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bat darbei uns zurück im Logis bleibenden, jederzeit ein andächtiges Gebet vor ihre person gegen Himmel zu schicken.

Mir war angst und bange, meine Mutter von uns gehen zu sehen, jedoch, da ich mich endlich begriff, und bedachte, dass sie nicht allein einen durchdringenden Verstand, sondern auch dabei ein Manns- ja ein recht Löwen-Hertz im leib hätte, setzte ich mein Vertrauen auf die göttliche Hülffe, und liess sie unter vielen 1000. Glückwünschungen so wohl, als Vergiessung häufiger Tränen hingehen, wohin es ihr selbst beliebte, zumahlen, da sie alle Abende wieder zu kommen, und uns zu besuchen versprach.

Es verstrichen demnach nicht mehr, als 8. oder 10. Tage, als sie das erste mahl zurück kam, und uns die traurige Nachricht brachte, dass mein lieber Vater von einem Frantz- mann, den er bei seiner Maitresse angetroffen, so zu sagen, meuchelmörderischer Weise ermordet, wessentwegen auch der Mörder so gleich in gefängliche Hafft gebracht worden; Hergegen lebte die Maitresse lustig und guter Dinge, und sähe sich nur bloss allein nach unserm Vater um, ob derselbe den Geld-Sack bald schickte, oder selbsten mit sich brächte. Es hatte meine Mutter diese Nachricht nicht allein in des Vaters, sondern auch so gar in der Maitresse Logis mit vielen Umständen vernommen, sich aber an beiden Orten ganz und gar nicht darvor ausgegeben, als ob ihr sonderlich viel daran gelegen wäre. Der Maitresse Schönheit konte sie nicht gnugsam beschreiben, zweiffelte aber sehr, ob selbige nicht etwa eine falsche Schmincke wäre, dem ungeachtet schwur sie in der ersten Hitze, ihren Hohn auch so gar mit Darstellung ihres Lebens zu rächen, und nicht eher zu ruchen, biss die Canaille entleibt wäre.

Ich bat den Himmel mit bittern Tränen, meiner Mutter diese gedanken zu benehmen, allein mein Gebet wurde in diesem Stücke dissmahl nicht erhöret, denn wenig Tage hernach kam ihr der Rummel auf einmal wieder an, deswegen zohe sie abermals eins von meines Vaters käñtlichen Kleidern an, die ihr sehr wohl passeten, wie sie denn in allen Stücken eine sehr grosse Gleichheit mit seiner person hatte; ausser dem steckte sie einen Degen mit einer geschliffenen Klinge an die Seite, und noch über dieses in jede tasche 2. Taschen-Pufferte, oder Terterols. Wie sie sich nun dergestalt bloss in meinem alleintzigen Beisein wohl besorgt, rief sie zwei von unsern getreuen Laqueien, befahl ihnen, ihr zu folgen, und sie nicht aus den Augen zu lassen, hergegen, wo es die äuserste Not erforderte, getreulichen Beistand zu leisten, indem es ihr Schade nicht sein, sondern ein jeder von ihnen vor diesen Weg 100 dukaten zur Recreation haben sollte. Auf dieses umarmete sie mich, die ich an einem Fenster stunde, und Tränen vergoss, mit diesen Worten: Gebt euch zufrieden, meine liebste Tochter! und lasset mich nur immer in meiner gerechten Sache unter eurem Gebete fortgehen, denn die Gefahr, darein ich mich jetzt begebe, um eures Vaters Tod, so viel als mir nur immer möglich ist, zu rächen, wird vielleicht so gross nicht sein, als ihr euch dieselbe vorstellet, und ich hoffe, wo ich anders glücklich bin, noch vor Mitternachts-Zeit schon wieder bei euch zu sein.

Wie nun diese letzteren Worte meine Tränen einiger massen hemmeten, so liess ich sie unter dem Schutze des Allmächtigen, in Begleitung der beiden Laqueien fortgehen, blieb aber am Fenster stehen, und mit Vergiessung vieler Tränen abzusehen, was erstlich auf der Strasse vorgehen möchte, hernachmahls aber ihre Zurückkunfft abzuwarten, wobei ich denn dergestalt fleissig betete, als ich wohl sonsten zum öfftern in vielen Jahren nicht getan, indem es mir fast ein unerträglicher Schmertz sein und heissen wolte: Vater und Mutter binnen so kurtzer Zeit auf einmal zu verlieren.

Jedoch dieser wurde ziemlicher massen gelindert, da ich meine liebe Mutter ohngefehr zwischen 10 und 11 Uhren des Nachts nebst ihren beiden Laqueien zurück kommen sah. Sie machte die Tür des Zimmers ohne langes Verweilen auf, und fragte nichts mehr, als dieses: Meine Tochter! wenn ihr Caffée habet, so gebet mir und diesen Leuten etliche Schälchen zu trincken, lasset uns auch ein gut Glas Rosoli holen, denn das Glück hat meine Faust gesegnet und geführt, dass ich ein so gutes, ja fast noch bessers Meister-Stück gemacht, als die Iudit bei dem Holoferne.

Indem ich nun darnach fragte, welcher Gestalt ihre Verrichtungen abgelauffen wären, erstattete der eine Laquei mir folgenden Bericht: Nachdem wir unten im haus, wo die Conquette logirte, angelangt, und ein paar oder mehr Boutellen-Weins vor unsern Herrn gefordert, säumete die Wirtin nicht lange, uns dieselben zu bringen, worauf so wohl der so genannte unser Herr, als wir Diener den Wein versuchten, auch uns etwas zur Kost reichen liessen; Indem wir uns aber hierauf etwas bei Seite begaben, liess sich unser so genannter Herr mit der Frau Wirtin in ein vertrauliches gespräche ein, und mochte wohl nach und nach so viel aus ihrem treuhertzigen herzen erforschet haben, dass die Frantzösische Comœdiantin, wornach er gefragt, bereits in ihrem Bette versorgt sei, und zwar mit demjenigen Frantzösischen Cavalier, der ihrentwegen nur vor wenig Tagen einen andern Cavalier erstochen hätte. Ob nun gleich der Entleibte ein Engeländer von Geburt, so sähe man doch wohl, dass Geld und Gold alles niederdrückte, indem der Frantzose bereits Pardon erhalten. ungeachtet, dass sich unser gebietende Frau,