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eure Bequemlichkeit alleine darinnen, Mons. Albert wird euch so wenig als ich darinnen zu stöhren willens sein, hergegen sich, nebst mir, eine andere gute Schlaf-Stelle suchen. Wie sehr sich nun auch Mons. van Leuven und seine Gemahlin darwider zu setzen schienen, so mussten sie doch endlich uns nachgeben und bewilligen, dass dieses artige Quartier des Nachts vor sie allein, am Tage aber, zu unser aller Bequemlichkeit dienen sollte.

Also liessen wir die beiden alleine, und baueten, etwa 30. Schritte von dieser, in der Geschwindigkeit eine andere ziemlich bequeme Schlaf-Hütte vor Lemelie und mich, brachten aber selbige in folgenden Tagen erstlich recht zum stand. Von nun an waren wir eifrigst bemühet, unsere nötigsten Sachen von der Sand-Banck über das Felsen-Gebürge herüber auf die Insul zu schaffen, doch diese Arbeit kostete manchen Schweiss-Tropffen, indem wir erstlich viele Stuffen einarbeiten mussten, um, mit der tragenden Last recht fussen und fortkommen zu können. Da aber dergleichen Vornehmen wenig förderte, und die Felsen, in einem Tage, nicht wohl mehr als 2. mal zu besteigen waren, fiel uns eine etwas leichtere Art ein, wobei zugleich auch ein weit mehreres hinauff gebracht werden konte. Denn wir machten die annoch beibehaltenen Tauen und Stricke von dem schiffes-Stücke vollends loss, bunden die Sachen in mässige Packe, legten von einem Absatze zum andern Stangen an, und zohen also die Ballen mit leichter Mühe hinauf, wobei Lemelie seinen Fleiss ganz besonders zeigte. Mittlerweile war Concordia ganz allein auf der Insul, übte sich fleissig im Schiessen, denn wir hatten eine gute quantität unverdorbenes Pulver im Vorrat, fing anbei so viel Fische als wir essen konnten, und liess uns also an gekochten und gebratenen speisen niemals Mangel leiden, obschon unser Zwieback gänzlich verzehret war, welchen Mangel wir aber mit der Zeit schon zu ersetzen verhofften, weil wir die wenigen Waitzen und andern Geträyde-Aehren, wohl umzäunt, und vor dem Wilde verwahrt hatten, deren Körner im Fall der Not zu Saamen aufzuheben, und selbige zu vervielfältigen, unser hauptsächliches Absehen war.

Der erste Sonntag, den wir, laut Anzeigung der bei uns führenden Calender, auf dieser Insul erlebten, war uns ein höchst angenehmer erfreulicher Ruhe-Tag, an welchen wir alle gewöhnliche Wochen-Arbeit liegen liessen, und den ganzen Tag mit beten, singen und Bibel-lesen zubrachten, denn Concordia hatte eine Englische, und ich eine Hochteutsche Bibel, nebst einem Gesang und Gebet-buch, mit gerettet, welches beides ich auch noch biss auf diesen Tag, GOTT lob, als ein besonderes Heiligtum aufbehalten habe. Die Englischen Bücher aber sollen euch ehester Tages in Roberts-Raum gezeiget werden.

Immittelst ist es etwas nachdenckliches, dass dazumal auf dieser Insul unter uns 4. Personen, die 3. Haupt-Secten des christlichen Glaubens anzutreffen waren, weil Mons. van Leuven, und seine Frau der Reformirten, ich Albert Julius, als ein gebohrner Sachse, der damals so genannten Luterischen, und Lemelie, als ein Frantzose, der Römischen Religion des Pabsts beipflichteten. Die beiden Ehe-Leute und ich konnten uns im beten und singen ganz schön vereinigen, indem sie beide ziemlich gut teutsch verstunden und redeten; Lemelie aber, der doch fast alle Sprachen, ausser den Gelehrten Haupt-Sprachen, verstehen und ziemlich wohl reden konte, hielt seinen Gottesdienst von uns abgesondert, in selbst erwehlter Einsamkeit, worin derselbe bestanden, weiss ich nicht, denn so lange wir mit ihm umgegangen, hat er wenig Gottgefälliges an sich mercken lassen.

Am gedachten Sonntage gegen Abend ging ich unten an der Seite des Hügels nach dem grossen See zu, etwas lustwandeln herum, schurrte von ungefähr auf dem glatten Grase, und fiel in einen mit dünnen Sträuchern verdeckten Graben über 4. Ellen tieff hinunter, worüber ich anfänglich hefftig erschrack, und in einem Abgrund zu sein glaubte, doch da ich mich wieder besonnen, und nicht den geringsten Schaden an meinem leib vermerckt, rafften sich meine zittrenden Glieder eilig auf. Im Umkehren aber wurden meine Augen einer finstern Höle gewahr, welche mit allem Fleisse in den Hügel hinein gearbeitet zu sein schiene.

Ich ging biss zum Eintritt derselben getrost hin, da aber nichts als eine dicke Finsterniss zu sehen war, über dieses eine übelriechende Dunst mir einen besonderen Eckel verursachte, fing meine Haut an zu schauern, und die Haare begonten Berg auf zu stehen, weswegen ich eiligst umwandte, und mit fliegenden Schritten den Rückweg suchte, auch gar bald wiederum bei Mons. van Leuven und Concordien ankam. Beide hatten sogleich meine blasse Farbe und hefftige Veränderung angemerckt, weswegen ich auf ihr Befragen alles erzehlte, was mir begegnet war. Doch Mons. van Leuven sagte: Mein Freund, ihr seid zuweilen ein wenig allzu neugierig, wir haben nunmehr, GOtt sei Lob, genug gefunden, unser Leben so lange zu erhalten, biss uns der Himmel gelegenheit zuschickt an unsern erwehlten Ort zu kommen, deswegen lasset das unnütze Forschen unterwegen, denn wer weiss ob sich nicht in dieser Höle die gifftigen Tiere aufhalten, welche euch augenblicklich ums Leben bringen könnten. Ihr habt recht, mein Herr gab ich zur Antwort, doch dieses mal ist mein Vorwitz nicht so viel schuld, als das unverhoffte Hinunterfallen, damit auch dergleichen hinführo niemanden mehr begegnen möge, will ich die Sträucher rund herum abhauen, und alltäglich eine gute Menge Erde abarbeiten, biss diese eckle Grufft vollkommen