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Gouverneur zu reden aufgehöret hatte, sprach ich: Ich muss Ew. Excell. bekennen, dass ich Dero Reden recht mit Bestürtzung angehöret, indem ich mich selbst nicht in das grosse Glück zu finden weiss, welches meinem Bruder bevorstehet, und woran ich als sein getreuer Bruder allerdings den grössten teil mit zu nehmen Ursache habe, wo anders Ew. Excell. nicht etwa mit Dero Dienern zu schertzen belieben. Weiln aber dieser mein Bruder eine von den Haupt-Personen bei dieser geschichte ist, so werde ich mir gehorsamst ausbitten, ihm vorher einige Eröffnung von diesem seinen Glücke zu tun, da er sich denn nicht säumen wird, eine firme Erklärung von sich zu geben.

Kaum hatte ich diese Worte geendet, als noch verschiedene Personen aus dem haus auf uns zugegangen kamen, weswegen der Gouverneur, indem er mich embrassirte, nur noch so viel Zeit nehmen konte, diese wenigen Worte zu sagen: Es ist gut, mein Bruder! ich erwarte Dero beiderseitigen Versicherungen, entweder heute Abends noch in meinen Zimmer, oder, so es gefällig, morgen früh auf dieser Stelle zu vernehmen.

Demnach schieden wir auf dieses mahl von einander. Meinen Bruder traf ich auf seinem Zimmer bei einem grossen Historien-buch sitzend an, fragte ihn deswegen: Was sitzet ihr so traurig da, mein Bruder? es scheinet, ihr wollt Calender machen lernen, oder auspunctiren, ob wir auch guten Wind und Wetter auf unserer Reise haben werden. Nichts weniger als dieses, (gab er zur Antwort,) denn ich überlasse mich und mein Schicksal dem Himmel, deswegen mag Wind und Wetter immerhin so beschaffen sein, wie es will, gut oder böse, es gilt mir alles gleich viel.

Ich versetzte weiter; Es ist mir schon bekannt, mein Bruder! dass ihr von Jugend auf keinen niederträchtigen, sondern heroischen Sinn gehabt habt; allein nunmehr möchte ich eurem Nativität-Steller fast den grössten Beifall geben, da er sagte: Dass es nur an euch läge (und zwar an eurem Eigensinne,) eine der vornehmsten und glücklichsten Manns-Personen auf der Welt, und zwar durch Heiraten zu werden.

Hierüber fing mein Bruder überlaut an zu lachen, und sagte: Ich hoffe nicht, mein Bruder! dass heute der 1. April oder ein dergleichen fest-Tag ist, jedoch ihr wisset, dass ich gern mit mir schertzen lasse, deswegen so saget mir doch in aller brüderlichen Aufrichtigkeit, wo ich anders dieselbe durch meine gottlose und unbillige Aufführung und Gewissen-loses Verfahren gegen euch nicht gänzlich verschertzt habe, ohne Zeit-Verlust, was vor ein Geist euch heute zu mir führet, und euch begeistert hat, dergleichen Redens-Arten gegen mich zu führen?

Ehe wir aber weiter reden, (sprach er ferner) will mir erstlich eine Bouteillle Canari-Sect langen lassen, damit ich euch desto besser vernehmen kan, denn ich kan nicht läugnen, dass mich ungemein dürstet. So bald die Bouteillle angekommen war und wir ein paar Becher daraus getruncken, eröffnete ich ihm das geheimnis, welches mir der Gouverneur anvertraut hatte, auf Treu und Glauben, liess auch vorerst lieber davon etwas aussen, als dass ich etwas hinzugesetzt hätte. Ihm kamen dennoch alle diese Dinge nicht anders, als gewisse Dörffer vor, so, dass ich ihm nichts verüblen könnte, wenn er etwa bei diesem und jenem einigen Zweiffel hegte.

Endlich aber machte er mir, so zu sagen, eine und andere Difficultäten, bei diesem oder jenem Puncte, sonderlich in puncto Religionis, indem er, wie er dasmahl sagte, um eines Weibes, ja, um aller Welt Güter willen sich nicht überwinden könnte, seine Religion, darinnen er von Jugend auf gelebt, zu verläugnen. Ich bat ihn, in diesem Stücke piano zu gehen, und erstlich abzuwarten, was der Gouverneur dessfalls mit ihm handeln würde, mitlerweile aber auch ja das Kind mit dem Bade nicht auszuschütten, sich wohl in Acht zu nehmen wissen würde, damit uns allen die ganze Historie keinen Verdruss oder Unfug zu Wege brächte.

Da nun uns beiden Brüder der Gouverneur auf Morgen früh in den Garten hinunter zu sich einladen liess, und zwar ohne andere Gesellschafft, weiln nur er und seine Gemahlin benebst der ältesten Tochter ganz allein beisammen sein würden; als verabsäumeten wir nicht, bei diesen hohen Personen zu erscheinen, welche wir bei einer Tasse Caffée antraffen, und aufs liebreichste genötiget wurden, bei ihnen Platz zu nehmen. Es gab einen kleinen Spas, denn der Gouverneur, welcher achtung darauf gegeben, dass mein Bruder der fräulein keinen Kuss gegeben, sagte mit hellen lachen: Wie nun, Kinder! wollet ihr nun erstlich anfangen gegen einander blöde oder schamhafftig zu tun?

Nichtsweniger, als dieses, mein allerwertester Herr Vater! gab das fräulein hierauf zur Antwort; sondern der Fehler liegt an mir, weil ich hätte eher aufstehen sollen, als der angekommene Gast. Wie nun dieses, welches sie mit einer besonderen artigen Mine und Stellung vorbrachte, bei uns allen ohne lachen nicht abging, so liess endlich der Gouverneur mich und meinen Bruder auf die Seite ruffen, und wiederholte seinen gestrigen Vortrag nochmahls. Meines Bruders Erklärung war also diese: wie er nicht läugnen könnte, dass gegenwärtige seine Geliebte, sein Hertz und Seele dergestalt eingenommen und gefesselt hätte, dass er ohne sie sich nicht ferner lange mehr zu leben getrauete; ja er wolle eher in das tieffste Meer springen, als die Hertzens-Quaal erdulten,