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, und sagte mit lauter stimme: "Alle meine Lieben! ich bin ein Mann von 64. Jahren, und habe bekannter massen, wo nicht die ganze, jedoch bei nahe die halbe Welt durchreiset, sonderlich hat es mir in denen Europæischen Königreichen und Ländern über alle massen wohl gefallen, und ich kan nicht läugnen, dass ich daselbst zum öfftern vor weniges Geld zuweilen viel Vergnügen gefunden, sonderlich in Deutschland; Allein, wenn ich sagen sollte, dass ich Zeit meines Lebens einen vergnügtern Tag und eine vergnügtere Nacht gehabt, als die ich nunmehr seit fast 24. Stunden zurück gelegt habe, so müste ich es lügen, und ich mercke an euch allen, dass ihr vergnügt seid, sonderlich, da uns die Herren Deutschen und Portugiesen fast Fürstlich tractiret, und mit einem so kostbaren Feuerwercke beehret haben. Ich vor meine person will vorjetzo nichts mehr, als grossen Danck sagen, und in Erwartung, dass sie längstens Morgen Nachmittags in meinem haus erscheinen werden, mich gegen ihre Höflichkeit aufs möglichste zu revangiren suchen."

Hierauf, da der Gouverneur noch sagte, dass er Müdigkeit halber nicht länger bei uns bleiben könnte, nahmen wir mit vielen herzen und Küssen den liebreichsten Abschied von einander, unsere Gäste setzten sich auf ihre Wagens und Pferde, und reiseten, nachdem eine Salve aus 50. kanonen von unsern Schiffen gegeben, nach der Citadelle zu. ungeachtet nun der Gouverneur seine gewöhnliche Escorte bei sich hatte, so taten wir und die Portugiesen ihn dennoch die Ehre an, und liessen ihn mit 200. Grenadiers bis vor sein Schloss convoyren. Da wir denn bald hernach 50. kanonen von der Citadelle lösen höreten, worauf wir Antwort gaben; Unsere Grenadiers aber kamen erstlich in 3. Stunden zurück, indem sie der Gouverneur mit Wein, Brandtewein und Bisquit dergestalt begeistern lassen, dass viele unter ihnen taumelten.

Wir alle suchten auf einige Stunden die Ruhe, und hatten unsern Leuten Ordre hinterlassen, dass, wenn des Gouverneurs Wagens kämen, sie ihnen alle ihm zugedachte Sachen sollten aufpacken helffen, und nachdem wir ungefähr 4. Stunden geschlaffen hatten, befanden wir, dass schon ziemliche Lasten auf die Citadelle gebracht worden.

Des folgenden Morgens machten wir noch eine und andere Anstallten auf unsern Schiffen, wobei die Portugiesen zu vernehmen gaben, dass sie nicht gesonnen wären, sich länger auf dieser Insul aufzuhalten, ungeachtet es ihnen bei dem wackern Gouverneur sehr wohl gefiele, sondern sie sähen sich genötiget zu eilen, weilen ihr starcker Vorteil und Nutzen darauf beruhete, da ohnedem ihre Schiffe, die eben nicht so grossen Schaden gelitten, bereits fast vollkommen ausgebessert wären. Demnach wolten sie in GOttes Nahmen bei ersten günstigen Winde abseegeln, und uns GOtt befehlen, weil sie uns aus zweierlei Ursachen nicht zumuten könnten, weiter mit ihnen in Compagnie zu fahren, sondern wir sollten uns ja Zeit zu Ausbesserung unserer Schiffe nehmen, weil wir eine noch viel gefährlichere und weitere Reise vor uns hätten, als sie. Hergegen erboten sie sich auf eine recht liebreiche Art, die gefangen gewesenen Christen-Sclaven, welche mit ihnen nach Europa zu seegeln Lust hätten, nicht allein franck und frei bis nach Portugall mit zu nehmen, sondern auch unterweges sie mit der besten schiffes-Kost zu accommodiren, über dieses einem jeden Christen, der mit ihnen nach Europa reisen wolte, 100. dukaten und ein gut Stück Tuch nebst anderm Zubehör zur Kleidung zu geben versprachen. Nicht etwa in der Absicht, dass sie ihnen dienstbar sein, oder die schiffes-Arbeit sollten mit verrichten helffen; Nein! keinesweges, es sei denn zur Zeit der Not, wenn ein jeder Hand mit anzulegen verbunden wäre.

Mein Bruder und ich lobten der Portugiesen Generositée, und versprachen, unsern gefangen gewesenen Mit-Christen gedoppelt so viel zum Geschencke auf die Reise mit zu geben.

Demnach liessen wir die in Freiheit gesetzten Christen alle vor uns kommen, deren denn 4. Frauenzimmer und noch 36. Manns-Personen waren. Ich kündigte ihnen die Generositée der Herren Portugiesen, und mein und meines Bruders Erbieten an; worüber sie sich alle ungemein erfreut bezeigten. Hierauf trat die Dame zu mir, und sagte in Gegenwart aller: Mein Herr! ich habe von Dero Leuten vernommen, dass sie nach dem Vorgebürge der guten Hoffnung zu seegeln; Ich bitte gehorsamst, mich arme betrübte Wittbe um wenigstens bis dahin mit zu nehmen, weilen ich verhoffe, dass ich daselbst Engelländische, oder doch wenigstens Holländische Schiffe antreffen werde, deren mich eines aus Commiseration auf eine in den Ost-Indischen Gewässern gelegene Insul vielleicht mitnehmen möchte, denn ich kan nicht läugnen, dass ich wenig in Mitteln habe; dancke aber doch dem Himmel, dass er so gnädig gewesen, mir zu vergönnen, dass ich mitten in dem Treffen mit den Barbaren unsere Pässe, Wechsel-Briefe, Obligationes und dergleichen listiger Weise erretten können; sonsten aber habe von allem unsern Gelde, Gut und Kleidern nichts behalten, als einige Jubelen, Ringe und GoldStücke, die doch ingesamt keine 5. oder 6000. Tlr. wert sind, komme ich aber glücklich auf die Insul, wo mein seliger Mann eine starcke Forderung hat, so wird mir und den Meinigen schon geholffen sein, ich will den übrigen Rest meines Lebens auf dieser Insul beschliessen, und mich, so lange meine Augen offen stehen, niemals wieder auf die See wagen, viellieber mein in Engelland noch habendes Vermögen im Stiche lassen, wenn meine Verwandten so unbarmhertzig sein sollten, mir