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Zeit des Dableibens verflossen, Sr. Excell. die Gnade haben möchten, es dahin zu verfügen, dass wir beiden Brüder nur auf einem Jagd-Schiffgen nach St. Jago gebracht werden möchten, weiln wir uns nicht getraueten, länger von unsern Schiffen abwesend zu bleiben, sondern nunmehr in beständigen Aengsten und Sorgen schweben müsten, weilen bekannter massen unsere Subalternen das See-Hand-Werck noch nicht gar zu vollkommen verstünden, uns aber an einer tüchtigen Reparatur unserer Schiffe das allermeiste gelegen wäre etc. Es ist gut, meine Brüder! (sagte hierauf der Gouverneur) dass ihr mich erinnert, wir wollen insgesamt von hinnen seegeln, damit wir bei zeiten zu haus kommen, denn ich kan wohl sagen, dass mir kein Bissen besser schmeckt, als in meiner Burg.

Demnach besuchte der Gouverneur nur noch 5. oder 6. kleine Insuln, welches binnen wenig Tagen geschehen war, worauf wir insgesamt den Rückweg nach St. Jago nahmen, und weiln wir die Zurückkunfft durch ein Post-Schiff melden lassen, so hatten des Gouverneurs Leute kaum unsere Flaggen auf den Schiffen wehen sehen, als so gleich ein grausames Donnern der Constabler auf der Citadelle, und auch zu gleicher Zeit von unsern Schiffen gehöret wurde, weswegen wir uns nicht lange mit Rudern verweilten, sondern machten, dass wir den letzten Abend des abgelauffenen Monats bei guter Zeit glücklich und gesund auf St. Jago anlangeten.

Von den vielen Complimenten, welche auf beiden Seiten, zwischen den Einheimischen und Verreiset-gewesenen, gewechselt wurden, will ich gar nichts gedencken, sondern nur so viel sagen: dass die wertesten Zurückgebliebenen, so zu sagen, ganz ausser sich selbst waren, da sie uns alle, besonders aber ihren teuresten und wertesten Herrn Vater, glücklich und gesund wieder zurück kommen sahen, und ihn mit Vergnügen umarmen konnten.

Unserer beiden Brüder erste sorge war: die Schiffe in Augenschein zu nehmen, und zu erfahren, ob unsere Leute auch ihren besten Fleiss angewendet, dass wir uns zum baldigen Abseegeln Hoffnung machen könnten. weswegen wir uns denn bei dem Gouverneur und seiner Familie auf einige Tage beurlaubten; nach Verlauff derselben aber, da wir auf unsern Schiffen alles nach unserm Wunsche und Willen verfertiget und zugerichtet antraffen, so, dass wir uns in vollkommenem Seegelfertigen stand befanden, mitin nur bloss auf günstigen Wind warteten, unsere Abfahrt zu beschleunigen; als kehreten wir erstlich nochmahls zurück auf die Burg, und liessen es uns die noch übrigen Tage der angelobten Zeit unsers Dableibens im täglichen Wohlleben dergestalt gefallen, wie es der Gouverneur und die Seinigen gern sehen und haben wolten.

Ich habe, wo mir recht ist, schon gestern einen kleinen Anfang gemacht, von der liebes-Begebenheit zwischen meinem Bruder und des Gouverneurs ältesten Tochter etwas zu erwehnen; deswegen will voritzo darinnen fortfahren, weilen es ohnedem eine Begebenheit, welche guten Teils mit zu unserer Hauptistorie gehöret.

Es hatte demnach, binnen der Zeit, die wir mit Visitation der umliegenden Insuln zubrachten, mein Bruder vollends gelegenheit gefunden, sich in dem herzen dieses Frauenzimmers vollkommen feste zu setzen, ohne weiter hinaus zu dencken, wie dieses Gewerbe etwa ablauffen könnte oder würde. Wie denn, meines Erachtens, die Verliebten zwar 9. mahl klug zu nennen, aber doch im Gegenteil offt 10. ja mehr mahl toll, oder wenigstens einfältig in ihren Actionen befunden werden.

Mein Bruder war seit dem, dass wir auf den kleinen Insuln herum geschwärmet oder geschmauset hatten, ganz dräuste mit seiner Amasia worden, da doch solches bei damahligen Umständen, um so viel mehr hätte unterdruckt werden sollen, wenn man anders die Klugheit beobachten wollen.

Wie nun dieses Frauenzimmer ihn vor allen andern Manns-Personen distinguirte, so fiel ihre LiebesKranckheit allen Leuten auf einmal in die Augen, ja, mein Bruder und diese seine Erwählte trieben es so toll mit herzen, Küssen und andern Liebkosungen, dass es auch so gar den Eltern gefährlich vorzukommen schiene, ihnen beiden fernerhin zu trauen. Meinen Credit hatten sie alle beide gleich bei Anfang ihres Commercii, so bald ich nämlich dessen innen geworden, vollkommen verlohren. Ich stellte meinem Bruder zuweilen, wenn wir uns in der Einsamkeit, ohne andere Gesellschafft befanden, Himmel und Hölle vor, um ihn von der mir und ihm höchst fatalen Liebe abzugewöhnen, allein, ich predigte tauben Ohren, denn er antwortete mir zum öfftern kaum darauf, und wenn er ja allenfalls zum stand zu bringen war, mit hochtrabenden und törichten, zum öfftern auch lächerlichen Redens-Arten und Minen, welche mich zu vielen mahlen nicht wenig verdrossen; allein ich hielt ihm, als einem verliebten Hasen, oder wohl gar etwas mehr, sehr viel zu gute, bewunderte aber anbei nichts, als dieses, dass der Gouverneur so wohl, als seine Gemahlin, das herzen, Lecken und Küssen dieser zweien Verliebten, es mochte auch bei was vor gelegenheit sein, als es nur immer wolte, noch immer so mit gelassenen Augen ansahen, und nicht eine eintzige scheele Mine dazu machten. Hergegen machten mein Bruder und ich einander immer desto scheelere Minen, welches den andern Anwesenden zwar bedencklich vorkam, jedoch es muste unter dem Vorwande durchgehen, dass wir eine und andere Streitund Zwistigkeiten gehabt, und dieselben noch nicht völlig beigelegt hätten.

Allein es war die ganze Sache in Wahrheit kein Schertz oder Spas zwischen uns Brüdern, denn eines Abends, als sich mein Bruder, meinen gedanken nach, etwas allzu frei gegen seine Amasiam beim Tantze aufgeführet hatte, bemerckte