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ohne sie zu leben. Was den Punct der Religion anbeträffe; dieser könne leicht abgehandelt und verglichen werden, indem er gesonnen, sich so viel als möglich, zum Ziele zu legen, allein seiner ihm angebohrnen Religion so gleich abzusagen, wäre voritzo sein Werck ganz und gar nicht. Was im übrigen die gnädigen Erklärungen des Herrn Gouverneurs anbelangete, so wäre zwar dieses und jenes dabei auszusetzen oder zu erinnern; indem er kein Kerl wäre, der nach hohen Ehren und Würden strebte, sondern mit seinem stand zufrieden wäre, und sich mit derjenigen Ehre begnügen liesse, welche er sich zum öfftern mit Vergiessung seines Bluts erworben; auch wäre ihm mit grossen Reichtümern und Schätzen gar im geringsten nicht gedienet, sondern bloss nur eintzig und allein mit der geliebten person, indem er Reichtümer und Kostbarkeiten satt und zur Gnüge, hoffentlich auf Lebens-Zeit hätte, da seines Bruders Freigebigkeit ihn in den Stand gesetzt, dass er zu haus ein geruhiges, honettes und stilles Leben führen könne, mitin eben nicht ferner nötig habe, sich in der Welt herum zu strapaziren.

Dieses waren nun lauter Worte, die mir dem Klange und Laute nach wohl einiger massen den Kitzel in Ohren erregen sollten, allein ich trauete dem LandFrieden so gar sehr eben nicht, weiln mir das immerwährende Gegitzschere und die beständigen Ohrenbläsereien verdächtig vorkamen, und endlich wurde ich nach einer etlich tägigen unpassionirten Aufführung durch ein Schlüsselloch gewahr, dass mein lieber Bruder in einem wohl dazu zubereiteten Zimmer bei angezündeten Wachs-Kertzen, vor einen kleinen Altar niederkniete, seiner bishero gehabten Religion in optima forma, und zwar in Gegenwart verschiedener Personen beiderlei Geschlechts abschwur, hergegen die Römisch-Catolische Religion annahm, und sich darüber einsegnen liess.

Nichts hat mich Zeit meines Lebens ärger verdrossen, als dass er diese seine Sachen so heimlich tractirt, da ich doch in keinem Stücke seinen Willen zu zwingen mir schon längstens vorgesetzt hatte, wie nun aber dieses geschehen, so konte ich leichtlich daraus schliessen, dass er alle andern Puncte müsse eingegangen sein, die ihm von dem Gouverneur und seiner Gemahlin vorgelegt worden. Jedoch, da er mir von seiner Religions-Veränderung nicht das geringste meldete, liess ich mich auch gar nichts mercken, dass ich etwas davon wüste, inzwischen aber war mir auf einmal alle Lust vergangen, länger auf dieser Insul und bei diesen gefährlichen Leuten zu bleiben, deswegen schrieb ich an meinen Lieutenant folgendes Billet:

Mon Cavalier!

Da ich bei meiner letzteren Anwesenheit alles wohl befunden, als bitte, sorge zu tragen, dass solches im behörigen stand erhalten werde, denn weilen ich des hiesigen Lebens müde, satt und überdrüssig bin, so dürffte unsere Abseegelung vielleicht viel eher erfolgen, als man vermeint gehabt. Gewisser Ursachen wegen, komme er Morgen früh, wenn die erste Canone gelöset wird, mir mit 100. Granadieren auf dem Wege nach der Burg zu entgegen, lasse sich aber gegen niemanden nichts mercken, sondern tue nur, als ob er vor sein eigen Plaisir mit denselben spazieren gehen, und dieselben exerciren wolte. Mündlich ein mehrers, ich beharre

Mon Cavalier

le votre

P.W. Horn.

Dieses Billet überschickte ich ihm also gegen Abend durch meinen getreuen Bedienten, welcher noch vor Nachts wieder zurück kam, und mir von dem Lieutenante zur Antwort brachte: wie ich vor nichts sorge tragen sollte, indem er meiner Ordre aufs allergenauste nachkommen wolte. Wir brachten hierauf fast die ganze Nacht mit Tantzen, Springen und andern Lustbarkeiten zu, so bald aber der Tag anzubrechen begunte, machte ich mich in aller Stille auf die Beine, und trat den Weg nach unsern Schiffen an, so dass, wie nachher erfahren, weder mein Bruder, noch sonsten jemand im haus meinen heimlichen Aufbruch gewahr worden.

Meinem Bruder konte derselbe um so viel desto weniger Verdacht erwecken, weilen ich mir schon voriges Tages verlauten lassen, die Schiffe selbst zu visitiren; als demnach der Lieutenant mir, abgeredter massen, mit seinen 100. Granadiers auf halben Wege begegnete, so kehrete ich in gröster Eile mit ihnen um, nach den Schiffen zu, liess mich aber weiter gegen niemanden das geringste mercken, dass ich mich heimlich von der Burg hinweg geschlichen hätte. drei Tage liess mein Bruder verstreichen, ehe er sich um mich bekümmerte, am 4ten Tage aber kam er selbst, und führte sich ungemein freundlich und höflich gegen mich auf, besahe auch das Stück Arbeit, welches ich mittlerweile zu verrichten besorgt hatte, welches ihm sehr wohl gefiel, nachher aber wolte er mich bereden, wieder mit ihm auf die Burg zu kehren, allein ich schützte eine kleine Unpässlichkeit vor, die mich abhielte, dem Hrn. Gouverneur und den Seinigen beschwerlich zu fallen, sondern ich wolte erstlich noch ein paar Tage auf den Schiffen bleiben, eine und andere Artzeneien gebrauchen, mich pflegen, und eine strengere Diæt führen, als bishero, indem ich wohl merckte, dass mir vermittelst der allzu öfftern Debauchen allerhand verdrüssliche Zufälle zugezogen, wenn ich demnach mich wieder völlig auscurirt, so würde keinen Tag verweilen, dem Herrn Gouverneur und den Seinigen meine gehorsamste Aufwartung zu machen.

Mein Bruder mochte nun hierbei dencken, was er wolte, so liess ich mir doch alles gleich viel gelten, und war vergnügt, dass nach Verlauf nach weniger Tage wir uns im vollkommenen stand befunden abzuseegeln. Binnen dieser Zeit besuchte mich mein Bruder sehr fleissig, konte aber mit allen seinen glatten Worten nicht von mir erlangen, nochmahls wieder mit ihm auf die Burg zu kehren