frühlings und darauf folgenden ebenmässig lieblichen Sommers getrösteten. Wir hatten diese Hoffnung ganz und gar nicht umsonst, indem es die alles erquickende Sonne, dem gemeinen Sprichworte nach, dergestalt gut mit uns meinete, dass wir dem Allerhöchsten, vor dieses grosse Wunder-Geschöpffe, auch dessen Krafft und Würckung zu loben und zu preisen, in unsern Seelen ermuntert wurden, und recht darnach lieffen, sonderlich die Kinder, welche sich eine besondere Freude daraus machten, wann sie die Sonne konnten auf- und niedergehen sehen. Bei solcher gelegenheit bemerckten wir nach etlichen Tagen, dass allezeit früh, wenn sich die Sonne aus dem Ost-Meer erhub, um uns mit ihren holden Strahlen zu ergötzen ein gewaltiger Schwarm grosser Vögel, die noch etwas, ja ein sehr vieles grösser, als die wilden Endten waren, von der Gegend zwischen West-Nord daher gezogen kamen, und ihren Flug nach dem Süd-Pol über unsere Insul hinnahmen.

Anfänglich, oder in den ersten 20. bis 30. Tagen bemerckten wir, dass dieselben nur in eintzelnen Schaaren geflogen kamen, deren Zahl ungefähr von etliche 100. stark sein mochte, weilen dieselben zu zählen, eine fast unmögliche Sache zu sein schien, jedoch sahen wir, dass eine jede Schaar derselben, ihre Abteilung und Einteilung ungemein wohl observirte, wie denn auch eine jede solche Schaar ihre besonderen Führer hatte, welche gemeiniglich als ein Kleeblat voraus gezogen kamen, und etwas grösser und wichtiger zu sein schienen, als die hinter ihnen folgenden gemeinen Vögel, jedoch sah man klärlich, dass einige, welche ihre besonderen subdivisiones führten, ebenfalls etwas grösser von Gestalt waren, welche Gestalt man aber wegen der gewaltigen Höhe mit dem gesicht auch nicht einmal mit den Fern-Gläsern genau in Obacht nehmen konte. Wie nun nach Verlauf beinahe eines ganzen Monats die Schaaren, deren wir einige über 1000. Stück stark schätzten, sich alle Morgen und Abende bei Auf- und Niedergange der Sonnen immer näher und näher an einander schlossen, so verdunckelten sie die Lufft und den Himmel dergestalt, dass wir, wenn die Haupt-Armée gezogen kam, auch noch bei hellem lichten Tage weder schreiben noch lesen konnten, sondern in einer würcklichen Demmerung zu sitzen uns mussten gefallen lassen. Da die von mir so genannte Haupt-Armée über unsern Horizont fort passirt war, kamen in etlichen Tagen hernach nur einzelne Schaaren gezogen, welche meines Erachtens eine so genannte kleine Arrier-Guarde vorstellen sollten. Wie nun mir der unordentliche Appetit gleich vom Anfange dieses VogelZuges angekommen war, dererselben einen oder etliche zu schiessen, so ärgerte mich aber dabei nur dieses, dass sie sich mir zu dem Schusse in der Lufft nicht in etwas niedersencken, geschweige denn sich gar auf den Erdboden niederlassen wolten, vielmehr ihre Sicherheit in der ihnen, nach ihrem Geruch und Geschmack temperirten Lufft fort und fort suchten. Auser dem fanden sich einige Abergläubige, die da gern wolten läuten hören, aber noch nicht alle wusten, wo unsere Glocken hiengen, zumahlen die letzteren neuen und sehr wohlgeratenen Glocken noch nicht einmal alle aufgezogen, und an gehörigen Ort und Stelle gebracht waren. Wie nun aber gemeiniglich ein Aberglaube den andern zu Hülffe rufft, die Geister der Menschen zu verwirren, so wurde mir auch von den Obern und Hn. Geistlichen sehr verübelt, wenn ich den so genannten Frevel begehen, und nur einen eintzigen von diesen fremden Vögeln zu schiessen, mich unterfangen würde, indem dieses eine Sache wäre, die uns allen zum allergrösten Schaden und Verderben gereichen könnte.

Was dieser Sache wegen, ob nämlich bei solchen fürchterlichen zeiten, so wohl dieser Art Vögel, als Verkündiger göttlicher Straff-Gerichte vorsetzlicher und freveler Weise tot zu schiessen, billig, christlich und ratsam sei? unter uns nachher vor öfftere ordentliche so genannte Disputationes gehalten worden, will ich vorjetzo nicht eben weitläufftig melden, sondern nur einen jeden fragen: ob, wenn uns GOtt Heuschrecken, Frösche, Kröten und anderes Ungeziefer, von vielerlei Arten, zum Schrecken und Züchtigung zuschickt, wir uns ein besonderes Gewissen machen sollten, eine solche Heuschrecke, Maus, Ratte Kröte, Schlange, oder was es sonsten vor eine Art von PlageGeistern sein möchte, zu ertreten, zu erspiessen, zu verbrennen, oder auf allerhand anderer Manier, um ihr uns schädlich scheinendes Leben zu bringen.

Ich kan nicht leugnen, dass mir die Herrn Teologi in den meisten Stücken ziemlicher massen überlegen waren, welches ganz und gar nicht zu verwundern ist, indem ich mich beides vor einen schlechten Philosophum, und noch schlechtern Physicum auszugeben die vollenkommenste Ursache habe.

Dieses aber sei vor dissmahl bei Seite gesetzt, denn ich will nichts anders reden, als die Wahrheit, wie es mir nämlich damahls nicht anders erging, als wie unserer Ur-Gross-Mutter der Eva im Paradiese, welche nicht eher Friede und Ruhe zu haben vermeinete, bis sie den verbotenen Apffel im mund, oder wohl ganz und gar im leib hatte; ungeachtet ich nun kein Frauenzimmer, sondern bekannter massen eine Manns-person bin, so erstreckte sich die Lüsternheit doch dergestalt einiger massen über meine gesunde Vernunfft, dass ich weder Tag noch Nacht ruhen noch rasten konte, bis ich mir, meiner Einbildung nach, das eintzige Vergnügen geschafft einen