will hiervon nicht schreiben, weil mir im schreiben die hände erstarren wollen. Lasset euch innliegenden Wechsel-Brief â 2000. Frfl. in Leipzig von Hrn. H. gleich nach Empfang dieses bezahlen Eure Schwester habe mit eben so viel, und ihren besten Sachen, nach Stockholm zu ihrer Baase geschickt, ich aber gehe mit einem wenigen von hier ab, um in Ost- oder West Indien, entweder mein verlohrnes Glück, oder den tot zu finden. In Hamburg bei Hrn W. habt ihr vielleicht mit der Zeit und bedauert das unglückliche Verhängnis eures treugesinnten Vaters, dessen Redlichkeit aber allzustarcker hazard und Leichtglaubigkeit ihm und seinen frommen Kindern dieses malheur zugezogen. Doch in hoffnung, GOTT werde sich eurer und meiner nicht gänzlich entziehen, verharre D.d. 5. Apr. 1725.
Euer
biss ins Grab getreuer Vater
Frantz Martin Julius.
Ich fiel nach Lesung dieses Briefes, als ein vom Blitz gerührter, rückwarts auf mein Bette, und habe länger als 2. Stunden ohne Empfindung gelegen. Selbigen ganzen Tag, und die darauf folgende Nacht, wurde in gröster desperation zugebracht, ohne das geringste von Speise oder Geträncke zu mir zu nehmen, da aber der Tag anbrach, beruhigte sich das ungestüme Meer meiner gedanken einigermassen. Ich betete mein Morgen-Gebet mit hertzlicher Andacht, sung nach einem Morgen-lied auch dieses: GOTT der wirds wohl machen etc. schlug hernach die Bibel auf, in welcher mir so gleich der 127. Psalm Davids in die Augen fiel, welcher mich ungemein rührete. Nachdem ich nun meine andächtigen, ungeheuchelten Penseen darüber gehabt, schlug ich die Bibel nochmals auf, des HERRN macht reich ohne Mühe etc.
Hierbei traten mir die Tränen in die Augen, mein Mund aber brach in folgende Worte aus: Mein GOTT, ich verlange ja eben nicht reich an zeitlichen Gütern zu sein, ich gräme mich auch nicht mehr um die verlohrnen, setze mich aber, wo es dir gefällig ist, nur in einen solchen Stand, worin ich deine Ehre befördern, meinen nächsten nützen, mein Gewissen rein erhalten, reputirlich leben, und seelig sterben kan.
Gleich denselben Augenblick kam mir in die gedanken umzusatteln, und an statt der Jurisprudentz die Teologie zu erwehlen, weswegen ich meine Gelder eincassiren, zwei teile davon auf Zinsen legen, und mich mit dem übrigen auf die Wittenbergische Universität begeben wolte. Allein der plötzliche Uberfall eines hitzigen Fiebers, verhinderte mein eilfertiges Vornehmen, denn da ich kaum Zeit gehabt, meinen Wechsel bei Hrn. H. in Empfang zu nehmen, und meine Sachen etwas in Ordnung zu bringen, so sah mich gezwungen das Bette zu suchen, und einen berühmten Medicum wie auch eine Wart-Frau holen zu lassen. Meine Lands-Leute so etwas im Vermögen hatten, bekümmerten sich, nachdem sie den Zufall meines Vaters vernommen, nicht das geringste um mich, ein armer ehrlicher Studiosus aber, so ebenfalls mein Lands-Mann war, blieb fast Tag und Nacht bei mir, und muss ich ihm zum Ruhme nachsagen, dass ich, in seinen mir damahls geleisteten Diensten mehr Liebe und Treue, als Interesse gespüret. Mein Wunsch ist: ihn dermahleins auszuforschen, und gelegenheit zu finden, meine Erkänntlichkeit zu zeigen.
Meine Kranckheit daurete inzwischen zu damahligen grossen Verdrusse, und doch noch grösseren Glückke, biss in die dritte Woche, worauf ich die freie Lufft wiederum zu vertragen gewohnete, und deswegen mit meinem redlichen Lands-mann täglich ein paar mahl in das angenehme Rosental, doch aber bald wieder nach haus spatzirete, anbei im Essen und Trincken solche Ordnung hielt, als zu völliger wieder herstellung meiner Gesundheit, vor ratsam hielt. Deñ ich war nicht gesiñet als ein halber oder ganzer Patient nach Wittenberg zu komen.
Der Himmel aber hatte beschlossen: dass so wohl aus meinen geistl. studiren, als aus der nach Wittenberg vorgenommenen Reise nichts werden sollte. Denn als ich etliche Tage nach meinen gehaltenen KirchGange und erster Ausflucht mein Morgen-Gebet annoch verrichtete; klopffte der Brieff-Träger von der Post an meine Tür, und nach Eröffnung derselben, wurde mir von ihm ein Brieff eingehändiget, welchen ich mit zitterenden Händen erbrach, und also gesetzt befand:
D.d. 21. May 1725.
Monsieur,
Ihnen werden diese Zeilen, so von einer ihrer Familie ganz unbekannten Hand geschrieben sind, unfehlbar viele Verwunderung verursachen. Allein als ein Studirender, werden sie vielleicht besser, als andere Ungelehrte, zu begreiffen wissen, wie unbegreifflich zuweilen der Himmel das Schicksal der sterblichen Menschen disponiret. Ich Endes unterschriebener, bin zwar ein Teutscher von Geburt, stehe aber vor jetzt als schiffes-kapitän in Holländischen Diensten, und bin vor wenig Tagen allhier in ihrer Geburts-Stadt angelanget, in Meinung, dero Herrn Vater anzutreffen, dem ich eine der allerprofitablesten Zeitungen von der Welt persönlich überbringen wolte; Allein ich habe zu meinem allergrösten Miss-Vergnügen nicht allein sein gehabtes Unglück, sondern über dieses noch vernehmen müssen: dass er allbereit vor MonatsFrist zu Schiffe nach West-Indien gegangen. Diesem aber ungeachtet, verbindet mich ein geleisteter cörperlicher Eid: Ihnen, Mons. Eberhard Julius, als dessen eintzigen Sohne, ein solches geheimnis anzuvertrauen, krafft dessen sie nicht allein ihres Herrn Vaters erlittenen Schaden mehr als gedoppelt ersetzen, und vielleicht sich und ihre Nachkommen, biss auf späte Jahre hinaus, glücklich machen können.
Ich versichere noch einmal, Monsieur, dass ich mir ihre allerlei gedanken bei dieser Affaire mehr als zu