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und dabei ein freundliches Gespräch mit abwechselnder sanffter Taffel-Musique gehöret wurde. Folgende Tage über liessen sich die Fremden von den Unsrigen auf der Insul in allen Pflantz-Städten herum spatzieren führen, da sie denn viele Merckwürdigkeiten und Seltenheiten ungemein bewundert, endlich aber, da kapitän Horn Sen. das Commando und die Visitation auf der kleinen Insul zum ersten mahle auf eine Woche übernehmen wolte, reiseten nebst dem Regenten die meisten von den grauen Häuptern und Vorstehern auch mit, ingleichen blieben die Herrn Geistlichen nicht zurücke, ja es folgten ihnen auch eine ziemliche Anzahl Gross-Felsenburger, so dass unsere Insul in langer Zeit nicht so leer von Leuten gewesen, als damahls. Wie nun der kapitän Horn Jun. voraus gegangen, um uns zu empfangen, als wurden, so bald wir aus den Booten stiegen, 50. kanonen gelöset, nachher aber von der in Ordnung gestelleten Mannschafft eine 3. mahlige Salve gegeben.

Wir bewunderten, dass unsere Gäste binnen so wenig Tagen alles nach ihrer schönsten und besten Bequemlichkeit eingerichtet, indem sie nicht nur so viele zierliche Hütten erbauet, sondern auch auf verschiedenen grünen Plätzen, 12. bis 16. Taffeln von Bauholtz und Bretern aufgerichtet, so, dass wir sie mit gröster Lust nach ihrem Appetite daran speisen sahen. Nachdem sie sich wohl gesättiget, und auch den Wein und Brandtewein darbei, nach eines jeden Belieben, nicht vergessen, verteileten sie sich in Hauffen, und fiengen allerhand Lust-Spiele an, deren einige so possirlich heraus kamen, dass sich der Regente und die grauen Häupter, ja so gar unsere Herrn Geistlichen zuweilen fast nicht satt lachen konnten, denn die wenigsten von ihnen hatten Zeit ihres Lebens nicht gesehen, was vor aufgeräumte und lustige Leute sonderlich die Boots-Knechte sind.

Nachdem wir uns aber 3. ganzer Tage bei ihnen aufgehalten, und dabei bemerckt, wie artig und künstlich ihre Jagden und Fischereien angestellet waren, kehreten wir insgesamt wieder zurück nach Gross Felsenburg, und nahmen in den Booten, welche abermals frische Lebens-Mittel vor unsere Gäste mitgebracht hatten, eine starcke Ladung von den Waaren und Sachen, so uns kapitän Horn aus Europa mitgebracht hatte, mit uns, um selbige an Ort und Stelle zu bringen, hierbei befanden sich auch die von den Barbaren erlöseten Christen-Sclaven, deren schon gedacht worden. Weilen nun unserm Frauenzimmer die Wittbe des Englischen Schiff-Capitains vor allen andern in die Augen fiel, als reitzten sie mich an, sie zu bitten, uns ihren Lebens-Lauff zu erzählen, demnach wagte ich es, und fand die Dame dergestalt gefällig, willig und bereit dazu, als ich mir kaum eingebildet hätte: denn sie machte den Anfang ihrer Lebens-geschichte in Gegenwart unserer meisten und vornehmsten Frauens-Bilder alsobald mit diesen Worten:

Mich Unglückselige hat der Himmel zu Londen in Engeland lassen zur Welt gebohren werden, in welchem Jahre aber kan vorjetzo selbst nicht mehr sagen: denn die Ursache dessen wird sich am Ende finden, weilen mir unter andern richtigen Urkunden auch mein Geburts-Schein verlohren gegangen. Unterdessen bin ich aus einer guten adelichen Familie, Harrison benahmt, entsprungen. Mein Vater war, so viel ich von meinen Kinder-Jahren annoch dencken kan, Schloss-Haupt-Mann eines der Königlichen Schlösser, nicht allzuweit von Londen gelegen, und ich habe nachher vernommen, dass er diese Charge ganzer 10. bis 12. Jahr geführt, endlich aber dieselbe wegen einer ihm begegneten fatalen Begebenheit niedergelegt, und sich mit meiner Mutter und seinen Kindern nach Londen begeben, um daselbst noch ruhiger und vergnügter zu leben, als er seinen gedanken nach bishero gelebt hätte, weiln es ihm an Mitteln ganz und gar nicht fehlete, uns zu ernähren, indem er nicht nur vor sich ein ziemlich starckes Vermögen gehabt, sondern auch dasselbe durch die Heirat mit meiner Mutter um ein wichtiges vermehret. Uber dieses alles ist mein Vater im Actien-Handel dergestalt glücklich gewesen, dass er sich die schönsten und austräglichsten Ritter-Güter hätte kauffen können, wenn er nur gewollt hätte; Allein er mag, wie mir meine seel. Mutter zum öfftern erzählet hat, wohl mehr als einerlei, jedoch eben nicht gar allzu löbliche Ursachen gehabt haben, ein solches nicht zu tun, vielmehr hat er sich auf das verzweiffelte Spielen und Wetten gelegt, und ist dadurch dem Banquerout mehr als einmal sehr nahe gewesen, jedoch das Glück im Spielen und Wetten, hauptsächlich aber der Actien-Handel hat ihm nach und nach doch immer dergestalt wohlgewollt, und ihm das, was er vorher verlohren gehabt, gedoppelt und dreifach wieder zugeführet, so dass es noch hohe Zeit gewesen wäre, eine andere und bessere Lebens-Art anzufangen; Allein an dessen Statt fängt er an den Trunck zu lieben, und zwar den Brandtewein, auf eine gatz excessive Art, welches alles doch möchte hingegangen sein, wenn er nur dann und wann sich bereden lassen, den Rausch auszuschlaffen; jedoch dieses war sein Werck nicht, sondern, wenn er den Kopff voll gehabt, war er in die Spiel-Häuser gegangen, hatte um geringer Ursachen wegen mit diesem oder jenem Händel angefangen, da denn fast keine Woche verstrichen, dass er nicht blessirt nach haus gekommen wäre, entweder mit dem Degen, oder mit der Kugel. Wiewohl er nun auch manchen blessirt, mitin seinen Hohn einsmahls gnugsam gerochen zu haben vermeinet, so redete ihm doch meine Mutter aufs allerbeweglichste zu, vom scharffen Spielen und Wetten, hauptsächlich aber