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ich, dass ein paar Insulanis. Officiers von nicht geringem stand und Würden, sich über ihn höhnisch aufhielten, weswegen ich meinen Bruder bei Seite zohe, ihm seine verliebte Torheit vorrückte, und freundlich ermahnete, sich klüger und gescheuter aufzuführen, damit ich und alle die Unsrigen nicht etwa mit der Zeit Ursache hätten, ihm unsere Verunglückung eintzig und allein zu zuschreiben.

Meines Bruders Antwort war diese: Bruder! ihr redet vor dieses mahl, wie ein Kind, da ihr doch euch dessen schämen soltet, weilen ihr viel älter seid, als ich, allein tut mir den Gefallen, und kommet früh Morgens um die Zeit des Aufgangs der Sonnen zu mir hinunter in eine, euch selber beliebige Sommer-Läube des grössten Lust-Gartens, vielleicht bringt ihr in der freien Lufft vernünfftigere Dinge vor, als voritzo.

Wir sahen einander diesen Abend ferner und weiter nicht an, als über die Achseln, und folgenden Morgens begab ich mich abgeredter massen hinunter in die eine Sommer-Läube, in völliger Kleidung mit Stock und Degen, traf auch meinen Bruder und zwar ebenfalls in Stock und Degen darinnen an. Zuerst hielt ich ihm eine ganz sanfftmütige Gesetz-Predigt, nachher aber wurde unser Wortwechsel etwas hitziger und hefftiger, und zwar dergestalt, dass meinem Bruder die Galle auf einmal überlief, weil ich ihm, seiner Meinung nach, etwas gar zu empfindliche Stichel-Reden gegeben haben sollte; und eben dieserwegen sprang er zur Lauber-Hütte hinaus, entblössete seinen Degen, und brachte mir, der ich ihm ebenfalls mit entblösseten Degen entgegen ging, einen Affections-Stich durch den rechten Arm über dem Ellbogen bei, welcher jedoch nicht viel zu bedeuten hatte; Er aber, mein Bruder, so bald er mein Blut lauffen sah, fassete seinen Degen bei der Spitze, und præsentirte mir diesen seinen Degen mit den Worten: Hier, mein allerliebster Bruder! entlediget euch mit diesem meinen eigenem Seiten-Gewehr eines unartigen Menschen, der nicht würdig ist, euer Bruder genennet zu werden. Allein ich nahm den Degen von ihm, und warf denselben in die Erde, meinen Bruder aber umarmete ich mit Tränen unter diesen Worten: Nein, mein Bruder! GOtt lasse ferne von uns sein, dass einer von uns ein Cain werde. Wir hielten also unter Vergiessung heisser Tränen einander eine lange Zeit umarmet, bis wir endlich befürchteten, dass jemand dazu komen möchte; Er, mein Bruder aber verband mir, so bald wir auf unser Zimmer kamen, meine Wunde selbst, und wir schätzten es noch vor ein Glücke, dass niemand dazu gekommen war, und uns gesehen hatte. Wir hielten auf dem Zimmer, weil wir von niemanden verstöhret wurden, noch ein langes und breites Gespräch von dieser blutigen Begebenheit, und endlich liess sich mein Bruder vor mich auf die Knie nieder, und bat mich, ihm seinen selbst also genannten Fehler und Unbesonnenheit zu vergeben, und zwar unter Vergiessung häuffiger Tränen, ja er sagte: wie dass er sich Zeit Lebens nicht zu frieden geben könnte, wenn ich ihm nicht einen teuren Eid schwüre, nimmermehr wieder daran zu gedencken, welchen Eid ich ihm denn auch so gleich auf der Stelle leistete, kräfftig tröstete, und damit völlig wieder vergnügte, worauf er eine ganz andere Lebens-Art zu führen versprach, und vor allen Dingen meinen getreuen brüderlichen Vermahnungen in allem Folge zu leisten, sich verbindlich machte.

Ich war erfreut über meines Bruders Bekehrung und Busse, jedoch flössete ich ihm die Lehren ein: dass er sich ja nicht eben sauertöpfisch oder sonsten mürrisch anstellen möchte, sondern immerhin lustig und guter Dinge sein könnte, absonderlich des Frauenzimmers wegen, damit dieselben seine so jählinge Veränderung nicht merckten, und diesen oder jenen Verdacht auf uns legten.

Er versprach mir in allen Stücken zu folgen, und zwar mit einem teuren Eide, hielt auch sein Wort redlich, und brach sonderlich von dem allzu öfftern herzen und Küssen ziemlich ab, weilen er vermerckte, dass ich dergleichen nicht gern leiden mochte.

Jedoch einige Tage nach dieser Begebenheit bat mich der Gouverneur, mit ihm in einen Garten zu spazieren. Indem nun nicht vermeinete, er würde von etwas anders zu sprechen anfangen, als von unserer baldigen Abreise, weiln so wohl ich, als mein Bruder, uns verlauten lassen, dass wir dieselbe nicht lange mehr aufzuschieben gesonnen wären; so muste ich mit Erstaunen hören, dass der Gouverneur, nachdem er mich in eine Grotte geführt, auch neben sich nieder zu setzen gebeten, gegen mich ganz unverhofft also zu reden anfieng: Höret mir zu, mein Herr, Freund und Bruder! Ich, als ein Mann, der nichts als Aufrichtigkeit, Treue und Redlichkeit liebt, will euch ein geheimnis eröffnen, wovon niemand ausser meiner Frauen, bis auf diese Stunde das geringste weiss. So wohl ich, als meine Frau haben bemerckt, dass euer Herr Bruder und meine älteste Tochter von der Zeit an, da ihr bei uns angekommen, Wechselsweise ihre Augen auf einander geworffen; ja! ich muss mich schämen, zu sagen, dass meine älteste Tochter recht hefftig am so genannten liebes-Fieber laborirt, und dabei nicht geringe Passiones ausstehet. Ich habe zwar gedacht, diesem Ubel abzuhelffen, und sie an einen Standesmässigen Liebsten zu verheiraten, allein sie ist seit der Zeit, dass sie mannbar, auch dergestalt eigensinnig worden, dass sie (ohne eitlen Ruhm zu melden) mehr als 16. bis 18. Freiern den Korb gegeben, ungeachtet