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. Wie wir nun seine stimme wohl kañten, wurde ihm so gleich aufgemacht, da wir denn höreten, dass mehr als eine person die Stiegen herauf gestolpert kamen, weswegen denn meine Mutter so gleich in jede Hand einen Leuchter mit einem grossen Wachs-Lichtenahm, gegen die Tür des Zimmers zuging, um selbige zu eröffnen, und zu sehen, was auf dem Vor-saal passirte. Ich, die ich gleichfalls ein Licht in jede Hand genommen, folgte ihr auf dem fuss nach, und erblickte meinen Vater in Lebens-Grösse, auch in seiner gewöhnlichen Kleidung, bemerckte aber anbei ganz klar und deutlich, dass er einen blossen Degen mitten in der Brust stecken hatte, dessen Gefässe vorne auf der Hertz-Grube fast Spannenlang heraus ragete, ingleichen bemerckte ich, dass das Blut sehr stark aus der Brust und am leib hinunter floss. Zu verwundern ist es demnach, dass ich vor Schrecken nicht so gleich augenblicklich zu Boden gesuncken bin, weiln mir noch auser dem die hinter ihm stehenden 2. langen, weissen Geister, oder Gespenster, die einen grossen schwartzen Reise-Couffre zwischen sich trugen, einen erstaunlichen Anblick verursachten. So wahr der Himmel über mir lebt und schwebt, ich kan nicht wissen, woher ich in selbiger Stunde alle Hertzhafftigkeit muss herbekommen haben, und glaube dieserwegen vollkommen, dass mich ein Engel GOttes recht übernatürlicher Weise muss gestärckt haben, denn meine Mutter hatte kaum meinen Vater oder dessen Gespenst in die Augen gefasset gehabt, als sie, wie sie sich nachher wohl zu besinnen wuste, augenblicklich wie ein Mehl-Sack umgesuncken war. Ja, was noch mehr? ich fassete mir so gar ein Hertze, meinen Vater anzureden, und mich in ein kurz Gespräch mit ihm einzulassen; allein, indem ich die Worte auf der Zunge hatte, kam er mir mit Reden zuvor, und sagte gegen uns beide: Nun habt ihr nach eurem Wunsche, mich noch einmal gesehen in dieser Welt, denn ich bin bereits an einem andern Orte, als in der zeitlichen Welt. Nehmet ohne Bedencken, was vor euch allhier auf dem saal stehen bleibt; gedencket meiner im Besten, und lebet wohl!

Unter diesen letzten Worten löscheten alle unsere Lichter aus, auch sogar die, so ordentlicher Weise auf dem saal zu brennen pflegten, jedoch bemerckten wir zu gleicher Zeit, dass das ganze gesicht oder Gauckelspiel des Satans eben so geschwind und hurtig verschwand, als man ein Licht oder zwei auszublasen, und dasselbe zu verlöschen pflegt; blieb also nichts davon übrig, als ein blosser Schatten eines schwartzen Reise-Couffers, welchen wir nicht länger anzusehen würdigten, sondern uns in unsere Zimmer zurück begaben, wo wir alles, was Atem hatte, im allertiefsten Schlafe fanden. Meine Mutter war fast auf allen Vieren hinein gekrochen, ich aber nur froh, dass ich sie erstlich mit Kummer und Not auf ein Faul-Bette bringen konte.

Den übrigen teil der Nacht brachte ich noch in gröster Verwirrung zu, da ich aber meine Mutter gegen Morgen in ziemlichen gesundem Zustande antraf, gab sich mein Hertz doch einiger massen zufrieden, ja, ich bemerckte in demselben, dass es gedoppelte Courage bekam. So bald ich recht zu unterscheiden mir zugetrauete, was schwartz oder weiss wäre, nahm ich zu allem Uberflusse noch 2. Wachs-Lichter in meine hände, ging nochmahls zum Zimmer ganz allein hinaus auf den Saal, wo ich denn ohnfern vor unseres Zimmers Tür den vorher schon erblickten schwartzen Reise-Couffre erblickte. Weiln nun der helle Tag bereits angebrochen, auch die Sonne schon aufgegangen war, so nahm ich mir (ich weiss selbst nicht, aus was Krafft) die eigene Hertzhafftigkeit, den schwartzen Couffre in unser Zimmer zu tragen, an welchen meine liebe Mutter nicht die geringste Hand anlegen wolte, sondern auch gebot, dass man dieses Teuffels-Ding sollte stehen lassen, bis zum wenigsten der Seegen darüber wäre gesprochen worden.

Ich schickte zu einem mir wohl bekannten religieusen Geistlichen, und erzehlete ihm die ganze geschichte und gesicht, so uns in voriger Nacht begegnet und erschienen war. Dieser nahm sich kein Gewissen, nachdem er sein Christlich Bedencken darüber gegeben, auch den Seegen über den Couffre zu sprechen. Worauf wir denn sogleich nach einem Schlösser schickten, und den Couffre eröffnen liessen, worin sich 6000 Taler teils an baarem Gelde teils Gold, teils Silber-Müntzen befanden, nebst noch mehr als einmal so viel an Wechsel-Briefen und Actien Zetteln, wobei ein Memorial lag, welches meine Mutter, so bald ich dasselbe mit grossem Bedacht gelesen, wieder zu sich nahm, und in 1000 Stücken zerriss.

Das gröste Wunder war bei dieser Sache, dass, ungeachtet der Couffre binnen 24. Stunden fast zu Staub und Asche worden, jedennoch die Brieffschafften darinnen unversehrt geblieben waren, mitin hatten wir noch ein schönes Capital einzuheben, welches zum teil vielleicht auch noch viele Weitläuftigkeiten, unserm Bedüncken nach, verursachen möchte.

Jedoch die eigentliche und Haupt-Sache war diese: zu erfahren, ob unser Vater noch am Leben, oder bereits tot wäre; deswegen schickte erstlich meine Mutter verschiedene Kundschaffer aus, und als sie binnen wenig Tagen durch getreue Leute mit schweren Kosten endlich so viel vernommen, als was, so zu sagen, in ihren Kram dienete, warff sie sich abermals in Manns-Kleider liess 2 von unsern Bedienten nach unserer ordinairen Livree ganz neu kleiden, und begab sich mit ihnen mehrenteils bei Nachts-Zeit auf den Weg,