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von dem leidigen Truncke abzustehen, allein sie hatte eine lange Zeit tauben Ohren geprediget; Doch endlich ändert mein Vater seine Lebens-Art plötzlich, und stehet so wohl vom Truncke, als vom Spielen ab, sucht auch keine andere, als honette, douçe Compagnien, weswegen meine Mutter so froh wird, als ob sie ihn zum zweiten mahle geheiratet hätte. Allein, diese ihre grosse Freude währete nicht länger, als bis ihr von einer vertrauten Freundin in gröstem Geheim vertraut wurde, dass ihr Mann, nämlich mein Vater, sich an ein lüderliches Frantzösisches Comœdianten WeibsStücke gehenckt, welche ihn dergestalt eingenommen, dass er ohne dieselbe fast nicht zu leben wüste; ja, er wendete nicht geringe Geld-Summen an dieses Luder, und hätte demselben in einer gewissen Vorstadt ein kostbares Logis gemietet, um sie vor sich allein zu behalten, wäre aber in diesem Stücke nicht nur zum öfftern schändlich betrogen worden, sondern hätte auch bereits mit vielen Cavaliers, dieser Canaille wegen, Händel gehabt, und nur vor wenig Tagen einen gewissen Frantzösisches Cavalier in der rechten Seite der Brust fast durch und durch gestochen, so dass es misslich um des Blessirten sein Leben gestanden, wobei noch das gröste Glück, dass der Blessirte kein Engeländer, sondern ein gebohrner Franzose wäre. Wie gesagt, meiner seeligen Mutter Kummer und Sorgen und der Verdruss über die erhaltene Nachricht von meines Vaters neuer Lebens-Art, die ihr, als einer ziemlich ehrgeitzigen Dame, fast mehr als alles vorhergehende zu schmertzen schien, verursachten, dass sie ganz plötzlich in eine schwere Kranckheit fiel, so dass wir alle an ihrem Leben zu zweiffeln anfiengen, zumahlen, da sie sich nicht nur täglich, sondern offt stündlich im rechten Ernste nach dem tod sehnete. Als mein Vater sie in ihrer Kranckheit einstmahls zu besuchen kam, und ihr diese und jene Medicamenta recommendirte, gab ihm die Mutter zur Antwort: Macht euch nur keine Mühe mit euren Medicamenten, denn sie werden mir nichts helffen, sondern die ungebührliche Liebe zu eurer schändlichen Comœdianten-Hure wird mich mit nächsten ins Grab stürtzen, sodann habt ihr Freiheit, euch um ihr zu vereheligen, weilen ich ohnedem mercke, dass ich euren Augen nicht mehr gefalle. Wie wehmütig nun auch meine Mutter diese ihre Worte vorgebracht hatte, so liess sich mein Vater doch dadurch nicht erweichen, sondern sagte mit einem höhnischen Gelächter: Man merckte wohl, dass sie grosse Hitze hätte, und sehr stark phantasirte, deswegen sollte man ihr nur noch etliche mahl nach einander eine Ader öffnen, so würde sich das Phantasiren vielleicht bald verlieren. Gehet mir, (gab meine Mutter hierauf zur Antwort) vor meinen Augen weg! denn dieses ist eine Cur, die ihr unfehlbar von eurer Französischen Canaille werdet gelernet haben etc. Mit solchen und dergleichen Reden, die mir und allen, so zugegen waren, selbst zu herzen gingen, kränkkten sich meine lieben Eltern von einer Zeit zur andern, jedoch es geschahe bald, dass wir unsern Vater nicht so offt wieder zusehen bekamen, weswegen wir anfänglich nicht wusten, ob er lebendig oder tot wäre. Jedoch, nachdem er sich in ganzer 16. Wochen nicht blicken lassen, erhielten wir eine, wiewohl unsichere und ungegründete Nachricht, dass er mit nach West-Indien geseegelt wäre, worüber meine Mutter ganz froh wurde, nur darum, dass er auf solche Art von der Canaille losgekommen wäre, denn an Geld und Gütern fehlete es uns zur selbigen Zeit ganz und gar im geringsten nicht, anbei hatte sie die Hoffnung, dass, wenn er glücklich und gesund wieder zurück käme, er wenigstens etliche 1000. Taler an Gold und Silber mit sich bringen würde; Allein diese Hoffnung fiel in den Brunnen, da wir nach der Zeit um so viel desto gewisser versichert wurden, wie sich mein Vater noch beständig in Londen aufhielte, und zwar an einem ganz abgelegenen Orte, von daraus aber, einmal wie immer seine Frantzösin so wohl bei Tage, als bei Nacht besuchte. Demnach aber meine Mutter in sichere Erfahrung gebracht, wo eigentlich sein Logis wäre, warff sie sich eines Abends in Manns-Kleider, und liess sich durch einen getreuen Menschen dahin bringen. Sie ist so glücklich, meinen Vater zu haus anzutreffen, weswegen sie in sein Zimmer gehet, sich zu seinen Füssen wirfft, und um alles dessen, was heilig ist, bittet, mit ihr in unser Logis zurück zu kehren, auch fernerhin als ein getreuer Ehemann ihr und seinen Kindern beizuwohnen, auch alles vorgegangene in Vergessenheit zu stellen etc. An statt aber, dass sich meines Vaters Hertz hätte sollen erweichen lassen, karbatscht er sie Gottes-jämmerlich in dem Zimmer herum, und läst sie durch seinen Bedienten die Treppe hinunter werffen, den Leuten aber weiss machen, als ob er eine falsche Visite von einem Spitzbuben bekommen, der ihn vielleicht um eine oder andere Kostbarkeiten beschnellen wollen.

Solchergestalt kam meine Mutter in erbärmlichem Zustande zurück nach haus, und wuste sich weder zu raten noch zu helffen, indem sie sich das wichtigste Bedencken nahm, diese ganze Begebenheit vor die Obrigkeit kommen zu lassen.

Noch ehe aber hätten wir uns des himmels-Einfall versehen, als bei so gestalten Sachen unsern Vater in dieser Welt wieder mit Augen zu erblicken; Allein er kam, da wir eben damahls seiner am wenigsten gedachten, einstmahls in der Mitternachts-Stunde auf einer Post-Chaise gefahren, gab ein Zeichen mit pfeiffen von sich, und rief, dass man ihm aufmachen sollte