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eurer Bequemlichkeit gereicht, denn wahrhafftig, ich liebe euch als Brüder, meine Gemahlin macht in der Liebe zu ihren Kindern und gegen euch nicht den allergeringsten Unterscheid, und meine Kinder erzeigen sich nicht anders, als ob ihr ihre allernächsten Anverwandten wäret. Woher aber eine solche Liebe entstanden, solches ist eine ganz andere Frage, welche ich jedoch nicht anders beantworten kan, als wie ich vollkommen der Meinung bin, dass dieselbe ganz heimlich in der natur steckt, und von uns Menschen nicht gnugsam erforschet werden kan. Mit einem Worte, ich halte dergleichen Liebe vor eine vollkommene Sympatie oder Ubereinstimmung der herzen und Gemüter, es mögen aber die Herren Philosophi nach ihrem besten Vermögen untersuchen, wie es damit zugehet? wo es steckt? wenn sichs anfänget? wenn es aufhöret? und dergleichen, kurz: ich sage nur dieses, dass ich in dieser Sache keinen Grund finden kan. Ihr habt gesehen, meine Brüder! dass ich und die Meinigen den beiden Portugiesischen Capitains nach unserm besten Vermögen alle mögliche gefälligkeit und Höflichkeit geniessen lassen, weiln ich ihnen nachrühmen muss, dass sie artige Leute, und dazu unserer Römisch-Catolischen-Religion zugetan waren, da hingegen ihr, wie ich von euch vernommen habe, Protestanten seind.

Unterdessen wolte wünschen, dass die lieben Portugiesen noch bei uns geblieben wären, bis auf eine andere Zeit, doch, da sie einmal fort sind, so wünsche ihnen GOttes Geleite, und bin nur von grund meiner Seelen erfreuet, dass ich euch, meine Lieben noch eine Zeitlang bei uns sehen soll. Nun aber sagt mir, meine Herren! wie es zugehet, dass die Liebe von unsern Seiten nicht auf unsere Glaubens-Genossen, sondern auf die Protestanten gefallen? Es sollten sich zwar wohl bei unserer Religion einige finden, welche dessfalls bei diesem oder jenem einen Gewissens-Scrupel erregen, oder erzwingen möchten; Allein bei mir und den Meinigen werden sie ihren Zweck nicht erreichen, denn unser Wahlspruch ist dieser: Wir lieben die Tugend, und lassen jedennoch die Religion in ihren gebührlichen hohen Würden. Nachdem wir noch eine gute Zeitlang von dieser Materie pro und contra disputirt hatten, bezogen mein Bruder und ich unsere angewiesenen Zimmer, und lebten darauf dergestallt ruhig und vergnügt mit dem wohltätigen Gouverneur und den Seinigen, dass ich, ausgenommen, was Felsenburg anbelanget, nicht leicht an einem Orte mehr Vergnügen auf dieser Welt gehabt.

So bald der Gouverneur und die Seinigen das Wort von uns beiden heraus gelockt, ja, so zu sagen, erzwungen hatten, wie wir wenigstens noch 2. Monate bei ihnen bleiben wolten; war das ganze Haus voller Freuden, damit wir aber eine Haupt-Veränderung unserer Gemüter empfinden möchten, stellte der Gouverneur eine general-Visitation der unter seinem Commando stehenden Insuln an, und lude uns dazu ein. Es wurden auch so gleich Anstalten zur Abfahrt gemacht, indem er gesonnen, seine ganze Familie mit sich zu führen, bis auf den ältesten Sohn und jüngste Töchter, als welche beide gute Wirtschafft führen sollten. Wir beiden Brüder konnten ohne besondere Sorgen die Reise mit antreten, weiln wir versichert waren, dass wir getreue Subalternen und UnterOfficiers so wohl, als auch Volontairs und Gemeine hatten; Lauter Leute, die nicht zu verbessern waren.

Wie demnach die aufs kostbarste und zierlichste ausgerüstete ungemein bequemliche Fregatte, welche von einem krieges-Schiffe begleitet wurde, im Hafen der Insul St. Jago anlangete, setzten wir uns in dieselbe, und fuhren mit des Gouverneurs Suite unter einer starcken Bedeckung und unter Lösung der kanonen von dannen, wobei zu mercken, dass uns der Gouverneur erlaubte, 12. Mann Granadiers von unsern Leuten, wie auch ausser diesen, dass er allen unsern Volontairs die Freiheit gab, in der Suite uns zur besonderen Bedeckung mit zu reisen. Wir fuhren also zuerst auf die Insuln St. Luciæ und Nicolai, als in welchen beiden der Gouverneur unvergleichliche Fortifications und Schlösser zu seiner Bequemlichkeit anlegen lassen, weil sie die grössten waren unter denen noch übrigen etwas kleinern Insuln, welche doch aber alle sehr fruchtbar, und der Gouverneur auch in der aller kleinesten Insul ein Abtrits-Haus oder Pallais vor sich hatte.

Wir bewunderten, indem er auf einer jeden Insul Gerichte hielt, (da denn die Untertanen vor seinem Richter-stuhl erscheinen mussten) dessen ganz besondere Conduite und Liebe zur Gerechtigkeit, wovon ich unzählige merckwürdige Exempel vorbringen wolte, wenn es vor jetzt Zeit darvon wäre. Uns zu Gefallen liess er hie und da bald auf dieser, bald auf jener Insul ein Corps seiner Trouppen entweder von regulirten, oder von Land-Militz zusammen ziehen, welche er selbst aufs schärffste musterte und exerciren liess, wobei ich gestehen muss, dass derselbe Mann rechte brave Soldaten unter sich hatte.

Von allerhand sonderbaren und wunderbaren Geschichten, welche wir auf dieser oder jener Insul erfahren, will ich vor dissmahl, beliebter Kürtze wegen, so wenig erwehnen, als von der natur, Art und Weise dieser grünen Insulaner, viel weniger von dem Ceremoniel und anderer Lebens-Art, auch Freudens-Bezeugungen, bei Anwesenheit ihres Gouverneurs, und was sie ihm vor Geschencke zu bringen pflegen. Hergegen kan ich nicht anders sagen, als dass wir auf diesen Insuln wegen der vielfältigen Veränderungen ungemeines Vergnügen fanden, endlich aber, da wir schon fast einen ganzen monat von St. Jago, als der Residenz des Gouverneurs, hinweg gewesen, gaben wir demselben zu vernehmen, was massen, da nun fast ein monat von unserer angelobten