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zugefüllet ist. Mons. van Leuven versprach zu helffen, Concordia reichte mir ein Glässlein von dem noch sehr wenigem Vorrate des Weins, nebst 2. Stücklein Hertzstärkkenden Confects, welches beides mich gar bald wiederum erquickte, so dass ich selbigen Abend noch eine starcke Mahlzeit halten, und nach verrichteten AbendGebet, mich ganz aufgeräumt neben den Lemelie schlafen legen konte.

Allein, ich habe Zeit meines Lebens keine ängstlichere Nacht als diese gehabt. Denn etwa um Mitternacht, da ich selbst nicht wuste ob ich schlieff oder wachte, erschien mir ein langer Mann, dessen weisser Bart fast biss auf die Knie reichte, mit einem langen Kleide von rauchen Tier-Häuten angetan, der auch dergleichen Mütze auf dem haupt, in der Hand aber eine grosse Lampe mit 4. Dachten hatte, dergleichen zuweilen in den schiffes-Laternen zu brennen pflegen. Dieses Schreckens-Bild trat gleich unten zu meinen Füssen, und hielt mir folgenden Sermon, von welchen ich noch biss diese Stunde, wie ich glaube, kein Wort vergessen habe: Verwegner Jüngling! was wilstu dich unterstehen diejenige wohnung zu verschütten, woran ich viele Jahre gearbeitet, ehe sie zu meiner Bequemlichkeit gut genug war. Meinestu etwa das Verhängniss habe dich von ungefähr in den Graben gestossen, und vor die Tür meiner Höle geführt? Nein keines weges! Denn weil ich mit meinen Händen 8. Personen auf dieser Insul aus christlicher Liebe begraben habe, so bistu auserkohren meinem vermoderten körper eben dergleichen liebes-Dienst zu erweisen. Schreite deswegen ohne alle Bekümmerniss gleich morgenden Tages zur Sache, und durchsuche diejenige Höle ohne Scheu, welche du gestern mit Grausen verlassen hast, woferne dir anders deine zeitliche Glückseligkeit lieb ist. Wisse auch, dass der Himmel etwas besonderes mit dir vor hat. Deine Glückseeligkeit aber wird sich nicht eher anheben, biss du zwei besondere UnglücksFälle erlitten, und diesem deinen Schlaf-Gesellen, zur bestimmten Zeit den Lohn seiner Sünden gegeben hast. Mercke wohl was ich dir gesagt habe, erfülle mein Begehren, und empfange dieses Zeichen, um zu wissen, dass du nicht geträumet hast.

Mit Endigung dieser letzten Worte drückte er mich, der ich im grössten Schweisse lag, dermassen mit einem seiner Finger oben auf meine rechte Hand, dass ich laut an zu schreien fing, wobei auch zugleich Licht und alles verschwand, so, dass ich nun weiter nichts mehr, als den ziemlich hellen Himmel durch die Laub-Hütte blicken sah.

Lemelie, der über mein Geschrei auffuhr, war übel zufrieden, dass ich ihm Unruh verursachte, da ich aber aus seinen Reden vermerckt, dass er weder etwas gesehen noch gehöret hätte, liess ich ihn bei den gedanken, dass ich einen schweren Traum gehabt, und stellte mich an, als ob ich wieder schlaffen wolte, wiewol ich nachfolgende Zeit biss an hellen Morgen ohne Ruh, mit Uberlegung dessen, was mir begegnet war, zubrachte, an meiner Hand aber einen stark mit Blut unterlauffenen Fleck sah.

So bald zu mutmassen, dass Mons. van Leuven aufgestanden, verliess ich ganz sachte meine Lagerstatt, verfügte mich zu ihm, und erzehlete, nachdem ich ihn etwas ferne von der Hütte geführt, alles aufrichtig, wie mir es in vergangener Nacht ergangen. Er umarmete mich freundlich, und sagte: Mons. Albert, ich lerne immer mehr und mehr erkennen, dass ihr zwar das Glück, selbiges aber euch noch weit mehr suchet, deswegen biete ich mich zu euren Bruder an, und hoffe ihr werdet mich nicht verschmähen, wir wollen gleich jetzt ein gut præservativ vor die bösen Dünste einnehmen, und die Höle in GOttes Nahmen durchsuchen, denn das Zeichen auf eurer Hand hat mich erstaunend und glaubend gemacht, dass der Verzug nunmehr schädlich sei. Aber Lemelie! Lemelie sagte er weiter, macht mir das Hertze schwer, so offt ich an seine übeln Gemüts-Regungen gedencke, wir haben gewiss nicht ursache uns seiner Gesellschafft zu erfreuen, GOTT steure seiner Bossheit, wir wollen ihn zwar mit zu diesem Wercke ziehen; Allein mein Bruder! verschweiget ihm ja euer nächtliches gesicht, und saget: ihr hättet einen schweren Traum gehabt, welcher euch schon wieder entfallen sei.

Dieser genommenen Abrede kamen wir in allem genau nach, beredeten Concordien, an den Fluss fischen zu gehen, eröffneten dem Lemelie von unserm Vorhaben, so viel als er wissen sollte, und gingen alle 3. gerades weges nach der unterirrdischen Höle zu, nachdem ich in eine, mit ausgelassenen SeeckalbsFett, angefüllte eiserne Pfanne, etliche angebrannte Tochte gelegt, und dieselbe an statt einer Fackel mitgenommen hatte.

Ich ging voran, Lemelie folgte mir, und Mons. van Leuven ihm nach, so bald wir demnach in die fürchterliche Höle, welche von meiner stark brennenden Lampe überall erleuchtet wurde, eingetreten waren, erschien ein starcker Vorrat allerhand Haussgeräts von Kupffer, Zinn und Eisenwerck, nebst vielen Pack-Fässern, und zusammen gebundenen Ballen, welches alles aber ich nur oben hin betrachtete, und mich rechter Hand nach einer halb offenstehenden Seiten-Tür wandte. Nachdem aber selbige völlig eröffnet hatte, und gerade vor mich hinging, tat der mir folgende Lemelie einen lauten Schrei und sanck ohnversehens in Ohnmacht nieder zur Erden. Wolte GOTT, seine lasterhaffte Seele hätte damals den schändlichen körper gänzlich verlassen! so aber riss ihn van Leuven gleich zurück an die frische Lufft, rieb ihm die Nase und das Gesicht so lange, biss er sich etwas wieder ermunterte, worauff wir ihn allda liegen liessen, und